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Das größte Drama aller Zeiten (Dorothy Sayers)

[aus: Dorothy L. Mayers, Das größte Drama aller Zeiten, Drei Essays und ein Briefwechsel zwischen Karl Barth und der Verfasserin, Theologischer Verlag Zürich 1982]

Die offizielle kirchliche Verkündigung hat seit einiger Zeit eine „schlechte Presse“. Man versichert uns dauernd, die Kirchen seien darum so leer, weil Prediger zu viel Gewicht auf die Lehre legten: auf das „langweilige Dogma“, wie man zu sagen pflegt. Man lasse mich einmal sagen, dass genau das Gegenteil wahr ist; es ist die Vernachlässigung des Dogmas, die die Predigten so langweilig macht. Der christliche Glaube ist das aufregendste Drama, das der menschlichen Einbildungskraft je geboten wurde. Und gerade im Dogma ist er als dieses Drama verstanden und dargestellt.

Wenn wir das in den Glaubendbekenntnissen der Kirchen klar bezeugte Drama langweilig finden, dann haben wir diese erstaunlichen Schriftstücke entweder nie wirklich gelesen oder aber so oft gedankenlos rezitiert, dass wir alle Empfindung für ihren Sinn verloren haben. Es geht in der Handlung dieses Dramas um eine einzige Person, und sein ganzer Gang ist die Antwort auf ein einziges zentrales Problem: „Was dünket euch um Christus?“ Bevor wir uns eine von den unkirchlichen Antworten auf diese Frage (von denen einige in der Tat äußerst langweilig sind!) zu eigen machen und bevor wir dann Christus als einer Mythenfigur, einem Idealisten, einem Demagogen, einem Schwindler oder Geisteskranken den Abschied geben, dürfte es nichts schaden, noch einmal ruhig festzustellen, was denn eigentlich in den Glaubensbekenntnissen von ihm gesagt ist: Was hält die Kirche von Christus?

Ihre Antwort ist kategorisch und kompromisslos. Sie lautet: dass Jesus, der Sohn Josephs, der Zimmermann von Nazareth, in Tat und Wahrheit im genauesten und wörtlichen Sinn Gott war, „durch den alle Dinge geschaffen wurden“, Er war nach Leib und Seele ein gewöhnlicher Mensch; seine Person aber war die Person Gottes, in der Gestalt und in den Schranken menschlicher Existenz. Er war nicht eine Art Dämon oder Spukgestalt, er lebte nicht bloß angeblich und scheinbar als Mensch. Er war in jeder Hinsicht ein wahrer, lebendiger Mensch. Er war aber nicht nur ein so vollkommener Mensch, dass er „Gott gleich“ war – er war Gott.

Dies dürfte nicht ein frommer Gemeinplatz – dies dürfte überhaupt kein Gemeinplatz sein. Denn damit ist unter anderem jedenfalls auch dies gesagt: was immer Gott bewogen haben mag, den Menschen zu schaffen, wie er ist – beschränkt und leidend, dem Schmerz und dem Tode unterworfen-, er hatte den Anstand und den Mut, die von ihm verordnete Medizin auch selbst zu schlucken, Welches Spiel er immer spielen mag mit seiner Schöpfung, er hat sich an seine eigenen Regeln gehalten und mitgespielt. Er verlangt nichts vom Menschen, was er nicht zuerst von sich selbst verlangt hat. Er hat alle menschlichen Erfahrungen durchlaufen: von den alltäglichen Ärgerlichkeiten des Familienlebens und den hemmendem Druck der körperlichen Arbeit und Armut bis zu dem Furchtbarsten des Schmerzes, der Erniedrigung, der Niederlage, der Verzweiflung und des Todes. Als er ein Mensch war, da war er es ganz. Er wurde im Elend geboren, er starb in Schande und hielt es für der Mühe wert, das alles zu erleiden.

Das Christentum ist nun freilich nicht die einzige Religion, die die beste Erklärung des menschlichen Lebens in der Idee eines menschgewordenen und leidenden Gottes zu finden meint. Auch der ägyptische Osiris starb und auferstand. Auch Äschylus versöhnt (in seinen „Eumeniden“) den Menschen mit Gott in der Theorie vom leidenden Zeus. Aber wenn das Leiden und Sterben des Gottes nach diesen Theologien in einer fernen und mystischen Vorzeit geschieht, so beginnt die christliche Geschichte nach der Angabe des Matthäus fröhlich an einem bestimmten Ort und unter einem bestimmten Datum: „Als Jesus geboren wurde zu Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes.“ Und noch praktischer und prosaischer fixiert Lukas die Sache, indem er sich auf ein Ereignis der damaligen Finanzpolitik bezieht. Gott wurde Mensch, sagt er, in dem Jahr, als der Cäsar Augustus anlässlich eines Steuerplans eine Volkszählung veranstaltete. Gerade wie wenn bei uns ein Ereignis datiert würde mit der Angabe: Es geschah in dem Jahr, als Großbritannien den Goldstandard aufgab! Rund 33 Jahre später, wird uns dann berichtet, wurde Gott, weil er ein politisches Ärgernis geworden war, hingerichtet: „unter Pontius Pilatus“, wie wenn man heute sagen würde: „zur Zeit, da Mr. Joynson-Hicks Minister des Innern war!“ Es ist alles so genau und konkret wir nur möglich.

