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„Mein Lebensfürst, mein auserkor‘nes Teil“

von Friedrich Adolf Lampe (1683-1729)
zu Melodie zu Psalm 51

1. Mein Lebensfürst, mein auserkor‘nes Teil,
Wie kann ich g‘nug in Ewigkeit erkennen
Die Liebesglut, darin du wolltest brennen
Und öffnen mir den Weg zum wahren Heil?
O dass mein Herz so schmelzen mög‘ wie du!
Um dir in voller Dankbarkeit zufließen
Und dir die Frucht dann bringen wieder zu
die mir aus deiner Angst und Tod kommt sprießen.

2. Du hubst dein Leiden an in dunkler Nacht,
Um mir die Nacht der Sünden zu zerteilen.
Ich sehe dich aus Salems Pforten eilen,
Und mir des Himmels Pforten aufgemacht.
Du schwebst dahin durch Kidrons schwarzes Tal,
Um aus dem Schlamm der Sünden mich zu heben.
Am Ölberg wartet auf dich Angst und Qual,
Um deines Friedens Ölzweig uns zu geben.

3. Im Garten ward die Todesfrucht gepflückt,
Im Garten war das höchste Gut verloren:
Und du hast einen Garten dir erkoren,
Wo du dem Rachschwert Gottes mich entrückt.
Hier wurdest du in Traurigkeit versenkt,
Mit Furcht und Schrecken um und um befangen,
Dass ich von allem, was mich nagt und krankt,
In deiner Angst Befreiung möcht erlangen.

4. Der Lebenssaft zerbrach der Adern Band,
Und drang mit Macht durch alle deine Glieder:
Du sankest gar im Staub der Erde nieder,
Wurd’st als ein Wurm bedeckt mit Blut und Sand.
Sonst hätt‹ ich müssen in der Hölle Gruft,
Verzweifelnd, ewig in dem Feuer schwitzen,
Und in des Abgrunds allertiefsten Kluft
Mich krümmen unter deines Zornes Blitzen.

5. Der Übeltäter Schar dringt auf dich ein
In großem Grimm, mit Fackeln, Schwerer und Stangen,
Ein einzeln unbewehrtes Lamm zu fangen.
So würde wider mich gewütet sein
Von Belials ergrimmter Drachenschar,
Um ein verlornes Schaflein zu verschlingen,
Hätt’st du dich nicht dem Wolf gestellet dar,
Als Hirte, seinen Raub ihm abzuzwingen.

6. Du liessest deinen anmutsvollen Mund
Mit einem schnöden Joabskuss beflecken,
Um meines Herzens Falschheit zu bedecken,
Und deine Felsentreu zu machen kund.
Die Jünger flohen, denn du wollst allein
Ohn‘ allen Trost des Zornes Kelter treten
Für die, die sonst in steter Höllenpein
Von dir verbannt zu sein verdient hätten.

7. Man stellte dich vors scharfe Blutgericht,
Die falschen Zeugen brachten ihre Klagen;
Und du hast nicht ein Wort drauf wollen sagen:
Weil ich auf Tausend könnt antworten nicht.
Ich hatte deines Namens Heiligkeit
Mit Mund und Tat verlästert und zerbrochen:
Drum wurde dir in Ungerechtigkeit
Als einem Lästerer der Stab gebrochen.

8. Die Backenstreiche, die die böse Rott‹
Mit Speichel mischte, die hatt‹ ich verschuldet.
Du hast die allerherbste Schmach erduldet,
Sonst war ich worden aller Teufel Spott.
Vornehmlich hat man deines Lehramts Ehr,
O mein Prophet! recht freventlich verhöhnet,
Dass die Verachtung deiner Gnadenlehr,
Die ich begangen, möchte sein versöhnet.

9. Hat Petrus dreimal dich aus Furchtsamkeit
Verleugnet, und damit dein Herz durchstochen:
Ach, wie viel öfter hab‹ ich Treu gebrochen!
Doch es ist mir, o Herr, wie Petro leid.
Und darum hast du den treulosen Knecht
Beständig noch zu lieben fortgefahren.
Ach! bring mich auch, wenn ich verirrt, zurecht.
Lass deinen Geist dies schwache Rohr bewahren.

10. Man schleppt dich frühe vor Pilatus Haus:
Weil du auch willst für Unbeschnitt‘ne leiden,
So gibt man dich an Sünder aus den Heiden.
Man schreit als einen Aufruhrstifter aus
Dich Friedensfürst, den König aller Welt.
Herr! ich bekenn die Schuld, ich war verloren
Weil ich mich deinen Feinden zugesellt,
Und meine, Lust zum König hatt‹ erkoren.

11. O Unrecht! dass man dich mit Barrabas,
Dem Mörder, auf die Waagschal‹ durfte setzen:
O Gräuel! dass man dich durft‹ schlimmer schätzen.
O Raserei! o mehr, als Kains Hass!
Doch warum zürn ich mit der Juden Wut?
Ich Seelenmörder bin so toll gewesen,
Ich hab elenden Dampf fürs höchste Gut,
Ich hab den Tod fürs Leben auserlesen.

