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»Bekennen oder leugnen?« – Sind Bekenntnisse schuld an der Misere der Kirche?

Als Pastor einer konfessionellen Kirchengemeinde höre ich immer wieder den Vorwurf, kirchliche Bekenntnisse widersprächen dem reformatorischen Grundsatz »sola scriptura« (»Allein die Schrift!«). Man sagt: Weil die Schrift allein das Wort Gottes ist und deshalb die Wahrheit, brauchen wir neben der Heiligen Schrift keinerlei menschliche Bekenntnisse. Ja mehr noch, solche menschlichen Bekenntnisse drohen die Autorität der Bibel zu unterwandern.

Dahinter steckt die Denkweise, dass »wahre biblische Christen« keine Bekenntnisse haben oder brauchen, da sie eben »nur an die Heilige Schrift« glauben. Bekenntnisse sind im besten Fall eine Krücke für schwache Christen, im schlimmsten Fall werden sogar auf einer Ebene gesehen mit der Autorität, die die römisch-katholische Kirche der kirchlichen Tradition beimisst.

Natürlich sollte es jedem historisch einigermaßen interessierten Christen auffallen, dass die Wiederentdecker des genannten »sola scriptura»-Grundsatzes, die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, im Großen und Ganzen gleichzeitig diejenigen waren, die selbst eifrig Bekenntnisse und Katechismen verfasst und ein solches kirchliches Bekenntnis für eine absolute Notwendigkeit gehalten haben. Doch historisch interessiert sind leider längst nicht alle Christen. Und so wird dieser Vorwurf immer wieder laut.

1. Das erste, was dazu zu sagen ist, ist dass es lobenswert ist, wenn heute überhaupt noch Jemand das »sola scriptura« des Protestantismus verteidigen möchte. Die Frage ist jedoch, ob diejenigen, die scharf gegen kirchliche Bekenntnisse (ob lutherisch oder reformiert oder baptistisch oder was auch immer) schießen, wie das jüngst Wolfgang Nestvogel in einem Interview auf einer dubiosen 1Webseite getan hat, sich und dem von ihnen vorgeschützten Anliegen nicht in Wirklichkeit einen Bärendienst erweisen. 2

2. Das Zweite. Im Grunde ist der Einwand, kirchliche Bekenntnisse widersprächen der Bindung an die Schrift allein, ein Strohmann. 3 Das heißt, hier wird ein Feindbild erzeugt, das so gar nicht existiert. Ich kenne keinen Fürsprecher eines klaren, kirchlichen Bekenntnisses in der protestantischen Welt Deutschlands (Ausnahmen bestätigen sicher die Regel!), der nicht gleichzeitig ein »biblischer« Christ sein wollte oder eine »biblische Gemeinde« bauen wollte. Reformierte oder lutherische Konfessionelle wollen nicht die Bibel durch ihr kirchliches Bekenntnis ersetzen. Keineswegs!

Im Gegenteil, wir als reformierte Gemeinde wollen genau deshalb eine konfessionell-reformierte Kirche sein, weil unsere Bekenntnisse, erstens, die Heilige Schrift so sehr in den Vordergrund rücken als einzig wahren evangelischen Erkenntnisgrund; 4 und zweitens, weil die Bekenntnisse ernst machen mit dem »sola scriptura»-Ansatz. Unsere Bekenntnisse, davon sind wir überzeugt, sind wahre, angemessene Zusammenfassungen der Lehre der Heiligen Schrift. Sie ersetzen nicht die Schrift, genauso wenig wie eine Gebrauchsanweisung den CD-Player ersetzt, aber sie sind wahr in dem Maße, wie sie die Lehre der Heiligen Schrift wiederspiegeln. 5 Dass wir die Heilige Schrift allein für unfehlbar halten wird u.a. daran deutlich, dass wir, zusammen mit allen reformierten Kirchen, unseren Bekenntnisstand für grundsätzlich revidierbar halten. Wenn jemand daher kommt und uns, als Kirche, eines Besseren belehrt von den Seiten der Heiligen Schrift, dann werden wir unser Bekenntnis auch dementsprechend gerne anpassen.

3. Drittens, und hier führe ich meinen Gedanken fort – nicht nur beanspruchen wir, d.h. konfessionelle Kirchen, genauso den Anspruch »biblisch« zu sein, wie all diejenigen, die Bekenntnisse ablehnen; wir sind im Grunde auch die Einzigen, bei denen dieser Anspruch überprüfbar und überhaupt zu legitimieren ist.

