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Der Niedergang der reformierten Kirche in Deutschland

»Was? Welcher reformierten Kirche?« mag der Eine oder Andere gewogen sein zu fragen. Und mit Recht.

Von der reformierten Kirche, deren nahezu vollständiger Niedergang Adolph Zahn (1834-1900), einer der letzten ihrer treuer Pfarrer, in seiner Schrift Die Ursachen des Niedergangs der reformierten Kirche in Deutschland beklagte, kennen wir heute nur noch aus den Seiten stummer Zeugen, unserer Bücher.

Darin geht er verschiedenen Gründen für diesen bedauernswerten Niedergang nach, etwa der These, dass die Preisgabe der konsequent biblischen Prädestinationslehre schuld daran trage.

Der Niedergang der reformierten Kirche in Deutschland ist zum Teil mit der Niedergang des Protestantismus in Deutschland. Sie war seine treueste, seine eifrigste Freundin und Pflegerin. Eine der wichtigsten und mit die tiefliegendste Ursache des Niederganges der reformierten Kirche ist nun eine dogmatische: es ist die völlig veränderte Anschauung, mit der seit Mitte des vorigen Jahrhunderts das weltliche und theologische Denken das Verhältnis von Gott und Mensch auffaßt. Es ist seitdem jene Weltbetrachtung aufgegeben, aus der die reformierte Kirche in den Zeiten der Reformation entstanden ist und in der sie allein ihr Leben finden konnte: ich meine die Lehre, die man gewöhnlich mit dem Namen der Prädestination bezeichnet. Wie dieselbe aufs Klarste in der heiligen Schrift bezeugt ist, namentlich durchsichtig im Römer- und Epheserbrief, wie sie gleicherweise von Augustin, Luther und Calvin gelehrt wird und in einigen Lehrern des Mittelalters als das einzige Vorreformatorische auftritt, wie sie bis zur Konkordienformel auch von strengen Lutheranern wie Flacius und selbst Heßhuß verteidigt wurde und in dem letzten symbolischen Buch nicht beseitigt, sondern nur mit einer sehr schwachen antiprädestinationischen Tendenz gemildert werden soll, so ist sie auch das Fundament gewesen, auf dem die Entwickelung und Kraft der reformierten Kirche ruhte.

Sicherlich führt es immer zu einer Schwächung und eines Tages vielleicht zu einem Niedergang einer Kirche, wenn sie biblische Lehren preisgibt. Ob die reformierte Kirche jedoch allein in ihr »ihr Leben finden konnte«, ob die Prädestinationslehre je als eine Art Zentraldogma fungierte, sei dahingestellt. In der Sache hat Zahn jedoch sicherlich nicht unrecht.

Dann liefert Zahn jedoch eine wunderbare Beschreibung dieser leider abhanden gekommenen Prädestinationslehre:

Es handelt sich bei der Prädestination nicht um ein abstraktes Dogma des Verstandes über ein Geheimnis Gottes, sondern um eine großartige Auffassung der Beziehungen Gottes zur Menschheit überhaupt: sie ist die Lehre von der völlig unabhängigen Souveränität Gottes, der mit einer von ihm abgefallenen durchaus sündigen Welt verfahren könne, wie er wolle und der nach seiner heiligen Freiheit und nach seinem heiligen Recht handle, wenn er gerechtspreche, wen er wolle und verdam- me, wen er wolle. Es ist die Lehre, daß Gott ganz Gott und Herr sei und der Mensch ihm gegenüber schlechthin nichts beanspruchen könne, auch schlechthin nichts aus sich selbst sich aneignen könne, sogar wenn Gott selbst es ihm anbiete. Es ist die Lehre der freien und freisten Gnade, die nur nach eigenen Gesetzen regiert, ja nach einer uns so erscheinenden Willkür (faßt man dies Wort nicht in frevelhaftem, sondern in edlem Sinne), und der gegenüber der Mensch weder dafür, daß sie im All- gemeinen vorhanden ist, noch daß er sie für sich glauben darf, irgend welchen Grund und Veranlas- sung und Anknüpfung in sich selbst findet. In diesem Sinne ist es die Lehre von dem grundlosen Erbarmen Gottes. Ein reformiertes Kind spricht diese Lehre einfältig aus, wenn es auf die Frage: Kannst du aus dir selber glauben – die Antwort gibt: auch nicht einen Augenblick. Wir haben diese Lehre auch in der Augsburgischen Confession, wo sie nach aller Kundigen Erklärung im 5. Artikel also lautet: der heilige Geist wirkt den Glauben, wo und wenn es Gott gefiel. Der spätere Eifer der Lutheraner gegen die Prädestination ist ein Protest gegen ihre eigenen Bekenntnisschriften und neuerdings scheint man gar nicht mehr zu wissen, daß die lutherische Kirche auch eine ganz bestimmte Erwählungslehre gehabt hat.

Die ganze knappe Schrift ist eine grausige Grabrede für die reformierte Kirche einerseits und ein leidenschaftliches Plädoyer der Rückbesinnung auf die »alte reformierte Konfession« andererseits.

Prädikat: sehr wertvoll!

Buchempfehlung zum Weiterstudium über Leben und Theologie Adolph Zahns hier.

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