Es möchte uns vielleicht angenehmer sein, diese Geschichte nicht allzu ernst nehmen zu müssen. Denn manches an dieser Geschichte ist sehr beunruhigend. Da hatten wir, mitten unter uns wandelnd und redend, einen Menschen göttlichen Wesens – und was wussten wir mit ihm anzufangen? Das gemeine Volk freilich „hörte ihn gerne“. Unsere führenden Autoritäten in Kirche und Staat fanden, er rede zu viel und sage dabei allerlei irritierende Wahrheiten. Und so bestachen wir einen seiner Freunde, ihn in aller Stille der Polizei auszuliefern. Wir machten ihm mit einer reichlich allgemeinen Anklage wegen Unruhestiftung den Prozess. Wir ließen ihn öffentlich auspeitschen und an den gemeinen Galgen hängen „und dankten Gott, dass wir den Schelm los waren“. Das alles hätte uns auch dann nicht eben Ehre gemacht, wenn er (wie manche dachten und noch denken) nur ein harmloser verrückter Sektenprediger gewesen wäre. Aber wenn die Kirche mit ihrem Bekenntnis zu ihm im Recht ist, dann war das alles sehrt viel schlimmer: der Mensch, den wir gehenkt haben, war der allmächtige Gott!

Das also ist im Umriss die Aussage der Kirche: sie ist der Bericht von der Zeit, da Gott mit Füßen getreten, geschlagen wurde, da er sich selbst den von ihm selbst aufgestellten menschlichen Lebensbedingungen unterwarf und den Menschen gleich wurde, die er geschaffen hatte, und da die Menschen, die er geschaffen hatte, ihn schlugen und töteten. Das ist das Dogma, das wir so langweilig finden: dieses schreckliche Drama, in welchem Gott das Opfer und der Held ist.

Wenn das langweilig ist, was, um Himmels willen, ist dann wert, aufregend genannt zu werden? Das muss man denen, die Christus am den Galgen brachten, zubilligen, dass sie ihn jedenfalls nicht etwa anklagten, langweilig zu sein. Im Gegenteil: sie fühlten sich in ihrer Sicherheit durch seine Dynamik aufgestört. Es war späteren Generationen vorbehalten, das Bild dieser alles erschütternden Persönlichkeit abzudämpfen und mit einer Atmosphäre von Schwäche zu umgeben. Wir wussten dem „Löwen von Juda“ seine Pranken sehr wirksam zu beschneiden! Wir gaben ihm das Zeugnis, der „freundliche Jesus, sanft und mild“ zu sein. Wir empfahlen ihn als geeigneten Hausliebling für bleiche Geistliche oder für fromme alte Damen. Denen, die ihn kannten, machte er in keiner Weise den Eindruck eines harmlosen Milchgesichtes; sie widerstanden ihm als einem gefährlichen Feuerbrand. Ja, er war zart mit den Unglücklichen, geduldig mit den ehrlichen Suchern und demütig vor dem Himmel. Es machte ihm aber auch nichts aus, ehrwürdige Kirchenmänner als Heuchler zu beleidigen. Er hat den König Herodes „diesen Fuchs“ genannt. Er ging in höchst unpassender Begleitung in gute Gesellschaft und musste sich als „ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Geselle“ bezeichnen lassen. Er überfiel zu ihrer Entrüstung würdige Geschäftsherren und warf sie und ihre Habe zum Tempel hinaus. Er kutschierte quer durch so und so viele eisgrau-sakrosankte Überlieferungen. Er machte Kranke gesund, wie es ihm gerade passte: mit einer ärgerlichen Unbekümmertheit um anderer Leute Schweine und Eigentum! Er zeigte keinerlei besondere Erfurcht vor Vermögen und Rang. Er entfaltete, wenn man ihm geschickte dialektische Fallen stellte, einen paradoxen Humor, der ernstgesinnte Leute vor den Kopf stoßen musste, und antwortete, indem er unangenehm forschende Gegenfragen stellte, die nicht im Handumdrehen zu beantworten waren. Er war als Mensch seiner Lebtage in der nachdrücklichsten Weise – kein langweiliger Mensch. Und wenn er Gott war, dann ist Gott wahrhaftig keine langweilige Angelegenheit. Es „zeigt sein Leben täglich eine Schönheit, die uns hässlich macht“, und die offizielle Welt fühlte, dass die bestehende Ordnung sicherer ohne ihn als mit ihm zu erhalten sei. So haben sie denn im Namen von Frieden und Ruhe mit Gott aufgeräumt!

