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»Dein Reich komme…« (Johannes Calvin)

In der Predigt am Sonntag kommen wir zur zweiten Bitte des Gebets des Herrn (›Unser Vater‹) – »…Dein Reich komme…!«

Was Johannes Calvin in seinem »Unterricht in der christlichen Religion« dazu schreibt, ist wie immer lesenswert:

»Die zweite Bitte geht dahin, daß Gottes Reich komme. Sie enthält zwar nichts Neues, wird aber doch von der ersten nicht ohne Ursache unterschieden. Denn wenn wir unsere Schläfrigkeit in dieser Sache, die doch von allen die wichtigste ist, recht erwägen, so ist es schon nötig, daß uns doch noch eingeschärft wird, was uns allerdings an sich völlig bekannt sein sollte! Wir haben bisher die Weisung empfangen, Gott zu bitten, er möge alles, was seinen heiligen Namen mit einem Makel besudelt, in die Reihe bringen und schließlich ganz und gar zunichte machen. Jetzt wird eine zweite, ähnliche und fast gleiche Bitte zugefügt, nämlich daß sein Reich komme.

Was dies Reich ist, habe ich bereits oben umschrieben; ich will es aber hier kurz wiederholen: Gott übt da seine Herrschaft, wo die Menschen sich selbst verleugnen, zugleich die Welt und das irdische Leben verachten und sich damit seiner Gerechtigkeit hingeben, um nach dem himmlischen Leben zu trachten. Dies Reich umfaßt also wesentlich zweierlei: erstens, daß Gott alle Begierden des Fleisches, die in geschlossenen Heerhaufen wider ihn streiten, durch die Kraft seines Geistes dämpft, zweitens, daß er unsere Sinne zum Gehorsam gegen seinen Befehl zubereitet.

Daher hält nur der bei dieser Bitte die rechte Ordnung ein, der bei sich selber den Anfang macht, um sich nämlich von allen Verderbnissen zu reinigen, die den geordneten Zustand des Reiches Gottes in Verwirrung bringen und seine Reinheit beflecken. Weil aber nun das Wort Gottes wie ein königliches Zepter ist, so wird uns hier aufgetragen, darum zu beten, daß er die Sinne und Herzen aller Menschen dem freiwilligen Gehorsam gegen dies Wort unterwerfe. Das geschieht, wo er durch die verborgene Triebkraft seines Heiligen Geistes seinem Worte Wirkung verschafft, so daß es die hervorragende Ehre erhält, die ihm zukommt. Dann müssen wir uns auch den Gottlosen zuwenden, die Gottes Herrschaft halsstarrig und in verzweifelter Wut Widerstand leisten. Gott richtet also sein Reich auf, indem er die ganze Welt demütigt. Dies aber vollzieht sich auf verschiedene Weise: Gott dämpft die Ausgelassenheit der einen, und die zügellose Hoffart der anderen zerbricht er. Wir sollen wünschen, daß dies Tag für Tag geschehe, damit Gott seine Kirche aus allen Orten der Welt versammle, sie der Zahl nach ausbreite und wachsen lasse, sie mit seinen Gütern reich mache, in ihr die rechte Ordnung aufrichte, auf der anderen Seite alle Feinde der reinen Lehre und Religion zu Boden werfe, ihre Pläne zunichte mache und ihre Anschläge verstöre! Daraus wird deutlich, daß uns nicht ohne Ursache der Eifer darum aufgetragen wird, daß Gottes Reich Tag für Tag Fortschritte mache 1); denn es steht um unsere menschlichen Dinge nie so gut, daß aller Schmutz der Sünden abgetan und ausgefegt wäre und die Lauterkeit voll in Blüte und Kraft stünde. Die Vollendung dieses Reiches aber dehnt sich aus bis zum endgültigen Kommen Christi; dann wird nach der Lehre des Paulus „Gott sein alles in allen“ (1. Kor. 15,28).

So soll uns diese Bitte von den Befleckungen der Welt wegziehen, die uns von Gott trennen, so daß sein Reich in uns keine Kraft gewinnt. Zugleich soll sie unseren Eifer entfachen, unser Fleisch zu töten, und schließlich soll sie uns zum geduldigen Tragen des Kreuzes anleiten; denn auf diese Art will Gott sein Reich ausbreiten. Wir sollen uns aber nicht darüber grämen, wenn unser äußerer Mensch verfällt, wenn nur der innere erneuert wird! (2. Kor. 4,16). Denn Gottes Reich ist so beschaffen, daß er uns, wenn wir uns seiner Gerechtigkeit unterwerfen, auch seiner Herrlichkeit teilhaftig macht. Das geschieht, wenn er sein Licht und seine Wahrheit durch immer größeres Wachstum verherrlicht, durch das die Finsternis und die Lügen des Satans und seines Reiches zergehen, ausgelöscht werden und umkommen, – wenn er die Seinen schützt und sie durch die Hilfe seines Geistes auf die rechte Bahn leitet und zum Beharren kräftig macht, wenn er dagegen die gottlosen Anschläge der Feinde zunichte macht, ihre Hinterlist und ihren Betrug aufdeckt, ihrer Bosheit entgegentritt, ihre Halsstarrigkeit dämpft – bis daß er schließlich den Antichrist „umbringen wird mit dem Geist seines Mundes“ und alle Gottlosigkeit durch den Glanz seines Kommens vernichtet! (2. Thess. 2,8).«

[Johannes Calvin, Institutio III,20,42]

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