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Sabbatlektüre: Warum wir den Sonntag feiern…(Calvin)

Ich muß hier gezwungenermaßen etwas länger verweilen; denn heutzutage erheben unruhige Geister wegen des Herrntages (Sonntages) viel Lärm. Sie beklagen sich heftig, die Christenheit werde durch die Beobachtung bestimmter Tage im Judentum festgehalten!

Ich antworte demgegenüber: es hat gar nichts mit dem Judentum zu schaffen, wenn wir solche Tage feiern, denn wir unterscheiden uns in dieser Hinsicht von den Juden sehr beträchtlich. Wir behandeln doch den Herrntag nicht wie eine Zeremonie, die wir mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit einhielten, etwa weil uns darin ein geistliches Geheimnis abbildlich vor Augen gestellt würde, sondern wir verstehen ihn als ein Mittel, das zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kirche notwendig ist!

Aber man erwidert weiter: Paulus sagt doch, man solle dem Christen wegen der Beobachtung „bestimmter Feiertage“ kein „Gewissen machen“, weil die doch nur Schatten der zukünftigen Dinge sind (Kol. 2,16.17), ja er fürchtet, an den Galatern vergebens gearbeitet zu haben, weil diese noch bestimmte Tage beobachteten (Gal. 4,10.11); auch schreibt er den Römern, es sei Aberglaube, wenn jemand zwischen Tag und Tag einen Unterschied mache (Röm. 14,5).

Aber wer — außer diesen wilden Männern! — sieht denn nicht, was Paulus hier im Auge hat, wenn er vom Halten bestimmter Tage spricht? Die Leute hatten damals als Ziel nicht die rechte öffentliche, kirchliche Ordnung vor Augen, sondern sie hielten die Tage als Schattenbilder der geistlichen Dinge bei und verdunkelten insofern Christi Ehre und das Licht des Evangeliums. So feierten sie nicht deshalb von ihrer Berufsarbeit, weil diese sie heiligem Eifer, heiliger Betrachtung entzog, sondern in einer gewissen religiösen Scheu, weil sie nämlich träumten, mit ihrem Feiern das Gedächtnis einst hochgerühmter Geheimnisse zu wahren. Gegen diese verkehrte Unterscheidung von Tagen geht der Apostel vor, nicht aber gegen die rechtmäßige Ordnung, die dem Frieden der christlichen Gemeinde (societas christiana) dient.

Denn auch in den von ihm selbst geordneten Gemeinden wurde in diesem Sinne der Sabbat gehalten. Er verordnet den Korinthern ja selbst diesen Tag, damit sie an ihm die Beisteuer zur Hilfe für die Brüder in Jerusalem einsammelten (1. Kor. 16,2). Fürchtet man den Aberglauben: da waren die jüdischen Feiertage gefährlicher als der Herrntag, den die Christen feiern! Denn weil es zur Abschaffung des Aberglaubens erforderlich war, wurde den Juden ihr heiliger Tag genommen — und weil es zur Wahrung der guten Sitte, der Ordnung und des Friedens in der Kirche nötig war, wurde ein anderer Tag an seine Stelle gesetzt!

J. Calvin, Institutio, II,8,33

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