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Das »Essen der Ungläubigen« – Heute noch lutherische Lehre?

In den »Artikel, in denen die Evangelischen Kirchen im Handel des Abendmahls einig oder spänig sind« von 1566 behauptet Ursinus, dass Lutheraner, im Gegensatz zu den Reformierten glauben…

alle die zum Abendmahl gehen und das Brot und den Wein nießen, sie seien gläubig oder ungläubig, die essen und trinken auch leiblich und mündlich das Fleisch und Blut Christi…

Damals mag er Recht gehabt haben. Doch gilt das auch noch für die lutherische Lehre vom Abendmahl in späterer Zeit?

In der lutherischen Dogmatik von Karl Friedrich August Kahnis, einem Standardwerk lutherischer Lehre von 1868, wird die Position der Konkordienformel beschrieben, die – im Rückgriff auf Luther – für alle (konfessionelle!) Lutheraner nach wie vor gilt.

Er sagt über Luthers Verständnis:

Die Einsetzungsworte legte er so aus, daß ihm das Subjekt ›Dieß‹ nicht bloß das Brot war, sondern auch das was das Prädikat von ihm aussagt, nämlich der Leib Christi. Aus dieser Zweiheit, welche das ›Dieß‹ zusammenfaßt, zieht das Prädikat synekdochisch das Wesensstück heraus, den Leib. Somit ist in, mit und unter dem Brote der Leib; in, mit und unter dem Weine das Blut Christi, so daß Ieder, der das Abendmahl empfängt, er sei würdig, er sei unwürdig, Leib und Blut in sich aufnimmt. Aber der Genuß des Leibes und Blutes Christi ist nur einem höhern Zwecke dienstbar, nämlich dem gläubigen Empfänger die Vergebung der Sünden zu versiegeln. 1

Interessant ist, wie Kahnis im Weiteren beschreibt, dass nach lutherischem Verständnis

die Reformierten mehr im Abendmahle empfangen als sie selbst lehren und begehren. Wo das heilige Abendmahl von einer christlichen Gemeinde stiftungsgemäß zum Gedächtnisse Christi gefeiert wird, empfangen die Genießenden, welcher Konfession sie auch seien, den Leib Christi.

Doch weiter sagt Kahnis:

Wer aber das erkannt hat, muß es auch bekennen. (…) Eine Kirche, welche Bekenntnißkirche sein will, in ihrem Abendmahlsbekenntnisse aber gerade ihre unterscheidende Eigenthümlichkeit hat, muß in der Feier des Abendmahls den Glauben betennen, welchen sie für schriftgemäß hält. Und das ist nicht ein Gedanke, der erst im 19. Iahrhundert den Lutheranern aufgegangen ist, sondern alte und allgemeine Ordnung in der lutherischen Kirche.
Nun ist ja die Abendmahlslehre ein überaus schwieriger Punkt, in dessen Begründung und Vermittelung sich Glaube und Wissen leicht trennen. Aber die lutherische Kirche kann die Milde, mit welcher sie auf alle Versuche ihrer Theologen dieß Geheimniß dem Verständnisse näher zu bringen eingeht, nicht so weit ausdehnen, daß sie ihr Bekenntniß aufgiebt, um der Wissenschaft freien Raum zu verschaffen. Sie hat also jeden Lutheraner, der ihr Abendmahl begehrt, nach dem Grundsatze: ›Ecclesia de internis non judicat‹ 2  für einen Bekenner ihres Abendmahlsglaubens zu halten. Aber eben nach diesem Maßstabe kann sie es nicht für ordnungsgemäß halten, daß ein Reformirter an ihrem Abendmahl theilnimmt, weil dieser, sofern er reformirt ist, zu dem Bekenntniß, mit dem sie spendet, nicht Amen sagen kann. Es ist ja gewiß, daß in dem Wesen der Kirche, die da Ein Leib und Ein Geist ist, allgemeine Abendmahlsgemeinschaft liegt.

Und schließlich zieht Kahnis für die Lutheraner die Konsequenz, die sich aus jeder konfessionell verbindlichen Abendmahlslehre und -praxis gibt: es kann keine Tischgemeinschaft mit denen geben, die dies Bekenntnis nicht von Herzen glauben.

Allein weil eben die Eine allgemeine Kirche in Konfessionen sich zerlegt hat, die gerade in der Abendmahlslehre sich unterscheiden, ist allgemeine Abendmahlsgemeinschaft dermalen nicht möglich. Selbst wenn die römische Kirche einem Protestanten ihr Abendmahl bieten wollte, was sie nach ihren Grundsätzen nicht kann, könnte der Protestant es nicht annehmen, weil er sich zu der Form nicht bekennen kann, in der es geschieht. Ein Protestant kann nicht die aufgehobene Hostie anbeten. Daß in dem lutherischen Abendmahlsglauben eine trennende Kraft liegt, hat die Union tatsächlich anerkannt, indem sie aus der Abendmahlsfeier das lutherische Abendmahlsbekenntniß beseitigt hat. (…)
Wenn also die lutherische Kirche den Grundsatz aufrechthalten muß, nur ihren Konfessionsgenossen das Abendmahl zu spenden, wird sie in der Art und Weise, wie sie ihn durchführt, zu beweisen haben, daß ihr diese Trennung ein Schmerz ist, daß der Grund derselben kein göttliches Gebot, sondern eine kirchliche Ordnung ist, vor Allem aber, durch schwere Erinnerung gewarnt, Alles vermeiden, was zu der Nachrede berechtigt, daß die Lutheraner das Abendmahl zur Parteifahne und zum theologischen Zankapfel herabsetzen. 3

Letzterem Rat sollten sich auch alle konfessionelle reformierte Kirchen beugen – das Abendmahl nicht »zur Parteifahne und zum theologischen Zankapfel herabsetzen«, bei all dem, was naturgemäß von denen trennt und trennen muss, die das Bekenntnis nicht teilen.

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Fußnoten:

  1. Kahnis, Die lutherische Dogmatik, S. 493.
  2. In etwa: »Die Kirche urteilt nicht über das Innere (oder die Gedanken).«
  3. Kahnis, Die lutherische Dogmatik, S. 501-2.
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