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Athanasius: Erklärung der Psalmen und warum wir sie singen sollen…

Der Kirchenvater Athanasius (295/298-373) ist uns vor allem bekannt durch seine wichtige Rolle in den trinitarischen Auseinandersetzungen des 4. Jahrhunderts. Er kämpfte wie vielleicht kein anderer gegen die Irrlehre des Arius, der lehrte, dass Christus nicht der ewige Gottessohn sei, sondern geschaffen in der Zeit. Dem gegenüber vertrat Athanasius die biblische Lehre: »Der Sohn ist vom Vater allein, nicht gemacht noch geschaffen, aber gezeugt« (Athanasianum); «gezeugt, nicht geschaffen« (Nizäno-Konstantinopolitanum).

Doch Athanasius war keineswegs ein staubtrockener Theologe. Wie mehr oder weniger alle Kirchenväter lagen auch bei ihm Orthodoxie (die rechte Lehre) und Doxologie (die Anbetung Gottes) ganz nah beieinander, ja sind letzten Endes eins.

In einer kleinen Schrift, einem »Brief an Marcellinus«, äußert sich Athanasius leidenschaftlich über den Nutzen des Psalters in der Frömmigkeit, sowohl im Gebet als auch im Gesang. Er listet bestimmte Psalmen für allerlei Angelegenheiten, Anfechtungen und geistliche Nöte auf und erinnert uns, dass wir hier nicht ein Erbauungsbuch aus Menschenhand haben, sondern eine von Gott inspiriterte »Anatomie der Seele«.

Er schreibt:

… so können nunmehr die Leser in jedem einzelnen, wie schon gesagt, die Bewegungen und den Zustand der eigenen Seele finden, ebenso für die einzelnen Fälle ein Vorbild und eine Anleitung, durch welche Worte man dem Herrn gefallen kann, durch welche Worte man sich bessern und dem Herrn Dank sagen kann, damit nicht der, welcher anders spricht, in Gottlosigkeit verfalle. Denn nicht bloß über die Werke, sondern über jedes unnütze Wort müssen wir dem Richter Rechenschaft geben.

Diese Beobachtung deckt sich übrigens mit der eines anderen großen Wiederentdecker des Psalters – Johannes Calvin – von dem uns Folgendes überliefert ist:

Mit gutem Grund nenne ich gewöhnlich das [Psalm]buch eine Aufgliederung aller Teile der Seele. Denn jede Regung, die jemand in sich empfindet, begegnet als Abbild in diesem Spiegel. Ja, hier hat uns der Heilige Geist alle Schmerzen, Traurigkeit, Befürchtungen, Zweifel, Hoffnungen, Sorgen, Ängste, Verwirrungen, kurzum all die Gefühle, durch die Menschen innerlich hin und her geworfen werden, lebensnah vergegenwärtigt. Die übrige Schrift enthält die Gebote, die Gott seinen Dienern mitgeteilt hat, um sie uns zu verkündigen. Hier aber reden die Propheten selber mit Gott, und weil sie ihre geheimen Gedanken ans Licht bringen, sprechen sie jeden von uns an und bringen uns zur Selbstprüfung. Auf diese Weise bleibt keine der vielen Schwächen, denen wir unterworfen sind, auch keine der vielen Fehler, die in uns reichlich vorhanden sind, verborgen. Es ist ein seltener und außerordentlicher Erfolg, wenn das Herz offenbar wird, nachdem all seine Schlupfwinkel durchforscht sind und es vom schlimmsten Verderben, der Heuchelei, gereinigt ist. Wenn schließlich das Gebet zu Gott die stärkste Stütze unseres Heils ist, kann man dazu nirgendwo eine bessere und zuverlässigere Anleitung finden als im Buch [der Psalmen]. Jedem, der bei ihrem Verständnis große Fortschritte macht, wird ein gutes Stück himmlischer Weisheit zuteil. [Calvin-Studienausgabe, Bd. 6, Neukirchen-Vlyn: Neukirchner Verlagsgesellschaft, S. 21]

Hier ist die Schrift online in der Bibliothek der Kirchenväter zu finden. Und hier kann sie als pdf heruntergeladen werden.

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