Was meine ich damit? Wenn ich einen Pfarrer oder Theologen frage, »Was glaubt du von der Jungfrauengeburt?« und er antwortet: »Das was die Bibel sagt, denn ich bin ja ein biblischer Theologe!« – dann ist das nicht sehr hilfreich. Wenn wir realistisch sind, wissen wir, dass 10 so genannte biblische Theologen zu 5, 7 oder gar 10 verschiedenen Ansichten über nahezu jede Frage kommen! Wenn ein Theologe jedoch antwortet: »Der ewige Sohn Gottes, der wahrer und ewiger Gott ist und bleibt, hat durch Wirkung des Heiligen Geistes wahre menschliche Natur aus dem Fleisch und Blut der Jungfrau Maria angenommen, so dass er auch der wahre Nachkomme Davids ist, seinen Schwestern und Brüdern in allem gleich, doch ohne Sünde« 6 – dann habe ich etwas in der Hand, um über Orthodoxie (rechte Lehre) oder Heterodoxie (Irrlehre) urteilen zu können. Ist die Antwort des zweiten Theologen weniger biblisch als die des ersten, weil sie auf ein menschliches Bekenntnis zurück geht? Beileibe nicht! Verantwortungsbewusster, ja »bibeltreuer« Umgang mit der Heiligen Schrift erfordert, dass ich Rechenschaft ablege darüber, was ich glaube, das diese Heilige Schrift aussagt und lehrt; wie sich die unterschiedlichsten Aussagen innerhalb dieses großen Buchs theologisch zueinander verhalten, ja überein bringen lassen. Nicht wer auf alle Fragen ein aus dem Zusammenhang gerissenes Bibelzitat auf den Lippen hat, ist der »biblische« Christ, sondern der, der die Heilige Schrift in ihrer Gesamtheit und die in ihr enthaltene Lehre in ihren inneren Zusammenhängen begreift und mit eigenen Worten angemessen wiedergeben kann.

4. Viertens, ein Bekenntnis ist unvermeidlich. Das ist wohl das schlagkräftigste Argument. Es lässt sich nicht aushebeln. Jeder Christ ist ein bekennender Christ, ob er will oder nicht. Jeder Christ trägt eine theologisch gefärbte Brille. Keiner geht »neutral«, »untheologisch«, »bekenntnislos« an die Heilige Schrift heran. Selbst ein Außerirdischer, der heute auf dem Mond eine King James-Bibel amerikanischer Astronauten finden würde, würde sehr schnell beim Lesen einen bestimmten Schlüssel anwenden, mit dem er die verschiedenen Aussagen miteinander harmonisiert, synchronisiert, intrepretiert. Kurz, er hätte sogleich eine Theologie. Insbesondere in unserer Eigenart als Sünder sind wir nicht neutral in unserer Bibellektüre und unserem Bibelverständnis. Wir ziehen alle Schlüsse aus dem, was wir in der Bibel gelesen haben und fügen diese ein in ein wie auch immer geartetes »System«.

Diese Wahrheit wird deutlich, wenn die beiden bereits erwähnten Interviewgäste, Nestvogel und Kauffmann, respektive die sechste Frage des Interviews beantworten: beide tun dies mit einem lupenreinen Bekenntnis. (Interessanterweise, wie nicht anders zu erwarten, wird selbst in diesen kurzen »Bekenntnissen« schon einiges deutlich von der Art des Bekenntnisses, d.h. aber auch von der Theologie des jeweiligen Interviewgasts.)

Der Unterschied ist nicht zwischen denen, die Bekenntnisse haben und schätzen und denen, die das nicht tun; nein, der Unterschied ist zwischen denen, die Rechenschaft ablegen über ihr eigenes und kirchliches Bekenntnis und die (Einzelpersonen oder Kirchen), die das nicht tun. Die, die ein öffentliches Bekenntnis haben und ablegen, machen sich damit verletzlich und kritikfähig; die, die das nicht tun, wollen sich von niemandem in die Karten schauen lassen. Welches ist nun die bessere, biblisch angemessenere Haltung? Der Leser urteile selbst.

Deshalb besteht die Gefahr der von Nestvogel angemahnten »konfessionalistischen Engführung« noch viel mehr bei denen, die ein privates Bekenntnis haben, über das sie keine Rechenschaft ablegen, als bei denen, die sich ein öffentliches, kirchliches Bekenntnis angeeignet haben.

5. Und schließlich ein fünfter Gedanke: Entgegen der Sicht von Dr. Nestvogel, dass eine »konfessionalistische Engführung« … »auf keinen Fall« die Lösung für die Misere der Kirche heute sein kann, sage ich: Doch! Sicherlich gibt es nicht »die eine« Lösung für die Misere der Kirche, aber die Wiederentdeckung des kompromisslosen Glaubensbekenntnisses – sowohl als individuelle Christen als auch als Kirchen – halte ich für die größte Not unserer Zeit. Ich bin davon überzeugt, dass Reformation immer da beginnt, wo sich Christen individuell und gemeinsam in ihren Kirchen zurückbesinnen auf das Wort Gottes und die reine biblische Lehre. Die Kirche Jesu Christi kann aber nur immer da neu vom Wort Gottes her geprägt und verändert werden, wenn sie sich selbst und anderen Rechenschaft ablegen kann von dem, was die Heilige Schrift lehrt – und dies in die Praxis umsetzt! Christen und Kirchen, die solch eine Rechenschaft, in Form von menschlichen Worten (andere haben wir nunmal nicht!) und Bekenntnissen, ablehnen, stehen jeder echten Reformation damit im Wege. Sie mögen vielleicht den Papst in Rom ablehnen, aber doch haben sie am Ende den Papst in ihren eigenen Herzen. Ja, sie sind ihr eigener Papst, da sie eine private Theologie und ein privates Bibelverständnis, ja ein privates Bekenntnis haben, das nichts und niemand in der Welt, ja vielleicht nicht einmal die Heilige Schrift und damit Gott selbst in Frage stellen und korrigieren kann. So gesehen ist die Ablehnung des Bekenntnisses der Kirche auch immer eine Weigerung, sich als Christ und Individuum unterzuordnen, und damit auch ein Autoritätsproblem. Man hält sich selbst für unfehlbar, und verteufel die Weisheit Anderer und der Kirche.

