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Adolph Zahn über die letzten Dinge

Die letzten Dinge 1

Wenige Regulative möchten wir gegen die schrankenlosen Liebhabereien 2 auf dem genannten Gebiet in Kürze geben.

Über drei aufeinanderfolgende Offenbarungen in der Geschichte des Reiches Gottes geht das biblische Wort nicht hinaus: über die Offenbarung des Heils in dem Sohn Gottes, über die Offenbarung des Abfalls von diesem Heil in der Gemeinde Christi durch den Antichrist und über die Offenbarung des jüngsten Gerichts durch die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit.

In diesen drei Offenbarungen bewegte sich schon die vorbildliche Geschichte Israels. Der Gabe des Gesetzes schloß sich unter scheinheiligen Formen der Abfall des Volkes und das göttliche Gericht an. Auch in der Zeit der Erfüllung verläuft so die Geschichte Israels. Dem Menschensohn tritt eine aufrührerische Kirche und ein Sohn des Verderbens 3 entgegen, und dann folgt in dem Untergang Jerusalems das völlige Gericht des jüdischen Volkes.

Die apokalyptischen Reden des Herrn, manche Reichsgleichnisse lassen auf seine erste Erscheinung eine Zeit der Verführung durch die falschen, Unkraut säenden Christi kommen und dann das Weltgericht durch die Wiederkunft des Menschensohns.

Ohne jeglichen genügenden Beweis zerstört man eben das „Ganze“ der Schrift, wenn man diesen klar gezeichneten Weltgang Gottes durch die Eintragung einer noch zu erwartenden Erscheinung des in einer Person auftretenden Antichrist, einer zwiefachen Wiederkunft des Herrn, eines tausendjährigen Reiches, einer Bekehrung der jüdischen Nation durchbrechen und verändern will.

1. Die Schrift weiß nur von einer Wiederkunft des Herrn, an die sich alsbald die Auferstehung der Toten, die Verwandlung der noch lebenden Gläubigen und das allgemeine Gericht anschließt, aus welchem die ewige Seligkeit der Gerechten bei dem Herrn und das ewige Verderben der Ungerechten bei den Teufeln hervorgeht. Die Gründe für eine der letzten Wiederkunft des Herrn vorangehende sogenannte erste Wiederkunft sind so nichtig, daß sie eigentlich einer Widerlegung nicht wert sind. Mt. 25,31 ff. trennt man durch eine große Zeitenpause von dem Vorhergehenden; ebenso werden wir einen längeren Gedankenstrich zwischen dem „zuerst“ (1. Thess. 4,16) und dem „danach“ (V. 17) zu machen haben. Auch 1. Kor. 15,23 u. 24 werden wir wieder zwischen „danach“ und „danach“ soviel einschieben können als uns beliebt, obwohl offenbar die Wiederkunft Christi und das Ende zusammenfällt. Selbst Mt. 23,39 („der Jubelruf des jüdischen Volkes bei der ersten Wiederkunft des Messias“) hat man hierher gezogen. Doch erklärt sich jenes Wort aus der Methode des Matthäus, welcher längere Redeabschnitte bildet und einen geschichtlich vor Mt. 21 hingehörenden Ausspruch hier angebracht hat.

2. Die Offenbarung eines besonderen Antichrist wird die Zukunft nicht bringen. Der Apostel beschreibt seinen Antichrist in grauenvollen von irdischen, sich selbst vergötternden Gewalthabern entlehnten Bildern 4 und denkt dabei so wenig an eine bestimmte Person, wie Johannes, der eben diesen geweissagten Antichrist in viele Antichristen auflöst. Auch der Herr sprach von vielen falschen Christi, die nach ihm kommen würden: er hätte sie auch den falschen Christ nennen können mit demselben Recht, wie Jesaja den Gottlosen — im Gegensatz zu den Elenden, welchen geholfen wird — durch den Odem der Lippen des Messias getötet sieht 5. Der Antichrist ist der in allen Zeiten des Reiches Gottes nach der in niederhaltenden (to katecon) Predigt des Evangeliums sich offenbarende Abfall der einst gläubigen Gemeinde an die Christi des Betruges, an die lügnerischen Christi menschlicher Erfindung: an Baal-Jehova, an Jehova genannten Kälber, an die abgöttische mit den Weltmächten buhlende Hure, an den falschen Propheten.

