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Die Kirche ist… die Kirche!

Ein Element des in manchen Ländern neu aufblühenden »Calvinismus« 1 ist der Schrei nach Kulturtransformation – die Gesellschaft und Kultur zu »durchdringen« und »zu verändern«, sprich: zu »christianisieren«.

Nun, den letzten Begriff hört man dann doch eher selten, da er einen allzu schnell in eine gewisse Ecke rückt. Der Impuls, der hinter diesem Anliegen steht, kommt aus dem so genannten »Neocalvinismus«. Der »Neocalvinismus« ist eine Bewegung, die auf den reformierten Theologen und Staatsmann Abraham Kuyper zurück geht (und auch von Hermann Bavinck in Teilen, doch etwas demütiger aufgegriffen wurde). Der Neocalvinismus steht unter dem Kampfschrei Kuypers:

Es gibt keinen einzigen Quadratzentimeter unserer menschlichen Existenz, über den Christus, der souverän über allem steht, nicht ausruft: ›Meins!‹

Und weil dem so ist, haben Christen, ja hat die Kirche Jesu Christi den Auftrag, »die ganze Welt christlich zu beeinflussen.«

Diese Sicht ist also entschieden breiter und umfassender als eine Sicht von Kirche, die sich auf die im engen Sinne »kirchlichen« Aufgaben beschränkt. Kirche soll nach dem Neocalvinismus die Kultur durchdringen, umgestalten, ja umwälzen. Dahinter steht eine implizite Ablehnung der alten traditionellen und radikalen »Zwei-Reiche-Lehre«, der Unterscheidung zwischen den zwei Reichen – dem Reich Gottes und dem Reich der Welt, oder anders ausgedrückt: der Kirche und der Kultur.

Sicherlich gibt es auch so etwas wie Kultur in der Kirche, eine kirchliche Kultur. Doch wir dürfen die Abschaffung der Grenzen zwischen dem Reich Gottes (in der Bibel mit der Kirche, dem Leib Christi identifiziert) und dem Reich der weltlichen Kultur nicht verwischen. Wo immer das geschieht, nimmt die soziale und kulturelle Agenda bald so viel Raum ein, dass die kirchliche notwendigerweise hinten runterfällt.

Der Herr Jesus Christus hat interessanterweise keine Jünger ausgesucht und ausgebildet und dann ausgesandt mit einem erneuerten und erweiterten Kulturmandat: »Geht hin und transformiert die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft, die ganze Kultur…« Christus kam, um die radikalste Transformation einzuläuten – die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde! Im Glauben an ihn sind wir schon Bürger des Himmelreichs (Phil 3,20) und nicht mehr nur Bürger des Reiches der Erde. Die Erlösung, die durch Jesus Christus gekommen ist, erneuert nicht einfach das ursprüngliche, an Adam gegebene kulturelle Mandat. Nein, wir haben nun ein ganz neues Mandat (Mt 28,19-20)!

Es ist eine Tatsache, die man kaum genug betonen kann, dass der Herr Jesus Christus nur eine einzige Institution auf der Erde gestiftet hat: nicht christliche Waisenhäuser, nicht ein System der Armenversorgung, keine einzige Schule, keine Partei, keine politisches System – nur eine: die Kirche. Er verkündigte das Königreich Gottes, die neue Schöpfung. Und die Institution, in der diese neue Schöpfung über die alte hereinbricht und ihre Ethik durchkreuzt, ist allein die Kirche.

Christus kam auf die Erde als menschgewordener Gottessohn, nicht um die Kultur der Welt zu durchdringen und zu verändern, sondern um das Reich Gottes anbrechen zu lassen und zu erfüllen und um die Kirche zu stiften – jene kontra-kulturelle Institution, jene »Kontrastkultur«, die nun darauf wartet, dass das »kommende Zeitalter« vollends hereinbricht.

Nur als Gedankenspiel – Es gibt eine Religion, die diesen kulturtransformierenden Aspekt voll in sich aufgesogen und sich zueigen gemacht hat. Aber es ist nicht die christliche. Es ist der Islam. 2

Der Islam ist keine rein »kirchliche«, d.h. im engen Sinn »religiöse« Religion, sondern eine radikale und umfassende Weltanschauung, die sich selbst Form gibt in ganzheitlichen Zivilisationen. Im Islam gibt es keine Trennung oder Unterscheidung zwischen Religion und Gesellschaft, zwischen Moschee und Staat. Wo der Islam Einzug hält, dominiert er über kurz oder lang die ganze Gesellschaft, Politik, Wirtschaft usw. oder er verabschiedet sich wieder. 3

So gesehen hat der Islam, menschlich gesprochen, einen strategischen Vorteil über die christliche Religion. Er vermag sich besser durchzusetzen; er hat die bessere »Bodenhaftung« innerhalb einer jeweiligen Zivilisation.

