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Definition des Dispensationalismus

Der Dispensationalismus prägt in Deutschland, insbesondere in den Freikirchen, leider viel mehr Menschen, als überhaupt mit diesem Namen vertraut sind. Und wo Menschen davon geprägt sind, sind sie es leider häufig mehr als ihnen bewusst ist. 

Der Dispensationalismus ist, entgegen der landläufigen Meinung, nicht lediglich eine von mehreren möglichen Sichten des Verlaufs der so genannten »Endzeit«. Nein, er ist eher eine Weltanschauung, eine Herangehensweise an die Bibel insgesamt (Hermeneutik) und an die Geschichte.

Weil die Definition des Dispensationalismus immer etwas schlüpfrig ist, möchte ich hier einen Auszug aus der (bisher nicht erschienenen) deutschen Übersetzung eines englischen Buches darbieten.

Der Text stammt aus der Einleitung zu Keith Mathisons Buch, Rightly Dividing the People of God? 


 

Die Definition des Dispensationalismus

Ein Großteil der Verwirrung und Unwissenheit, die das Thema des Dispensationalismus umgibt, ist auf falsche Vorstellungen und ungenaue Definitionen zurückzuführen. Wie wir sehen werden, verschwendet man viel Zeit mit Diskussionen irrelevanter Fragen, einfach weil wichtige Begriffe nicht richtig definiert worden sind. Der Zweck dieses Kapitels ist es daher, klar und genau zu definieren, was der Dispensationalismus ist und was er nicht ist.

Der Dispensationalismus wird nur zu oft im Sinne seines kleinsten gemeinsamen Nenners definiert und wird somit nicht hinlänglich von anderen theologischen Systemen unterschieden. Stanley Toussaint beispielsweise definiert den Dispensationalismus als das theologische System, das „verschiedene Verwaltungen oder Haushaltungen in der Ausführung des Planes Gottes in der Geschichte anerkennt“. Diese Definition lässt alles weg, was für den Dispensationalismus einzigartig ist. Nahezu jedes System in der christlichen Theologie erkennt verschiedene Verwaltungen oder Haushaltungen in Gottes Plan an, und doch wäre es ungenau, zu behaupten, dass all jene Systeme dispensationalistisch wären. Der Dispensationalismus muss im Sinne seiner einzigartigen Eigenschaften definiert werden, nämlich dessen, was ihn von anderen theologischen Systemen unterscheidet.

Einige Beispiele könnten sich hier als hilfreich erweisen. Wäre es ausreichend, die Bundestheologie als das dogmatische System zu definieren, welches verschiedene Bündnisse innerhalb des Planes Gottes anerkennt? Nein! Auch Dispensationalisten und andere erkennen die biblischen Bündnisse an, können aber dennoch nicht als Bundestheologen betrachtet werden. Wäre es ausreichend, die baptistische Theologie als das zu definieren, was an die hohe Bedeutung der Taufe glaubt? Natürlich nicht! Auch andere theologische Systeme erkennen die Bedeutung der Taufe an. Könnte die charismatische Theologie angemessen als das theologische System definiert werden, welches an das Werk des Heiligen Geistes glaubt? Wiederum ist die Antwort ein deutliches Nein. Jedes System der christlichen Theologie erkennt das Werk des Heiligen Geistes an.

Ein theologisches System kann in seinem Gehalt nicht im Sinne der Lehren definiert werden, die es mit nahezu jedem anderen theologischen System gemeinsam hat. Also genügt es nicht, wenn man sagt, dass der Dispensationalismus jenes theologische System sei, das verschiedene Dispensationen (oder: Haushaltungen, VJ) anerkenne. Charles Ryrie, ein berühmter Dispensationalist, gesteht ein, dass „jemand an Dispensationen glauben und diese sogar in Beziehung zur fortschreitenden Offenbarung sehen kann, ohne selbst ein Dispensationalist zu sein.“

Manche haben argumentiert, dass der Kern des Dispensationalismus der Prämillennialismus sei. Das würde ihn zumindest zu einem Bestandteil in der Definition des Dispensationalismus machen. Ryrie stimmt dem jedoch nicht zu und bemerkt, dass „man nicht notwendigerweise zum Dispensationalisten wird, weil man Prämillennialist ist.“ Tatsächlich hat der Prämillennialismus in der einen oder anderen Form seit dem Ersten Jahrhundert existiert, während der Dispensationalismus erst um 1830 entstanden ist. Außerdem ist der Prämillennialismus die Ansicht, dass Christus vor dem Millennium, dem Tausendjährigen Reich, wiederkommen werde. Der Dispensationalismus ist ein theologisches System, das mehr umfasst als eine spezielle Auffassung über das Millennium. Der Prämillennialismus kann daher nicht mit dem Dispensationalismus gleichgesetzt werden.

