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Der »aktive« Gehorsam Christi

Der reformierte Theologe und Mitbegründer des Westminster Theological Seminary in Philadelphia/USA J. Gresham Machen dankte auf dem Sterbebett für den aktiven Gehorsam Christi und fügte hinzu: »Ohne ihn – keine Hoffnung!«

Im evangelischen Glaubensbekenntnis spielen zwei Aspekte des stellvertretenden Gehorsams Christi eine entscheidende Rolle: der aktive Aspekt des Gehorsams Christi sowie der passive Aspekt (vgl. unser Glaubensbekenntnis, Art. 21-23). Aktiv und passiv bedeutet hierbei nicht, dass nach dem einen Aspekt Christus (»aktiv«) etwas tut, während er nach dem anderen einfach etwas (»passiv«) über sich ergehen lässt. Vielmehr meint die Rede vom aktiven Gehorsam Christi das positive Einhalten des Gesetzes, das Jesus Christus vollbracht hat, während die Rede vom passiven Gehorsam vom lateinischen Wort passio, also erleiden, herkommt. Der passive Gehorsam Christi ist das Leiden, das Jesus Christus »an Leib und Seele die ganze Zeit seines Lebens auf Erden, besonders aber an dessen Ende« (Heidelberger Katechismus, Fr. 37), also bis zum Tode stellvertretend auf sich genommen hat als Strafe für die Sünde.

Heute ist das Zeugnis der evangelischen Christenheit in Bezug auf die beiden Aspekte des Gehorsams Christi weit weniger klar. Selbst aus reformierten Kreisen wird der aktive Gehorsam Christi teilweise umdefiniert, in seiner Bedeutung relativiert oder vernachlässigt oder gar vollständig geleugnet.

Wieso ist das so? Und wieso ist das so problematisch? Was hängt an der Unterscheidung zwischen dem aktiven und dem passiven Gehorsam und wieso brauchen wir in unserem Leben als Christen beides? Wieso gäbe es, wie Machen eingangs sagte, keine Hoffnung für uns ohne den aktiven Gehorsam Christi? Diesen Fragen will ich im Folgenden kurz nachgehen und zwar mit einem Blick auf die praktischen Auswirkungen dieser Lehre.

Die Lehre vom Gehorsam bzw. der Gerechtigkeit Christi hängt dogmatisch eng zusammen mit der Lehre vom Bund der Werke, d.h. also bereits mit dem Arrangement zwischen Gott und Adam im Garten Eden – also vor dem Sündenfall. Darin versprach Gott Adam für seinen Gehorsam das Leben, für seinen Ungehorsam aber den Tod (vgl. Gen 2,16-17). Die Bibel lehrt uns, dass die gesamte Heilsgeschichte im Prinzip gebündelt wird in zwei Menschen, in zwei »Adams«. Der erste Adam (1Kor 15,45), das war der erste von Gott geschaffene Mensch, mit dem Gott in Eden das eben genannte Arrangement getroffen hat – “Sei gehorsam und lebe! Sei ungehorsam und sterbe!” (vgl. Lk 10,28 mit 3Mos 18,5 sowie 5Mos 6,24- 25). Adam wurde ungehorsam, brach den auf Gehorsam (d.h. Werke) basierenden Bund mit Gott und kam so unter das göttliche Gericht. Da dieser erste Adam aber von vornherein eine Stellvertreterfunktion hatte, also für die gesamte Menschheit stand, fiel auch die ganze Menschheit in Sünde und unter das Gericht Gottes (Röm 5,12-14).

Dies machte einen »neuen« und »letzten Adam« (1Kor 15,45) nötig, der die schlimmen Folgen des Bundesbruchs, also der Sündenfalls, auf sich nehmen sollte. Der erste Adam war im Grunde nur ein »Bild dessen, der kommen sollte« (Röm 5,14) – Jesus Christus. Ebenso wie Gott im ersten Adam einen Bund mit der ganzen Menschheit (d.h. seinen Nachkommen) schloss, schloss er auch im zweiten Adam solch einen Bund – den ewigen Gnadenbund (Hebr 9,15; 1Kor 11,25 etc.). Während der erste Adam menschlich war, war der zweite göttlich (1Kor 15,47). Während der erste Adam ein lebendiges Wesen war, wurde der letzte Adam »zum Geist der lebendig macht« (1Kor 15,45). Während der erste Adam stellvertretend für die ganze Menschheit auf die Probe gestellt wurde und fiel, wurde der zweite Adam stellvertretend für die ganze Menschheit auf die Probe gestellt und blieb standhaft (z.B. Mt 4,1-11), so dass es nun heißt: »wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.« (1Kor 15,22) Wo alle Menschen dem Tod verfallen waren durch die eine sündhafte Tat des ersten Adams, kam der zweite und letzte Adam und ertrug stellvertretend für die Erwählten diesen Tod und diese Verdammnis am Kreuz. Diese »negative Seite« ist die Seite des passiven (d.h. erleidenden) Gehorsam Christi. Der passive Gehorsam Christi hat die Aufhebung unserer Verdammnis aufgrund der Sünde zur Folge. Weil Jesus Christus für uns gelitten hat, müssen wir nicht mehr auf diese Weise unter dem Gericht Gottes leiden. Wir sind vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. “Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt.” (Röm 5,18)

