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Der Sabbat, oder wieso der Sonntag der erste Tag der Woche ist…

Jeden Sonntag kommt das Volk Gottes in Heidelberg und anderswo zusammen zum Gottesdienst, im Bewusstsein, dass »dem Volke Gottes noch eine Sabbatruhe vorbehalten« bleibt (Hebr 4,9).

Doch was vielen Christen und Gemeinden nicht bewusst ist, ist die genau Beziehung, die wir zum alttestamentlichen Sabbat haben. Oft geht man direkt zum vierten Gebot, um zu begründen, wieso wir einen »Sabbat« halten – als hätte weder die Sünde noch das Kommen Jesu eine Auswirkung auf den Verlauf der Geschichte und auf die Anwendung des Sabbatgebots.

Landläufig hört man die Begründung: weil Adam am siebten Tag ruhen sollte, analog zum Rhythmus Gottes (1Mos 2,2-3); und weil dem Volk Israel diese Schöpfungsordnung wiederholt als Sabbatgebot offenbart worden ist (2Mos 20,8-11; 5Mos 5,12-15), deshalb sollen auch wir, die Gemeinde, diesen Rhythmus einhalten.

Richtig ist daran, dass das Sabbatgebot eine Schöpfungsordnung ist. Falsch daran ist, dass wir in Bezug auf dieses Gebot die Rolle Adams und die Rolle Israels einnehmen sollen und nun versuchen sollen, so gut wie möglich, diesen Sabbat zu erfüllen.

Adam war nicht unser Vorbild, kein Vorbild der Gemeinde, so dass wir heute versuchen müssen, den ursprünglichen Gehorsam zu leisten, den er nicht geleistet hat. Nein, Adam war das Vorbild Christi (Röm 5,14). Seine Gehilfin, die ihm entspricht, die Frau Eva (1Mos 2,18-20), sie ist das wahre Vorbild der Gemeinde (Eph 5,22-32)!

Insofern aber das Gesetz, das dem Volk Israel gegeben war, auch auf einem Prinzip der »Werke« beruhte, also gewissermaßen eine Neuauflage des Bundes zwischen Gott und Adam im Paradies, an dem das sündhafte Volk nur scheitern konnte, sollen wir nicht versuchen, das zu leisten, was Israel nicht zu leisten im Stande war. Wer sündhaft ist, wird durch sein Werk nicht in die Ruhe Gottes eingehen (Hebr 4,5). Wir, die Gemeinde Jesu, sind nicht das »neue Israel« in dem Sinne, das wir wiederum versuchen das Gesetz einzuhalten als Mittel zu unserer Erlösung, zum Eingang in unsere endzeitliche, himmlische »Sabbatruhe«.

Nein, Israel war »Gottes Sohn« (2Mos 4,22). Was Israel nicht zu leisten im Stande war, deutet gleichsam hin auf den wahren Sohn Gottes, den zweiten Adam, der kommen würde, um dem Volk Ruhe zu schaffen (5Mos 12,10; vgl. »Noah« in 1Mos 5,29). Er war der wahre Adam, der die Bedingungen des Bundes in Eden erfüllt hat durch seine »Arbeit« des Gehorsams, des Gehorsams bis ans Kreuz. Er wurde in seiner ganzen Erscheinung wie ein Mensch, wie »Adam« erfunden (Phil 2,8). Deshalb ging er auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung am siebten bzw. ersten Tag in den endzeitlichen Sabbat – den »Tag des Herrn« ein (Off 1,10). In diesem Übergang des endzeitlichen Gottessohns vom Tod (Folge des gebrochenen Bundes) zum Leben (Folge des erfüllten Bundes) wird die Reihenfolge »Werk – Ruhe« für uns umgekehrt in »Ruhe – Werk«.

Das bedeutet für uns, für die Gemeinde Jesu, für das Halten des Sabbats Folgendes:

Das Volk Gottes arbeitet nicht sechs Tage und ruht dann von seinen Werken, als Lohn gewissermaßen, wie es Adam versprochen war oder wie es Israel tun sollte. Das neutestamentliche Muster ist vielmehr: erst die Ruhe, dann die Arbeit! Erst der Sonntag, der erste Tag der Woche (Mt 28,1; Mk 16,2; Lk 24,1; Joh 20,1; Apg 20,7; 1Kor 16,2), dann die Wochen- bzw. Arbeitstage!

Im Licht der Erfüllung der Schatten des erstens Adams und Israels als erstem Sohn Gottes, als Schatten des endzeitlichen Sohnes Gottes und des zweitens Adams, kommt nunmehr zuerst die Ruhe von unseren (sündhaften) Werken, dann die Arbeit (aus Dankbarkeit). Nicht Werke oder Arbeit, um einst in die Gottesruhe einzugehen, sondern weil wir durch Jesus Christus, im Glauben, bereits in die Gottesruhe eingegangen sind, arbeiten wir nun, aus Freude und Dankbarkeit.

Wir leben nicht im Hinblick auf die einstige Erfüllung des Sabbats – wie Adam und Israel es taten. Wir leben vielmehr aus der Erfüllung des Sabbats in Christus heraus. Selbstverständlich erwarten auch wir die endgültige Ruhe im neuen Jerusalem; diese ist aber nur die Vollendung dessen, was in Christus bereits entscheidend angebrochen ist – das kommende Zeitalter! (Eph 1,21)

Geerhardus Vos (1862-1949), Professor für ›Biblische Theologie‹ in Princeton, schreibt dazu:

Insofern der alte Bund noch auf die Verrichtung der messianischen Arbeit vorausblickte, kamen in ihm natürlicherweise die Tage der Arbeit zuerst, während der Tag der Ruhe auf das Ende der Woche fiel. Wir, im neuen Bund, blicken zurück auf das vollendete Werk Christi. Deshalb feiern wir zuerst die Ruhe, die uns grundlegend durch Christus erworben wurde, auch wenn der Sabbat noch immer ein Zeichen ist, das vorausblickt auf die endgültige, eschatologische Ruhe. 1

Lasst uns deshalb jeden Sonntag feiern als ersten Tag der Woche, nicht als letzten! Nicht als vermeintliche Ruhe nach getaner Arbeit, sondern als Vorwegnahme der in Christus bereits angebrochenen endzeitlichen Ruhe von unseren Sünden und Werken!

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Fußnoten:

  1. G. Vos, Biblical Theology, S. 141
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