12. Das Mordgeschrei, das an den Himmel stieß,
War nicht so schwer, als meine Sünden riefen,
Die Ströme Bluts, die dir vom Leibe triefen,
Da dich Pilatus scheußlich geißeln ließ,
Sind mir zum Spiegel der blutroten Schuld,
Der Höllenstreiche, der Gewissenspfriemen,
Die du für mich erlitten in Geduld,
Dass ich genesen möcht durch deine Striemen.

13. Der Ehrenkönig trägt ein Purpurkleid,
Damit ich möcht in reiner Seide glänzen;
Den blut‹gen Scheitel müssen Dornen kränzen
Zu schenken mir den Kranz der Herrlichkeit.
Man tritt den Glanz der höchsten Majestät,
Durch spöttisch Krönen freventlich mit Füßen,
Weil ich sonst ewiglich verdienet hätt‹
Als Frevler wie der Gottes Kron‹, zu büßen.

14. O Gottes Lamm! wie willig trägest du
Das Fluchholz, um den Fluch von mir zu heben.
Das Holz, das mir sollt Lebensfrüchte geben,
Und unter seinem Schatten schaffen Ruh.
Du Himmelszierde! Du hängst nackt und bloß,
Um meiner Nacktheit Schande zu bedecken.
Du wirst zum Scheusal für mich Erdenkloß,
Um von dem Sündendienst mich abzuschrecken.

15. Du bist, du knochenvolles Golgatha,
Das Trau‹rgerüste, drauf der Schöpfer litte,
Der Kampfplatz, drauf der Weibessame stritte:
Der Schauplatz, drauf man’s höchste Wunder sah.
Hier hänget aller Opfer Gegenbild.
Der Bürge zahlet hier den, letzten Scherfen.
Hier wird durchbohrt mein ein‹ger Glaubensschild
Vom Pfeil, den Gottes Zorn auf mich wollt werfen.

16. Der zwischen Erd‹ und Himmel Frieden schafft,
Hängt als ein Scheusal zwischen Luft und Erden.
Sollt ich der Engel Mitgeselle werden,
Er musste zwischen Mördern sein verhaft.
Sein ganzer Rock und sein gevierteilt Kleid,
Zur Beute ward den Knechten überlassen.
So sollt das Kleid seiner Gerechtigkeit,
Der ganzen Welt gevierten Kreis umfassen.

17. Des Bundes Blut erwies die erste Kraft,
Am Schächer, der noch in den letzten Stunden
Durch wahre Buß und Glauben Gnad gefunden.
Für alle Sünde war nun Rat geschafft.
Doch ist aus Tausend Einem dies geschehn,
So ist dem sichern Fleisch nichts eingeräumet,
Der andre Schächer musst‹ zu Grunde gehn,
Weil er die rechte Gnadenzeit versäumet.

18. Der Tag ging Jesu unter und mir auf.
Dem Sonnenschöpfer will kein Licht mehr scheinen.
Der Helfer muss als ein Verlassner weinen.
Sein Angstgeschrei hemmt der Geschöpfe Lauf.
Wer zittert nicht? Der Löw‘ aus Juda brüllt:
Den Sohn der Liebe trifft des Vaters Rute:
Was Wunder, dass sich die Natur verhüllt?
O Seelenlicht, was schenkst du mir zu gute?

19. Nun weiß ich, dass die Macht der Finsternis
Zerstöret ist. Muss ich schon ratlos gehen
Durch dunkle Täler, und verlassen stehen
Von allem Trost, so bin ich doch gewiss,
Die Sonne muss vorher von Glut und Schein
Beraubet in des Abgrunds Kluft sich senken,
Eh‹ ich von Jesu werd geschieden sein,
Und eh‹ er nicht wird meiner mehr gedenken.

20. Du wirst, o Lebensbrunn! vor Durst verzehrt,
Kaum ist ein Tröpflein Essig, dich zu laben,
Und alle Ströme deiner Himmelsgaben
Sind meinem Durst in Überfluss beschert.
Du gibst dein Leben endlich in den Tod;
Dringst durch den Tod ins Paradies zum Leben,
Um mir in meiner letzten Todesnot
Aus freier Gnad die Lebenskron‹ zu geben.

21. Drum soll, so lang ein‹ Ader in mir schlägt.
Mein Herz dein Kreuzesbildnis in sich schließen,
Mein Mund in Lobgesängen sich ergießen,
Mein Alles sein zum Opfer dargelegt.
Die Sünde, die dir solche Zentnerlast
Hat aufgebürdet, will ich stets verfluchen,
Und was du für mich abgetragen hast,
Mit treuer Liebe zu vergelten suchen.

22. Die Seite, die dir ist mit einem Speer
Durchstochen, soll mir sein zur Zufluchtskammer,
Darin ich mich fest an dein Herze klammer,
Wenn Belial mich jagt mit seinem Heer.
Dein Blut mir stets zum offnen Brunnen sei,
In dessen Abgrund ich die Schuld verliere.
Schenk deines Geistes Wasser mir dabei,
Der mit dem Schmuck der Heiligkeit mich ziere.

23. Kommst du mit Blut und Wasser dann zu mir,
Ich will dir Blut und Wasser wieder bringen,
Ich will mich durch den offnen Vorhang zwingen,
Und nahen in Freimütigkeit zu dir.
Ich will in meinem legten Todeskampf
Des Blutes Kraft, des Geistes Pfand anrühren.
Dein Blut wird gießen aus der Höllen Dampf,
Dein Geist ins himmelsvolle Erbteil führen.

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