Doch der Werkbund mit Adam hat noch einen anderen, positiven Aspekt. Der erste Adam hatte die Probezeit in Eden verspielt und das Leben verwirkt, indem er ungehorsam wurde gegenüber dem Wort und Gesetz Gottes. Doch der zweite Adam – Jesus – kam nicht nur um die völlig gerechtfertigte Strafe über diesen Bundesbruch (»passiv«) auf sich zu nehmen. Nein, er kam auch um die Forderungen des Bundes, das heißt das Gesetz, aktiv einzuhalten und zu erfüllen. Um einmal ein einfaches Beispiel aus der Welt der Kindererziehung zu wählen: wenn wir einem ungehorsamen Kind die verdiente Strafe ersparen ist das eine Sache. Aber damit ist das Kind noch nicht in einem positiven Sinne gehorsam geworden. Vielmehr ist es, als wäre nichts gewesen und die Ausgangssituation ist wieder hergestellt.

So wäre es auch mit unserer Rechtfertigung. Gäbe es nur den negativen Aspekt des Werkbundes, die Vergebung der Übertretung des Gesetzes, dann wären wir durch den Gehorsam Christi sozusagen lediglich in die Position des ersten Adams zurück versetzt – wenn das überhaupt möglich wäre. Wir wären damit sozusagen wieder in Eden und müssten aufs Neue vor Gott auf die Probe gestellt werden. Die Übertretung des Bundes wäre zwar von uns genommen, damit wären wir aber noch lange nicht in einem positiven Sinne gerecht vor Gott. Alles wäre in der Schwebe! Unsere zukünftige Seligkeit, unser ewiges Leben wäre dann, ebenso wie beim ersten Adam, abhängig von unserem Gehorsam.

Hier möchte ich einen kleinen Exkurs machen. Viele evangelikale Christen sind heute die Rede von der wunderbaren Errettung aus Gnaden allein (sola gratia) so gewohnt, dass sie überhaupt keinen Platz in ihrem »evangelischen Denken« mehr haben für irgend etwas, das mit Gehorsam zu tun hat. Doch es muss einmal eindeutig gesagt sein, dass dies eben gerade nicht evangelisch ist! Das Evangelium auf der tiefsten und bedeutendsten Ebene durchaus mit Gehorsam zu tun hat. Der Bund der Werke, also das Arrangement zwischen dem souveränen Gott und dem von ihm geschaffenen ersten Menschen ist die Grundlage des Evangeliums. Er ist die Grundstruktur der Heilsgeschichte. Es ist nicht so, dass mit dem Sündenfall – also dem Bruch dieses Bundes – Gott zu Plan B übergegangen wäre, der dann nichts mehr mit irgendjemandes Gehorsam zu tun hätte, sondern nur noch auf Gnade beruht. Vielmehr ist Gott bis heute bei seinem Plan A geblieben. Auch heute wird kein Mensch vor Gott gerettet ohne Gehorsam, und zwar ohne absoluten, vollkommenen, makellosen Gehorsam. Seinen eigenen Gehorsam? Nein, nie und nimmer. Es geht um den Gehorsam Christi. Wenn ein Mensch gerettet wird, dann weil Gott ihm den perfekten Gehorsam Christi gegenüber dem Gesetz (Werkbund) zuspricht, den Adam verwirkt hatte. Wenn ein Mensch gerecht wird, dann deshalb, weil ihm ein Gehorsam gegenüber dem Gesetz zugerechnet wird, den er selbst eigentlich nicht erwirkt hat – eine fremder Gehorsam, eine fremde Gerechtigkeit (iustitia aliena). Es ist also völlig fehlgeleitet, wenn Christen behaupten, unser Rettung wäre in dem Sinn »aus Gnaden«, dass Gott nicht mehr an sein Gesetz (bzw. den Werkbund mit Adam) denkt und einfach »Fünfe gerade sein lässt.« Nein, Gottes Bund ist nicht hinfällig. Das Evangelium von der Rettung des Sünders aus Gnaden allein durch Glauben allein kann nur bestehen auf der Grundlage des Arrangements zwischen Gott und dem ersten Adam, das gebrochen wurde, und Gott und dem zweiten Adam, das vollkommen erfüllt wurde. Beide »Adams« waren jeweils Stellvertreter (oder Bürgen – ein nahezu vergessenes biblisches Wort!) für die Menschheit bzw. die Erwählten. Das Prinzip der Werke unterliegt und ermöglicht also das Prinzip der Gnade. Das dürfen wir nicht vergessen. Vergessen wir dies, dann werden wir auch vergessen, was wir mit Jesu aktivem Gehorsam anfangen sollen. Und genau das passiert heute immer wieder!