Wenn der Dispensationalismus nicht einfach die Anerkennung verschiedener Dispensationen ist, und wenn er auch nicht mit dem Prämillennialismus identisch ist, was ist er dann? Was unterscheidet den Dispensationalismus von anderen theologischen Systemen? Charles Ryrie bietet uns folgende Antwort an:

„Das Wesen des Dispensationalismus liegt also in der Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche. Diese erwächst aus der konsequenten Anwendung der normalen oder einfachen Auslegung, und sie spiegelt ein Verständnis der Grundabsicht Gottes in allen seinen Regierungswegen mit der Menschheit wieder, durch die Errettung und auch durch andere Mittel sich selbst zu verherrlichen.“

In dieser Definition des Dispensationalismus stellt Ryrie drei Behauptungen auf:

  1. Zuallererst und im tiefsten Grunde ist das Wesen des Dispensationalismus die Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche.
  2. Diese Unterscheidung ist das Ergebnis einer konsequenten wörtlichen Schriftauslegung.
  3. Diese Unterscheidung spiegelt das Verständnis wieder, dass es der primäre Absicht Gottes sei, sich selbst zuverherrlichen.

Diese Behauptungen möchten wir nun in der umgekehrten Reihenfolge näher untersuchen.

Es ist der primäre Vorsatz Gottes, sich selbst zu verherrlichen

Bis in die jüngste Vergangenheit haben Dispensationalisten behauptet, dass sie allein Gottes erstrangigen Vorsatz in seiner eigenen Ehre und Verherrlichung sähen. Anderen theologischen Systemen, insbesondere der reformierten Theologie, warf man vor, zu lehren, dass Gottes höchster Vorsatz die Erlösung des Menschen sei. Daher behauptete man, dass der Dispensationalismus theozentrisch sei, wohingegen die reformierte Theologie angeblich anthropozentrisch sei.

Diese Charakterisierung der reformierten Theologie steht im Widerspruch zu den Tatsachen. Das zweite Kapitel des Westminster Bekenntnisses, das im Jahre 1646 abgeschlossen wurde und die letzte klassische reformierte Bekenntnisschrift war, erklärt, dass Gott alles zu seiner eigenen Ehre wirke. Das Kapitel 3 erklärt, dass die Prädestination zur Offenbarung der Ehre Gottes diene. Und in Kapitel 4 heißt es von der Schöpfung, dass sie zur Kundmachung der Ehre Gottes gereiche. Die Ehre oder Herrlichkeit Gottes zieht sich als ein dominantes Thema durch diese gesamte Bekenntnisschrift. Sie ist auch das dominante Thema der Westminster Katechismen. Tatsächlich lautet die Antwort auf die erste Frage des Kleinen Westminster Katechismus: „Die vornehmste Bestimmung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und ihn zu genießen in alle Ewigkeit.“

Außerdem haben zahlreiche reformierte Theologen gerade diesen Punkt ausdrücklich bekräftigt. Charles Hodge schrieb in seiner Systematic Theology, dass die Ehre Gottes der Zweck „des Universums als Ganzen“ sei, „der äußeren Welt oder der Werke der Natur; [und] des Erlösungsplanes.“ Archibald Alexander Hodge stimmt dem zu und sagt, dass die Ehre Gottes „der Hauptzweck ist, den Gott in allen seinen Absichten und Werken der Vorsehung und Erlösung verfolgt.“ Louis Berkhof dachte genauso: „Das Endziel ist die Ehre Gottes. Sogar die Errettung des Menschen ist ihr untergeordnet. Dass die Ehre Gottes der höchste Zweck der auserwählenden Gnade ist, wird in Epheser 1,6.12.14 überaus deutlich gemacht.“ Die reformierte Theologie erkennt eindeutig an, dass Gottes höchster Vorsatz seine eigene Ehre ist. Sie erkennt auch an, dass Gott viele ihr untergeordnete Absichten hat, von denen eine die Erlösung des Menschen ist. Die Behauptung, dass allein der Dispensationalismus die Ehre Gottes als den höchsten Vorsatz hinter allen Dingen sehe, entbehrt offensichtlich jeglicher Grundlage. Reformierte Theologen und reformierte Bekenntnisschriften proklamierten diese Wahrheit schon Jahrhunderte, bevor der Dispensationalismus überhaupt existierte. Sowohl der Dispensationalismus als auch die reformierte Theologie verstehen, dass Gottes höchster und erstrangiger Vorsatz seine eigene Ehre und Herrlichkeit ist, aus dem sich viele untergeordnete Absichten ergeben.

