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Die dreifache Unterteilung des Gesetzes

Sonntag 2 des Katechismus lautet:

3. Frage: Woher erkennst du dein Elend?
Aus dem Gesetz Gottes.

4. Frage: Was fordert denn Gottes Gesetz von uns?
Dies lehrt uns Christus mit folgenden Worten: »›Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken‹. Das ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist ihm vergleichbar: ›Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‹. An diesen zwei Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten.«

5. Frage: Kannst du das alles vollkommen halten?
Nein, denn ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen.

Hier in diesen Fragen wird nicht explizit unterschieden zwischen verschiedenen Formen des Gesetzes. Doch die »Summa« des Gesetzes aus Matthäus 22 ist zumindest eine direkte Anspielung auf die zwei Tafeln der Zehn Gebote. Über das verschriftlichte Gebot hinaus, deutet der Katechismus jedoch zurück auf das natürliche Gesetz.

In meiner Auslegung von Sonntag 2 des Heidelberger Katechismus hatte ich gesagt, das, was die Bibel unter Gesetz versteht lässt sich zunächst aufteilen in ein so genanntes natürliches Gesetz (Naturgesetz) und das offenbarte Gesetz.

Das natürliche Gesetz ist nicht in der Bibel aufgeschrieben, sondern ist uns von Gott selbst – durch die Schöpfung – in unsere Herzen und Gewissen, in unsere menschliche »Konstitution« geschrieben.

Im Römerbrief, Kapitel 1, spricht Paulus von der Erkenntnis Gottes, die alle Menschen haben; dass sie seine Kraft und Gottheit kennen und sehen, an der Welt und an sich selbst:

…weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat; denn sein unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit Erschaffung der Welt an den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, so daß sie keine Entschuldigung haben. Denn obgleich sie Gott erkannten… (Röm 1,19-21)

Dieses Gesetz ist real, auch wenn sündhafte Menschen das konsequent leugnen! Und es führt dazu, dass sie am Ende keine Entschuldigung vor Gott haben, auch wenn sie irgendwo im Busch leben und nie die Bibel gelesen oder einen Missionar gehört haben. Auf einer gewissen Ebene kennen alle Mensch Gott, den einzigen und wahren Gott, auch wenn sie ihn nicht anerkennen.

In Kapitel 2 spricht Paulus dann vom natürlichen Gesetz, das alle Menschen kennen, auch die Heiden, auch sündhafte Heiden:

Wenn nämlich Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz verlangt, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz, da sie ja beweisen, dass das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist, was auch ihr Gewissen bezeugt, dazu ihre Überlegungen, die sich untereinander verklagen oder auch entschuldigen. (Röm 2,14-15)

Also dieses Naturgesetz führt nicht dazu, dass irgendjemand Gott richtig erkennt und anbetet, ihm dankt usw. und dann am Ende gerettet wird. Nein, es führt zur Verdammnis; dazu, dass sie keine Entschuldigung haben; ja, dass allen Sündern, wie Paulus später sagt, der »Mund verstopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei!“ (Röm 3,19)

Die zweite Form des Gesetzes, das ganze geschriebene, offenbarte Gesetz lässt sich unterteilen in drei verschiedene Unterformen des Gesetzes:

  • das Moralgesetz
  • das Zeremonialgesetz
  • das Zivilgesetz oder bürgerliche Gesetz

Das Zeremonialgesetz sind Bestimmungen über Opfer, Kult und Gottesdienst des Volkes Israel.

Das Zivil- oder bürgerliche Gesetz sind rechtliche Bestimmungen für das Volk Israel; auch politische Bestimmungen.

Diese beiden ersten Formen des offenbarten Gesetzes sollten das Volk Israel von seinen Sünden überführen und diese im Zaum halten! Das Zerermonialgesetz durch die stetige Erinnerung durch die Priester und ihren Dienst, dass Opfer notwendig sind für die Vergebung von Sünden (die priesterliche Funktion); das Zivilgesetz durch die Strafe bei Handlungen gegen Recht & Ordnung (das politische Element; die königliche Funktion)

Diese beiden sind aufgehoben! Sie sind mit dem Staat Israel und seiner typologischen, schattenhaften Rolle innerhalb der Heilsgeschichte hinfällig geworden. Israel hatte ja die Rolle, schemenhaft den „Sohnes Gottes“ anzudeuten! Israel wird ja »Israel … mein erstgeborener Sohn« genannt (2. Mose 4,22), hindeutend auf den einen und wahren Sohn Gottes, der kommen sollte.