„Und am dritten Tage auferstand er von den Toten.“ Was sollen wir damit anfangen? Eines ist sicher: Wenn er nur Gott und sonst nichts war, dann hat seine Unsterblichkeit für uns nichts zu bedeuten. Und wenn er nur ein Mensch und sonst nichts war, dann war sein Tod nicht wichtiger als der deine oder meine. War er aber wirklich beides: Gott und Mensch, dann starb Gott, indem der Mensch Jesus starb. Und als der Gott Jesus von den Toten auferstand, da auferstand dann auch der Mensch; denn in ihm waren Gott und Mensch eine Person. Die Kirche verpflichtet uns auf keine Theorie hinsichtlich des Wesens des auferstandenen Leibes Jesu Christi. Ein Leib irgendwelcher Art musste er wohl sein; denn anders als in den Grenzen des Raumes und der Zeit kann der Mensch das Unendliche nicht fassen. Er mag gebildet gewesen sein aus den Elementen desselben Leibes, der so seltsam aus dem bewachten Grabe verschwunden war. Er war aber sicher nicht der alte, beschränkte, sterbliche Leib, obwohl er wie dieser erkennbar war. Und jedenfalls waren und blieben die, die den auferstandenen Christus sahen, überzeugt, dass das Leben es wert ist, gelebt zu werden, und dass der Tod nichtig ist; einer sehr andere Haltung als die des modernen Defaitisten, der so fest überzeugt ist, dass das Leben ein Unglücksfall und der Tod – ein bisschen inkonsequent – eine noch größere Katastrophe sei.

Niemand ist gezwungen, auch nur ein einziges Wort dieser merkwürdigen Geschichte zu glauben. Nach der Lehre der Kirche hat uns Gott geschaffen in der völligen Freiheit, nicht an ihn zu glauben, solang es uns passt. Wenn wir nicht an ihn glauben, dann hat er und dann haben wir die Folgen zu tragen. Wir leben in einer Welt, in der Ursache und Wirkung regieren. Die Kirche lehrt weiter, dass der Mensch tatsächlich nicht an Gott glaubte und dass Gott selbst tatsächlich die Folgen tragen wollte. Immerhin: wollen wir etwas durchaus nicht glauben, so sollte es in der Regel als wünschenswert erscheinen, sich genau darüber zu vergewissern, was das ist, was wir nicht glauben wollen. „Der rechte Glaube ist es, was wir nicht glauben wollen. „Der rechte Glaube ist es, zu glauben, dass Jesus Christus Gott und Mensch ist. Vollkommener Gott und Vollkommener Mensch, bestehend aus einer vernünftigen Seele und einem menschlichen Leibe. Welcher, obwohl er Gott und Mensch ist, doch nicht zwei, sondern der eine Christus ist“. Das ist eine entscheidende Lehre. Die ganze ausgearbeitete Struktur der christlichen Glaubens- und Sittenlehre kann aus ihr nur die logischen Konsequenzen ziehen.

Wir können diese Lehre erleuchtend nennen oder verheerend. Wir können sie Offenbarung nennen oder auch alten Plunder. Wenn wir sie aber langweilig nennen, dann haben Worte keinen Sinn mehr. Dass Gott des Menschen Tyrann sei, das ist die düstere Meinung unfreier Sklaven. Dass der Mensch des Menschen Tyrann sei, das ist das übliche traurige Lied menschlicher Erbärmlichkeit. Aber dass der Mensch zum Tyrannen Gottes wird und in ihm einen besseren Menschen findet als in sich selber, das ist der Inhalt eines auf alle Fälle erstaunlichen Dramas. Jeder Journalist, der das zum ersten Male hören würde, würde es sofort als „Neuigkeit“ erkennen. Und die das zum ersten Male hörten, nannten es wirklich „Neuigkeit“, und zwar eine gute Neuigkeit – uns zum Trotz, die wir imstande sind zu vergessen, dass das Wort „Evangelium“ immer etwas so Sensationelles meinte.

Vielleicht ist das Drama nun ausgespielt und Jesus glücklich gestorben und begraben. Vielleicht. Es ist eine ironische und ergötzliche Erinnerung, dass diese Meinung wenigstens einmal in der Weltgeschichte in voller Überzeugung ausgesprochen worden sein könnte: am Vorabend von Jesu Auferstehung von den Toten.

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