Der Werkbund ist also die biblisch heilsgeschichtliche Rahmenhandlung, in der sich sowohl der passive als auch der aktive Gehorsam Christi entfaltet. Als Gegenbild zum ersten Adam erleidet Christus die Strafe für die Übertretung des Bundes, erwirkt aber auch eine positive Gerechtigkeit durch Gehorsam gegenüber dem Gesetz und Willen Gottes in allen Dingen (vgl. Mt 5,17).

Letzteres jedoch wurde und wird von manchen Theologen bestritten. Und das nicht erst seit kurzem. Der Herborner Theologe Johannes Piscator (1546-1625), zum Beispiel, leugnete den positive Aspekt des aktiven Gehorsams Christi. Doch wieso? Für Piscator war die Lehre von der Zurechnung einer positiven Gerechtigkeit Christi für die Erwählten der sichere Weg zum Antinomianismus (»anti nomos«, lat. – »gegen das Gesetz«). Piscator fürchtete, dass die Lehre vom aktiven Gehorsam Christi dazu führen würde, dass Gläubige sich nicht mehr in der Heiligung üben, da sie ohnehin schon eine vollkommene Gerechtigkeit und Heiligkeit zugesprochen bekommen haben. Außerdem stellte Piscator die Logik dieser doppelten Zurechnung des aktiven und passiven Gehorsams Christi in Frage. Jesus Christus war es doch wohl Gott dem Vater ohnehin schuldig, dem Gesetz in allen Dingen zu gehorchen – schon allein für sich selbst. Wie kann da dieser aktive Gehorsam dem Gesetz Gottes gegenüber auch noch gleichzeitig den Erwählten zugesprochen werden? So meinte Piscator, dass es ungerecht wäre, von Christus aktiven und passiven Gehorsam zu verlangen. Eines genügt. Wenn Christus an unserer Stelle stirbt und den Zorn Gottes absorbiert, dann ist Genüge getan. Darüber hinaus, fragte Piscator, wenn Christus das Gesetz tatsächlich (in aktivem Gehorsam) für uns erfüllt hätte, wäre dann nicht sein Tod bedeutungslos gewesen?

Das Missverständnis Piscators war, dass er nicht sah, dass der Gehorsam Christi ebenso einen doppelten Aspekt hat (haben musste!) wie der Bundesbruch. Der Bundesbruch Adams war eine verdammenswerte Sünde aber gleichzeitig auch ein Mangel an positiver Gerechtigkeit. Der Gehorsam Christi ertrug dann analog dazu (passiv) die Verdammnis, stellte aber auch diese erforderliche positive (aktive) Gerechtigkeit bereit, die den Erwählten im Glauben dann aus reiner Gnade zugesprochen wird. Rechtfertigung nach der biblischen Lehre ist immer doppelte Zusprechung oder Zurechnung (imputatio) – die Zurechnung von meiner Sünde auf Jesus und die Zurechnung von Jesu Gerechtigkeit auf mich.

Rechtfertigung bedeutet laut dem Heidelberger Katechismus Folgendes:

Gott aber schenkt mir ganz ohne mein Verdienst aus lauter Gnade die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi. Er rechnet sie mir an, als hätte ich nie eine Sünde begangen noch gehabt und selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für mich geleistet hat… (Fr. 60)

Vergebung der Sünde und Zurechnung einer vollkommenen, fremden Heiligkeit und Gerechtigkeit – beides sind Aspekte des einen Evangeliums, sind wie die zwei Seiten der einen Medaille des Gnadenbundes.

Man kann das Anliegen eines Piscators oder moderner Theologen verstehen, die eine Betonung auf den aktiven Gehorsam Christi ablehnen (oder diesen ganz ablehnen wollen), weil sie fürchten, dass damit jede Motivation für Heiligung verloren ginge. Doch an dieser Frage entscheidet sich im Grunde der Kern und das Verständnis des Evangeliums. Leben wir ein heiliges Leben und bewähren uns darin, um am Ende gerettet zu werden? Oder sind wir gerettet und gerecht – voll und ganz, aktiv und passiv – um nun in dieser fremden Gerechtigkeit ein immer heiligeres Leben leben zu können? Letzteres ist sicherlich die biblische Antwort. Der Puritaner John Owen betonte gegenüber Piscators Verständnis, dass der passive Gehorsam Christi keineswegs ein Hindernis für wahre Heiligung sei, sondern im Gegenteil wahre Heiligung uns aus diesem zufließe. Antimonianismus – die Tendenz zur Gesetzlosigkeit und der daraus folgende Mangel an Heiligung im Leben des Christen also – lässt sich nicht bekämpfen, in dem man die Messlatte dessen, was der Mensch für sich selbst erwirken muss, höher hängt. Gesetzlosigkeit im Leben des Christen lässt sich nicht durch Gesetzlichkeit bekämpfen. Antinomianismus lässt sich nur bekämpfen durch ein biblisches Verständnis von Rechtfertigung, in dem uns voll und ganz vergeben wurde – auf Grundlage des passiven Gehorsams Christi – und indem wir voll und ganz gerecht sind – auf Grundlage des aktiven Gehorsams Christi. Eine vollkommene Rechtfertigung durch einen vollkommenen Erlöser.

»Ohne ihn – keine Hoffnung!«

 

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