Mit seinem Kommen ist diese typologische Rolle Israels hinfällig geworden. Und damit auch ihre speziellen Gesetze. Das Zeremonialgesetz ist durch das einmalige Opfer Jesu, seinen wirksamen Opfertod, hinfällig geworden, der das ganze typologische System erfüllt und damit für die Zukunft null und nichtig gemacht hat, und durch sein Amt als Hoherpriester, das das priesterliche System hinfällig gemacht hat. Die Hohenpriester waren ja ebenfalls nur Schatten; Jesus Christus aber ist die Erfüllung, der »Körper«, der den Schatten sozusagen in der Zeit zurück geworfen hat auf die Zeit des Alten Testamentes.

Statt dessen geschieht durch diese [Opfer] alle Jahre eine Erinnerung an die Sünden. Denn unmöglich kann das Blut von Stieren und Böcken Sünden hinwegnehmen! Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: »Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; einen Leib aber hast du mir bereitet. An Brandopfern und Sündopfern hast du kein Wohlgefallen. Da sprach ich: Siehe, ich komme — in der Buchrolle steht von mir geschrieben —, um deinen Willen, o Gott, zu tun!« Oben sagt er: »Opfer und Gaben, Brandopfer und Sündopfer hast du nicht gewollt, du hast auch kein Wohlgefallen an ihnen« — die ja nach dem Gesetz dargebracht werden —, dann fährt er fort: »Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun«. [Somit] hebt er das erste auf, um das zweite einzusetzen. Aufgrund dieses Willens sind wir geheiligt durch die Opferung des Leibes Jesu Christi, [und zwar] ein für allemal. Und jeder Priester steht da und verrichtet täglich den Gottesdienst und bringt oftmals dieselben Opfer dar, die doch niemals Sünden hinwegnehmen können; Er aber hat sich, nachdem er ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht hat, das für immer gilt, zur Rechten Gottes gesetzt, und er wartet hinfort, bis seine Feinde als Schemel für seine Füße hingelegt werden. Denn mit einem einzigen Opfer hat er die für immer vollendet, welche geheiligt werden. (Hebr. 10,3–14)

Das Zivilgesetz ist auch zur Erfüllung gekommen, und zwar durch das königliche Amt Christi. Er kam um sein Reich einzuläuten, das Reich Gottes und des Christus, und um seine Herrschaft anzutreten, die keine irdische, sondern eine himmlische, endzeitliche Herrschaft ist.

Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. So geht nun hin und macht zu Jüngern… Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! Amen. (Mt 28,18-20)

Als König, als König der Juden, unter der vermeintlich falschen Anmaßung, er sei ein König, ist Jesus Christus ja dann auch einen Tod als Strafe gestorben, als Strafe unter diesem Zivilgesetz.

Als ihn nun die obersten Priester und die Diener sahen, schrieen sie und sprachen: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn! Denn ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach unserem Gesetz muß er sterben, weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat! (Joh 19,6)

Durch diese Strafe war Jesus Christus unter dem Fluch; unter dem Fluch des Gesetzes:

Denn von Gott verflucht ist derjenige, der ans Holz gehängt wurde! (5. Mose 21,32)

Von diesen beiden ersten Formen des biblisch offenbarten Gesetzes – dem Zeremonial- und dem Zivilgesetz können und müssen wir mit Paulus sagen:

[Denn] Christus ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. (Röm 10,4)

Er ist ihr »Ende«, weil er es zur Erfüllung gebracht hat.

Jesus Christus hat auch das Moralgesetz mit seinen Ansprüchen, die gegen uns standen, in Erfüllung gebracht, in dem er den Bund, den Gott mit Adam geschlossen hat, dieser aber gebrochen hat, selber erfüllt hat – als zweiter und letzter Adam (1. Kor 15,45-47; Röm 5,12-19).

Vom Moralgesetz heißt es in der Schrift jedoch nicht im gleichen Maße wie beim Zeremonial- und Zivilgesetz, dass es abgeschafft worden ist, da es nicht im gleichen Maße an der Nation Israel hängt, sondern ein ewiger moralischer Maßstab ist.

Das Moralgesetz ist also, wie Name sagt, eine moralische, ethische Regel und Gesetz. Dieses Gesetz ist Ausdruck des Wesens Gottes; seiner unbeugsamen Gerechtigkeit, seiner makellosen Heiligkeit.

Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott! (3. Mose 19,2)

was ja im NT aufgegriffen wird:

…wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!« (1. Pet 1,15)

Dieses Moralgesetz, das ewige Gesetz (Ps 119,142), ist das, worauf Jesus sich bezieht in der Bergpredigt, wenn er sagt:

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen! (Mt 5,17)

Jesus Christus kam, um das Moralgesetz Gottes aufrecht zu erhalten, zu erfüllen, bis ins kleinste Detail Und das für uns! An unserer Stelle!

