Blog

Bekenntnisse – Eine normierte Norm

Wie verstehen wir kirchliche Bekenntnisse? Anders gefragt: welche Autorität messen wir ihnen bei?

Zwei Extreme lauern auf uns:

  1. dass wir unserem Bekenntnis keine echte Autorität beimessen, es deshalb auch nicht kirchlich in irgendeiner Form verbindlich sein kann, und wir es deshalb auch gleich bleiben lassen können
  2. dass wir unserem Bekenntni. eine so hohe Autorität beimessen, dass es nicht mehr hinterfragbar ist, sondern der neue Papst wird und sogar über der Schrift steht.

Historisch gibt es seit der Reformation zwei Positionen in Bezug auf die Autorität der Bekenntnisse. Jede Position wird durch ein kleines lateinisches Wörtchen ausgedrückt:

  1. quatenus („insofern…“)
  2. quia („weil…“)

Nach der ersten Position (quatenus) ordnet man sich dem Bekenntnis unter, insofern es mit dem Wort Gottes übereinstimmt. Es gibt gewissermaßen zwei Kreise, die möglicherweise (!) eine Schnittmenge haben. Das muss aber im Einzelfall immer geprüft werden.

Nach der zweiten Position (quia) haben die Bekenntnisse Autorität, weil es mit dem Wort Gottes übereinstimmt. Auch hier gibt es zwei konzentrische Kreise, doch hier sind sie praktisch deckungsgleich.

Um den Unterschied mit einem Beispiel deutlich zu machen:

  • Wenn ich sage: „Ich liebe Äpfel, insofern sie gut schmecken!“ lasse ich grundsätzlich etwas offen, da ich im Einzelfall nicht weiß ob dieser oder jener Apfel mir schmeckt. Deshalb ist es nicht unbedingt gut, mir einen Apfel zu schenken, denn vielleicht schmeckt er mir ja nicht.
  • Wenn ich aber sage: „Ich liebe Äpfel, weil sie mir gut schmecken!“ mach ich eine globale Aussage über Äpfel. Jeder, der mir einen Apfel schenken will, weiß, dass der mir dann auch schmecken wird.

Im ersten Fall ist also im Grunde alles offen, im zweiten Fall ist etwas grundsätzlich entschieden.

Auf das Bekenntnis angewandt bedeutet das:

In ersterem Verständnis bleibt die Frage nach der Autorität des Bekenntnisses in der Luft hängen. Es ist eine offene Frage, da kontinuierlich und in jedem spezifischen Einzelfall erneut geprüft wird, ob das Bekenntnis denn biblisch ist. De facto hat ein so verstandenes Bekenntnis keinerlei praktische Autorität. Schlimmer noch, jeder Pastor kann sich beispielsweise in Lehrstreitigkeiten oder wenn er unter Disziplinarverfahren steht, darauf berufen, dass die Lehre des Bekenntnisses an der einen oder anderen Stelle einfach nicht biblisch sei – seiner Meinung nach. Diese Sicht endet also notwendigerweise am Ende bei einem Meinungsaustausch.

Nach der quatenus-Sicht hat ein Bekenntnis nur Autorität insofern es punktuell mit der biblischen Lehre übereinstimmt. Ob es das tut, ist ständig neu zu erörtern und kann niemals gültig festgehalten werden. Solch eine „Bindung“ an ein Bekenntnis ist eigentlich eine Farce und überlässt dem Einzelnen die Freiheit, was in dem Bekenntnis er annehmen und was er verwerfen will.

In zweiterem Verständnis ist die Frage nach der Autorität des Bekenntnisses grundsätzlich geklärt. Nach einem Prozess der Prüfung und erneuten Prüfung legen Repräsentanten einer Kirche ein Bekenntnis vor. Dies ist nicht im theologischen Vakuum entstanden, sondern in Rücksprache mit den Kirchenvätern, den altkirchlichen Bekenntnisschriften sowie dem Schatz an kirchlichen Bekenntnissen seither.

Doch auch nachdem diesem Bekenntnis bescheinigt wird, dass es in der Tat biblisch ist, wird es der Kirche nicht einfach wie eine Zwangsjacke übergestülpt. Ein Prozess ist erforderlich, indem die betroffene Kirche sich dieses Bekenntnis zu eigen macht, ja es, wie man sagt, adoptiert. Niemand kann gezwungen werden, dieses Bekenntnis für biblisch zu halten.

Doch in dem Moment, wo eine Kirche sich ein Bekenntnis zu eigen macht, definiert dies selbstverständlich die Grenzen der kirchlichen Gemeinschaft. Das Bekenntnis wird zur kirchlichen Selbsterklärung: dies ist, was wir glauben! Und wer dies nicht teilt, der sollte sich eine andere Kirchen suchen oder vielleicht zu den Freikirchen gehen, wo der christliche Glaube, wenn er denn vorhanden ist, anscheinend jederzeit neu definiert werden kann. Nach dieser quia-Sicht hat das betreffende Bekenntnis Autorität eben weil es sich mit der Schrift deckt und also solches anerkannt und adoptiert wurde.

Es lässt sich relativ leicht zeigen, dass in der Kirchengeschichte seit der Reformation die quia-Position (das Bekenntnis hat Autorität, weil es der Bibel entspricht!) das klare Mehrheitsvotum war, und zwar bei Lutheranern und bei Reformierten.

Das quia-Verständnis des Bekenntnisses sagt aus: ich habe das Bekenntnis geprüft und bin mit der Kirche der Überzeugung, das was das Bekenntnis sagt, sagt auch die Schrift! Deshalb schulde ich dem Bekenntnis Folge zu leisten wie der Schrift selbst, ja ich schulde dem Bekenntnis Folge zu leisten als der Schrift.

Ich denke nur diese Sicht macht aus den Bekenntnissen keine wirkungslose Farce einerseits, aber auch keinen papierenen Papst andererseits. Die Bekenntnisse sind hier eine verbindliche Norm (norma), aber auch eine normierte Norm (norma normata) – und zwar normiert durch die Schrift selbst. So, und nur so, sind kirchliche Bekenntnisse völlig harmonisch in Einklang zu bringen mit dem sola Scriptura-Prinzip der Reformation.

Ähnliche Beiträge:

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Bekenntnisse. Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.