Darüber hinaus dürfte kaum Jemandem entgangen sein, dass wir nicht in einer Zeit leben, die nach christlichen Platitüden verlangt. Vielmehr sind wir in Westeuropa längst wieder beim status confessionis angelangt, d.h. es ist an der Zeit, dass wir wieder klar von Christus reden und ihn bekennen, ansonsten verleugnen wir ihn de facto. Wer sich heute Sorgen macht, wir könnten an einer »konfessionalistischen Engführung« leiden, hat den Finger nicht ganz am Puls der Zeit und diagnostiziert die geistliche Lage unserer Nation nicht richtig.

Ich kann es nur als Ironie bezeichnen, dass Dr. Nestvogel in seiner Diagnose der Misere der Kirche im Interview beklagt, dass die Kirche »seit Jahrzehnten an einem fortschreitenden theologisch-lehrmäßigen Substanzverlust leidet.« Genau dieser Not versucht eben die Rückbesinnung auf das christliche Bekenntnis zu begegnen, samt der Praxis der Katechese, in der Christen und Gemeinden das Bekenntnis »einüben« und es sich in wachsendem Maße aneignen.

Lasst uns den Glauben mutig bekennen in unserem Leben als Christen! Und lasst uns als Kirchen und Gemeinden Flagge zeigen, indem wir bekennen, was wir glauben und an wen wir glauben – koste es, was es wolle!

Fußnoten:

  1. »Dubios« sage ich deshalb, weil der Betreiber der Webseite anscheinend lieber anonym bleiben will.
  2. Korrekterweise muss man sagen, dass Nestvogel sich in dem Interview nicht gegen kirchliche Bekenntnisse an und für sich wendet, sondern gegen eine »konfessionalistische Engführung«. Doch eine gewisse (und weit verbreitete) Verwirrung wird offenbar, wenn er im Folgenden von »Luther« und »Calvin« spricht, als ob damit schon ein bestimmtes Bekenntnis genannt wäre. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zwischen den Schriften eines Theologen einerseits, wie hoch man jenen auch jeweils schätzen mag, und kirchlichen Bekenntnissen andererseits – selbst wenn sie, wie im Falle des Zweiten Helvetischen, des Niederländischen, aber auch des Augsburger Bekenntnisses mehr oder minder aus der Feder eines einzelnen Theologen stammen. Die reformierten Kirchen beispielsweise sind relativ gesehen weitaus weniger interessiert daran, was Calvin gesagt hat (z.B. in der Institutio), als daran, was die reformierten Kirchen in Heidelberg im Jahre 1563, in Dordrecht 1618-1619 und in London 1643-1647 beschlossen und verabschiedet haben. Im Gegensatz zu den Schriften und Meinungen von Privattheologen haben solche Bekenntnisse kirchliche und rechtliche Bedeutung, während es die Schriften Calvins, Bullingers oder Bucers nicht haben. Ich gehe davon aus, Nestvogel meint mit »konfessionalistischer Engführung« unter anderem auch, was er in den Ereignissen an der ART Hannover erlebt hat – die Festlegung (ob wiederholt oder neu soll hier nicht diskutiert werden) auf kirchlich sanktionierte, historische Bekennnisse, sei es im Rahmen einer theologischen Ausbildungsstätte oder der Gemeindearbeit.
  3. Dies wird besonders deutlich in einem Interview auf der schon genannten Webseite mit einem Karl-Hermann Kauffmann, der auf höchst unqualifizierte und historisch naive Art und Weise die konfessionellen Kirchen der Reformation für »Mord und Vefolgung« verantwortlich macht. (Dass er im selben Atemzug Lehre und Praxis von solch problematischen und heterodoxen Persönlichkeiten wie Menno Simons, Michael Sattler, Felix Manz, Balthasar Hubmayer, Konrad Grebel, Georg Blaurock als »gesund« bezeichnet, macht ihn restlos unglaubwürdig.)
  4. Vgl. die entsprechenden Artikel zur Lehre von der Heiligen Schrift, etwa Artikel 3-7 des Niederländischen Glaubensbekenntnisses. Hierin findet sich, zusammen mit dem Westminster Bekenntnis, wahrscheinlich die höchste Inspirations- und Schriftlehre aller Bekenntnisse und Theologien überhaupt!
  5. Zur Rolle der Bekenntnisse sowie zur abgeleiteten Autorität des kirchlichen Bekenntnisses, vgl. meinen Vortrag Die Rolle des kirchlichen Bekenntnisses sowie der Beitrag hier.
  6. Heidelberger Katechismus, Fr. 35.
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