Dieses Moralgesetz, so lesen wir das in der Bergredigt, entspricht im Inhalt (oder wird zusammengefasst in) den Zehn Geboten. Diese Zehn Gebote sind auch das, was allen Menschen aufs Herz, ins Gewissen geschrieben ist, durch die Schöpfung, aber weil der Mensch diese Kenntnis, dieses Naturgesetz verzerrt, seit dem Sündenfall, hat Gott dieses Gesetz noch einmal explizit geoffenbart, als Wiederauflage sozusagen. Als Wiederauflage dessen, was eigentlich schon im Herzen eines jeden Menschen geschrieben steht. Das hat Gott wieder aufgelegt, diesmal aber mit seinem eigenem Finger auf zwei Steintafeln geschrieben (2. Mose 31,18)!

Die Unterteilung des offenbarten, schriftlichen Gesetzes Gottes, das wir in der Heiligen Schrift finden, in Moral-, Zeremonial- und Zivilgesetz, ist eine alte Tradition, von der Johannes Calvin sagen kann, sie sei im Zeitalter der Reformation eine »gewohnte Einteilung«:

Wir müssen dabei aber jene gewohnte Einteilung ins Auge fassen, die das gesamte Gesetz Gottes, wie es Mose verkündigt hat, in „sittliche Weisungen“ (mores), „Zeremonien“ und „Rechtssatzungen“ teilt. (J. Calvin, Institutio, IV,20,14)

Es ergab sich dann die Frage, woher diese klassische Dreiteilung stammt.

Thomas von Aquin hat diese Dreiteilung in seiner Summa Theologica, nennt aber explizit den Kirchenvater Augustinus als Autorität. 1

Die Dreiteilung ist sicherlich ganz klar altkirchlich.

Augustinus unterschied zumindest klar zwischen einem »moralischen« und einem »symbolisch« Gesetz, wobei er unter dem »symbolischen« das (Zeremonialgesetz) versteht, das mit dem Kommen der Realität Christi hinfällig geworden ist. 2

Tertullian unterscheidet zwischen einem »Naturgesetz« und einem levitischen, priesterlichen Gesetz. Aber auch innerhalb des offenbarten Gesetzes kennt er Unterscheidungen zwischen Elementen, die später respektive als »moralisch« und als »zivil« bezeichnet wurden. 3

Und schließlich finden wir auch bei Justin dem Märtyrer, den Anklang einer Dreiteilung des Gesetzes. 4

Interessant ist auch, dass das Frühjudentum diese Unterscheidungen ebenfalls kannte. Dort bezog man sich etwa auf die Stelle in 5. Mose 6,1:

Und dies ist das Gebot, die Satzungen und die Rechtsbestimmungen, die der HERR, euer Gott, euch zu lehren geboten hat, daß ihr sie tun sollt in dem Land, in das ihr zieht, um es in Besitz zu nehmen…

Und man verstand Gebot (mizvah), Satzungen (choqim) und Rechtsbestimmungen (mischpatim) als Moral, Zeremonial- und Zivilrecht respektive.

Unterscheidungen sehen wir in der Schrift an allen Ecken und Enden. Wichtige Stellen sind die innerbiblischen »Gesetzkritiken«, z.B. 1. Samuel 15,22:

Hat der HERR dasselbe Wohlgefallen an Schlachtopfern und Brandopfern wie daran, daß man der Stimme des HERRN gehorcht? Siehe, Gehorsam ist besser als Schlachtopfer und Folgsamkeita besser als das Fett von Widdern!

Und ähnlich Hosea 6,6:

Denn an Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht am Opfer, an der Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.

Hier sehen wir, wie schon innerhalb des Alten Testamentes verstanden wurde, dass das Zeremonialgesetz nicht unbedingt das höchste und endgültige ist. So wird dies auch im Neuen Testament verstanden, wenn wir von dem besseren Bund mit den besseren Zeremonien hören (z.B. Hebräer 9,1-16, vgl. den ganzen Hebräerbrief) oder auch davon, dass das »Beschnitten sein« nichts ist »und unbeschnitten sein ist auch nichts, wohl aber Gottes Gebote halten.« (1Kor 7,19; vgl. daneben auaquch Mt 5,17-48; Mt 19,18-19; Röm 13,9).

Die Dreiteilung des Gesetzes Gottes ist also ein biblisches und altkirchliches Konzept.

Fußnoten:

  1. Thomas von Aquin, Summa Theologica, 2a, Frage 99, Art. 4
  2. Augustinus, Contra Faustum Manichaeum, 6.2
  3. Tertullian, Gegen Marcion, 2.17 und Gegen die Juden, Kap. 2 und 5.
  4. Justin, Dialog mit dem Juden Trypho, keine Seitenangabe
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