3. Wir haben für das jüdische Volk als Nation keine Aussichten der Bekehrung mehr: als Nation ist das Volk gerichtet, die Tage der Rache haben sich an ihm erfüllt und erfüllen sich an ihm 6, der Zorn Gottes ist bis ans Ende 7, d. i. in völliger, unwiederruflicher Vollstreckung über dasselbe gekommen: das Volk ist nichts als ein Gerichtsschauspiel Gottes bei sichtbarem fleischlichem Wohlstand. Darum faßt der Herr die Zerstörung Jerusalems und das Weltgericht zusammen und die Offenbarung Johannis steht eben in dem Gericht des Babylon-Jerusalem, des Sodom und Ägypten, wo unser Herr gekreuzigt wurde, das völlige hoffnungslose Gericht desselben 8. Paulus greift in der bekannten Stelle 9 nicht über seine Zeit hinaus und spricht entweder von einem geistlichen Israel, — und dafür lassen sich gewichtige, gar nicht zu bespöttelnde Gründe anführen — oder er verstand unter dem „ ganzen Israel“ nur eine neue Auswahl des Volkes unter den bis dahin Verstockten, welche noch damals sich bekehren werde. Für das ganze Israel als Volk, oder für Massenbekehrungen unter demselben hat niemals weder das prophetische noch das apostolische Wort irgend welche Hoffnung gehabt. Es sind immer nur „die verlorenen Schafe des Hauses Israels“ die Erben der Verheißung. Die jahrhundertlange Selbstverhärtung der Juden sollte Beweis genug für die Wahrheit der Worte Stephani sein 10. Auch bringen die letzten Zeiten keine besondere Geistesausgießung, sondern eine völlige Entziehung des Geistes von der Menschheit 11.

4. Die Offenbarung Johannis, deren Erklärung aus der ganzen Schriftund Glaubenseinheit heraus zu geben oder in Bescheidenheit und Vorsicht bei entgegenstehenden Resultaten beiseite zu legen ist, gibt uns nirgend ein Recht, unter ihren symbolischen Formen solche Unterschiede zu machen, daß wir nach Belieben die Bilder massiv fassen und dann wieder ganz geistig auflösen. Nachdem der Prophet von Kap. 4,20 das Gericht über das mit den Weltmächten buhlende, abgöttische, fleischliche Israel (Babylon-Jerusalem) beschrieben hat, sieht er nach demselben eine Zeit anbrechen, wo die junge Christenheit unter dem Regiment Christi gedeihen, der Satan durch das Wort gebunden (niedergehalten) wird und die Gemeinde des Herrn einen Triumph über den Tod feiert (erste geistige Auferstehung), während die Welttoten tot bleiben und noch einen anderen schrecklicheren Tod zu erwarten haben. Alsdann enthüllt sich aufs neue der Abfall von dem Wort (Erscheinung des Antichrist) und das Weltgericht macht dem Weltsturm ein Ende. Es war die apostolische Zeit eine Zeit der Gebundenheit des Satans, auch die reformatorische: wir haben keine Hoffnung auf eine neue Bindung der geistlichen Lüge: das Gericht ist nahe. Die Symbolik der Zahl 1000 bedarf wohl keines Beweises?

5. Eine besonnene Vergleichung und Ausgleichung der unten angegebenen Schrifstellen 12ergibt das Resultat, daß wir einen neuen Himmel und eine neue Erde nicht in dem Sinne zu erwarten haben, daß uns noch eine Schöpfung derselben als vollkommene Neuschöpfung oder als eine Erdenumwandlung bevorstehe. Vielmehr ist mit der „Wiederherstellung aller Dinge“ in Christo auch der neue Himmel und die neue Erde gegeben, in welche er als in „das Paradies Gottes“, als in die „vielen Wohnungen“ seine Erlösten führt, um „allezeit bei ihm zu sein.“

Die zukünftige Welt hat ihre Vollendung und ihren Ausbau bereits durch den in sie zuerst eingegangenen König empfangen.

Wir sind über die reformatorische Betrachtung der letzten Dinge nicht hinausgekommen. Es ist ein krankhafter Zug unserer Zeit, sich über das Verständnis der grundlegenden Wahrheiten der Reformation mit apokalyptischen Spielereien hinwegzuhelfen. An dem Jammer der Zeit glaubt man nicht die Nähe eines tausendjährigen Reiches, sondern die Nähe des Gerichtes Gottes und sucht für dasselbe die Gerechtigkeit des Glaubens gefunden und bewahrt zu haben.

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Fußnoten:

  1. aus: Adolph Zahn, Wanderung durch die heilige Schrift, 1869, S. 175-77 der Internetausgabe
  2. Zahn denkt wohl an die Chiliasten und Darbisten seiner Zeit.
  3. Ev. Joh. 17,12 vergl. 2 Thess. 2,3 ff. 307 Jes. 14,13; Daniel 11
  4. Jes. 14,13; Daniel 11
  5. Jes. 11,4
  6. Lk. 2,22
  7. 1. Thess. 2,16
  8. Offb. 11,8; 18 u. 19
  9. Röm. 11,26
  10. Apg. 7,51
  11. 1. Tim. 4,1 ff; 2. Tim. 3,1 ff, (vergl. 1. Mo. 6,3 u. Mt. 24,39; Jud. 19)
  12. Jes. 65,17; 66,22-60, 19; 30,26; Lk. 23,43; Joh, 14,2; 17,24; 2. Kor. 12,4; Offb. 21; 2. Petr. 3,12 u. 13; Hebr. 2,5
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