Konsequente wörtliche Schriftauslegung

Ryries zweite Behauptung ist, dass der Dispensationalismus sich einer konsequent wörtlichen Bibelauslegung bediene. Im Zusammenhang mit dieser Behauptung verdienen es in der Hauptsache zwei Punkte, hier erwähnt zu werden. Erstens waren Dispensationalisten trotz einschlägiger Bemühungen in ihrer wörtlichen Bibelauslegung nie völlig konsequent. So schrieb Cyrus Ingerson Scofield beispielsweise: „Es ist also erlaubt, die historischen Aussagen der Bibel zu vergeistlichen – solange man nur an ihrer historischen Wahrhaftigkeit festhält.“ John Walvoord, ein anderer prominenter Dispensationalist, besteht darauf, dass wenn eine alttestamentliche Prophezeiung sich auf Israel beziehe, sie buchstäblich das Volk Israel bedeuten müsse; wenn dieselbe alttestamentliche Prophetie jedoch von anderen Nationen wie den Assyrern oder den Philistern spreche, so beziehe sich dies nur auf das Land, welches einst von diesen Nationen bevölkert worden sei. Im Grunde könne jedes Volk, das diese Länder bewohne, diese Prophezeiungen erfüllen. Dies ist keine konsequente wörtliche Schriftauslegung.

Tatsache ist, dass niemand in seiner Auslegung der Heiligen Schrift absolut wörtlich sein kann. Die Bibel selbst lässt dies nicht zu. Es treten einige unüberwindliche biblische Hindernisse auf, wenn man versucht, in seiner exegetischen Methode konsequent wörtlich zu sein.
Denken wir an ein Beispiel: Die Dispensationalisten verstehen Hesekiel 40 bis 48 als eine Prophetie über den zukünftigen Tempel im Tausendjährigen Reich und den Gottesdienst, der dort stattfinden werde. Das Problem ist jedoch, dass zahlreiche Stellen in diesen Kapiteln die Praxis von Tieropfern beschreiben (Hesekiel 40,38-43; 42,13; 43,18-27; 44,11.27.29; 45,13-25; 46,2-7.11-15.20). Diese Verse sollten nicht wörtlich ausgelegt und in ein zukünftiges Tausendjähriges Reich hineingelegt werden, denn Hebräer 10,10-18 verbietet dies: „Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde“ (Vers 18). Dem Hebräerbrief zufolge ist der Zweck des Opfersystems erfüllt worden. Der ein für allemal geschehene Opfertod Christi hat die Darbringung von Tieropfern für immer beendet. Manche Dispensationalisten erwidern, dass diese Tieropfer lediglich Erinnerungsopfer seien, die zum Gedächtnis an den Tod Christi dargebracht würden. Doch genau das sagt Hesekiel wörtlich nicht. Hesekiel bezeichnet diese Opfer als „Sündopfer“ (Kap. 40,39; 43,19.21.22.25; 44,27.29; 45,17.22.23.25; 46,20). Und Hebräer 10,18 sagt, dass es nach dem Tode Christi kein Opfer für die Sünde mehr gibt. Außerdem heißt es von den Opfern in Hesekiel 45,15.17 buchstäblich, dass sie Sühnung tun:

„… und ein Stück vom Kleinvieh, von zweihundert, von dem bewässerten Lande Israel: Zum Speisopfer und zum Brandopfer und zu den Friedensopfern, um Sühnung für sie zu tun, spricht der Herr, HERR.“
„Und dem Fürsten sollen obliegen die Brandopfer und das Speisopfer und das Trankopfer an den Festen und an den Neumonden und an den Sabbaten, zu allen Festzeiten des Hauses Israel. Er soll das Sündopfer und das Speisopfer und das Brandopfer und die Friedensopfer opfern, um Sühnung zu tun für das Haus Israel.“

