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Das Gebet der Gemeinde oder das Gebet des Pastors?

Frage 103 des Heidelberger Katechismus beschreibt das »Programm« eines typischen Tag des Herrn folgendermaßen:

Gott will zum einen, dass das Predigtamt und die christliche Unterweisung erhalten bleiben und dass ich besonders am Feiertag zu der Gemeinde Gottes fleißig komme. Dort soll ich Gottes Wort lernen, die heiligen Sakramente gebrauchen, den Herrn öffentlich anrufen und christliche Almosen geben.

Darin enthalten sind Dinge:

  1. Ich soll »fleißig« kommen, d.h. zu jedem Gottesdienst, zu dem die Gemeinde einberuft.
  2. Ich soll dort »Gottes Wort lernen«. Das heißt, ich soll mit der Erwartung kommen, dass der Herr, erstens, zu mir sprechen wird; und zweitens, dass ich noch viel zu lernen habe über und vom Wort Gottes, und dass ich das vor allem in der Predigt tun kann.
  3. Ich soll die »die heiligen Sakramente gebrauchen«. Dies bedeutet, dass ich sie nicht nur »über mich ergehen lasse«, sondern dass ich den größtmöglichen Gebrauch von ihnen mache; dass ich mich durch sie ans Evangelium erinnern und zu neuem Gehorsam anspornen lasse.
  4. Ich soll, ja wir sollen alle, »den Herrn öffentlich anrufen«.
  5. Und schließlich sollen wir »christliche Almosen«, d.h. großzügig von unserem Geld für die Kollekte opfern zum Wohle der Bedürftigen in der Gemeinde und darüber hinaus.

Manche bemerken, dass in unseren Gottesdiensten keine Gelegenheit eingeräumt wird, ja dass es nicht unsere Praxis ist, dass wir ein »offenes Gemeindegebet« haben. Der öffentliche Gottesdienst ist, abgesehen von den logistischen Problemen einer Gebetsgemeinschaft im Gemeindesaal, nicht der Ort und die Zeit für öffentliche Gebete von einzelnen Gemeindegliedern, Männern und Frauen.

Aber wird dann das »lange Gebet«, das »Morgengebet« oder das »pastorale Gebet« (wie man es auch immer nennen mag) nicht zu einer Soloveranstaltung des Pastors? Wie kann ich, zusammen mit der ganzen Gemeinde, »am Feiertag« … »den Herrn öffentlich anrufen«, wenn der Pastor der Einzige ist, der laut betet?

Die erste Antwort liegt bereits in unserem Amtsverständnis begründet. Was fällt Besuchern in unserer Gemeinde auf, wenn sie den Saal zum Gottesdienst betreten? Der Pastor trägt einen Talar! Warum? Damit kommt auch äußerlich zum Ausdruck, dass der Pastor kein »Alleinunterhalter« ist, sondern dass er wechselseitig »Gott repräsentiert«, und zwar indem er von ihm und für ihn redet (Ruf zur Anbetung, Lesungen, Absolution, Predigt, Segen) und die Gemeinde repräsentiert (v.a. im Gebet).

So ist die Gemeinde gehalten, das Gebet des Pastors – eines der Herzstücke des Gottesdienstes – zu ihrem eigenen Gebet zu machen.

Ein paar praktische Ideen, wie das noch besser gelingen kann; wie meine eigene Stimme im Gebet des Pastors noch besser zu Wort kommen kann:

  1. Schon im Vorfeld kann ich dem Pastor meine Gebetsanliegen mitteilen, damit er sie gegebenenfalls in das Gebet mit einfließen lässt.
  2. Gut zuhören: Das pastorale Gebet ist nicht die Zeit, um endlich nach dem lang ersehnten Bonbon zu kramen, oder die Grafik im Faltblatt zu vollenden. Interessiertes und intelligentes Zuhören ist natürlich der erste Schritt!
  3. Sprich das »Amen« zum Schluss des Gebets laut und überzeugt mit. Das sprichwörtliche »Amen in der Kirche« ist kein akustisches Signal, dass jetzt etwas anderes kommt. Nein, es ist gerade die kollektive, gemeindliche Zustimmung zu dem gerade Gebeteten. (Vgl. Katechismus, Frage 129)
  4. Nimm die Gebetsanliegen des Pastor auf in dein persönliches Gebet. Der Pastor versucht, in regelmäßigen Abständen für alle wichtigen biblischen Anliegen zu beten. Nimm dir ein Beispiel daran und trage die Gebetsanliegen mit nach Hause.
  5. Versuche, vom Gebet des Pastors zu lernen. Der Pastor betet (bei uns!) ein vorbereitetes Gebet, d.h. er hat sich hingesetzt und sich Gedanken gemacht über den Inhalt; wie er biblische Anliegen mit biblischer Sprache, Verheißungen, Formulierungen beten kann. Uns allen gehen in unserem persönlichen Gebet manchmal die Worte aus. Da ist es hilfreich, wenn wir voneinander lernen können und die biblische Sprache uns nach und nach in Fleisch und Blut übergeht.

Sicher gibt es noch mehr Ideen, aber dies ist ein Anfang, um sich das gottesdienstliche Gebet noch mehr persönlich »anzueignen«.

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