Es ist unmöglich, Hesekiel 40-48 in einer streng wörtlichen Weise in Bezug auf ein zukünftiges Tausendjähriges Reich auszulegen, ohne die eindeutige Lehre des Hebräerbriefes über das endgültige Opfer Jesu Christi zu verleugnen. Wenn man dies tut, fügt man einen Widerspruch in die Heilige Schrift ein, den man leicht vermeiden kann, wenn man die Beschreibungen Hesekiels als bildlich ansieht. Wenn die alttestamentlichen Propheten in bildlicher Weise unter dem Vorbild der levitischen Opfer über Christus prophezeien konnten, warum konnte Hesekiel dann nicht „[in bildlicher Weise] und in der Sprache des alttestamentlichen religiösen Systems, mit dem das alte Israel vertraut war, über das Gemeindezeitalter prophezeien?“ Jesus kam nicht als ein buchstäbliches Lamm mit vier Beinen und Wolle in die Welt, und genauso wenig wird ein zukünftiges Tausendjähriges Reich mit buchstäblichen, blutigen Opfern kommen. Die Dispensationalisten können in ihrer Auslegung dieses Abschnitts gar nicht konsequent wörtlich sein. Das würde die Wiedereinführung blutiger, sühnender (nicht zum Gedächtnis dienender) Tieropfer erfordern, was jetzt, wo Christus sich selbst als das endgültige Opfer dargebracht hat, unmöglich ist. Dispensationalisten müssen sich darüber bewusst werden, dass der Zusammenhang entscheidet, ob ein bestimmter Schriftabschnitt wörtlich oder bildlich auszulegen ist.

Die Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche

Das einzige unter den von Ryrie erwähnten Unterscheidungsmerkmalen des Dispensationalismus, das immer als zutreffend anerkannt worden ist, ist die Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche. Das spezifische dispensationalistische Verständnis steht im Zentrum dieses theologischen Systems. Den Dispensationalismus können wir daher als jenes theologische System definieren, welches einen fundamentalen Unterschied zwischen Israel und der Kirche sieht. Diese Unterscheidung ist der Eckstein in der dispensationalistischen Theologie. Andere Lehren, die häufig als spezifisch dispensationalistisch betrachtet werden, basieren auf dieser Lehre von der Kirche. Wenn diese Definition uns deutlich vor Augen steht, können wir einen Großteil der Verwirrung vermeiden, die dieses Thema häufig umgibt.

 


 

Zitierte Werke:

1 Stanley Toussaint, A Biblical Defense of Dispensationalism, in: Donald K. Campbell (Hg.), Walvoord: A Tribute, Chicago: Moody Press, 1982, S. 82-83.

2 Charles C. Ryrie, Dispensationalism Today, Chicago: Moody Press, 1965, S. 44. Eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe von Dispensationalism Today (Chicago: Moody Press, 1995) ist kurz vor den Vorbereitungen zur Drucklegung des vorliegenden Buches veröffentlicht worden. Ryrie hat seine Behandlung der Thematik auf den neuesten Stand gebracht, so dass sie jetzt auch den progressiven Dispensationalismus und in den letzten Jahren erschienene Kritiken am Dispensationalismus berücksichtigt und erörtert. Seine Auffassungen bleiben jedoch im wesentlichen unverändert.

3 Ebd., S. 44.

4 Ebd., S. 47.

5 Vgl. Cajus Fabricius, Corpus Confessionum: Die Bekenntnisse der Christenheit, Bd. 18: Presbyterianer, Göttingen: de Gruyter, 1937, S. 91.

6 Vgl. ebd., S. 95.

7 Vgl. ebd., S. 97.

8 Ebd., S. 224.

9 Charles Hodge, Systematic Theology, 3 Bde., Peabody (MA): Hendrickson 2001 (11872); hier Bd. 1, S. 567.

10 Archibald Alexander Hodge, Outlines of Theology, Edinburgh: Banner of Truth, 1999 (11860), S. 244.

11 Louis Berkhof, Systematic Theology, Edinburgh: Banner of Truth, 2000 (11939), S. 115.

12 Wir müssen auch bemerken, dass Dispensationalisten Aussagen getroffen haben, die ihrer eigenen Behauptung widersprechen. So erklärte Lewis Sperry Chafer beispielsweise, dass die Kirche „der höchste Vorsatz Gottes im Universum“ sei (Systematic Theology, 8 Bde., Dallas: Dallas Seminary Press, 1947, hier Bd. 4, S. 54).

13 Cyrus Ingerson Scofield, Scofield Bible Correspondence Course, Chicago: Moody Bible Institute, 1907, S. 45-46.

14 John F. Walvoord, The Nations in Prophecy, Grand Rapids (MI): Zondervan, 1967, S. 163.

15 Curtis I. Crenshaw/Grover E. Gunn III, Dispensationalism Today, Yesterday and Tomorrow, Memphis: Footstool Publications, 21989, S. 222.

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