War es dann etwa ein unbeschreibbar tragischer Fehler, dass Jesus mit seinen Jüngern nur eine Kirche gegründet hat, nicht aber all die kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen, die einen Religion anscheinend braucht, um »wettbewerbsfähig« zu sein und zu bleiben?

Der Islam ist gewissermaßen das, was der Neocalvinismus aus dem christlichen Glauben (oder mithilfe von ihm!) machen will – nur eben »auf christlich«!

Der Grund, warum der christliche Glaube nicht (mit Ausnahme vielleicht der vorläufigen Institution der mosaischen Theokratie des Staates Israel) bleibende Zivilisationen geschaffen hat, »christliche Nationen« 4, ist ganz einfach: weil der christliche Glaube so nicht gedacht war; weil das Reich Gottes nicht auf diese Weise Fuß fasst und sich ausbreitet; weil es ein Reich »nicht von dieser Welt« ist, mit einem Herrscher, der nicht von dieser Welt ist und mit Untertanen und Bürgern, deren Bürgerschaft nicht in dieser Welt ist.

Die christliche Religion, so wie sie der Herr Jesus Christus begründet und »institutionalisiert« hat, ist die Gemeinschaft der leidenden und verfolgten Pilger auf Erden, die im Glauben wandeln und nicht im Schauen; die durch diese Welt hindurchziehen – nicht ohne Spuren zu hinterlassen! – auf dem Weg zum himmlischen Jerusalem. »Durch Glauben« halten sich Christen hier auf »wie in einem fremden« Land, wohnen »in Zelten« und erwarten »die Stadt, welche die Grundfesten hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist« (Hebräer 11,9-10).

Christen gehören dem Reich Gottes an und einer Kirche, die an keine bestimmten rechtlichen, politischen, militärischen, ethnischen oder wirtschaftlichen Zusammenhänge gekettet ist.

Während dies auf den ersten Blick wie eine Schwäche der christlichen Religion aussehen mag, im Vergleich zum Islam, der sich deshalb zahlenmäßig stärker behaupten mag, ist es doch in Wirklichkeit ihre Stärke. Während wir in dieser Welt leben, mit bestimmten (weltlichen) Aufträgen und Berufungen, sind wir nicht von dieser Welt. Der christliche Glaube transzendiert (d.h. übersteigt) gewissermaßen diese Welt, ohne sie zu ignorieren oder fliehen zu wollen. Insofern der Islam – und jede andere Religion – von der Welt ist, wird sie mit diesem »gegenwärtigen bösen Zeitalter« auch vergehen, wenn das neue hereinbricht. Durch die Kirche Jesu Christi geht nicht die Kirche im Reich der Welt auf, sondern die Welt in das Himmelreich ein. Hier, in diesem Reich, gelten andere Regeln und Gesetze, Prioritäten und endgültige Wahrheiten. Die Kirche ist keine demokratische Versammlung, aber auch kein Spielball der Märkte. Sie bestraft die Übeltäter nicht mit dem Schwert, wie der Staat es tut (oder tun sollte), sondern praktiziert eine interne »Bergpredigt-Ethik«. Diese Kirche ist bereit, um der vor ihr liegenden Freude Leid auf sich zu nehmen, was sie von der Welt erfährt. Ja, die christliche Religion – im Gegensatz zu den kulturergreifenden Religionen wie dem Islam – ist ganz besonders ausgestattet, Leid und Verfolgung zu ertragen (nach dem Beispiel Christi; vgl. Hebr 12,2), das aus dem Reich dieser Welt kommt, weil sie weiß, dass diese »gegenwärtige Leiden«, die »Bedrängnis, die schnell vorübergehend und leicht ist,« (2Kor 4,17) es nicht wert sind, verglichen zu werden mit der kommenden Freude. In dieser Kirche werden »Strafen« ausgesetzt, sobald ein renitenter Sünder Buße tut. In ihr weigert man sich, allerlei Aktivitäten nachzukommen, die »Spaß« machen, um am Sonntag, dem Tag des Herrn zusammenzukommen auf Geheiß des göttlichen Wortes, um einem Monolog zuzuhören, um von der zukünftigen Welt zu singen, um kleine Stückchen Brot zu essen und kleine Schlückchen Wein zu trinken und kleinen Kindern und Erwachsenen kleine Dosen Wasser übers Haar zu gießen – und all das in der Vorfreude und Antizipation des »kommenden Zeitalters«, der kommenden Welt, dem kommenden Reich Gottes, das in diese Form schon mitten unter uns ist.

Mögen wir als Kirche Jesu Christi den Auftrag erfüllen, den uns unser Herr Jesus Christus gegeben hat. Mitten in der Welt (nicht als Hermiten!) aber doch so, dass wir nicht von ihr sind und auch nicht in ihr aufgehen wollen.

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Fußnoten:

  1. Calvinismus ist in jedem Falle ein unglücklicher und heutzutage kaum hilfreicher Begriff. Calvin selber hätte sich so niemals bezeichnet; manche seiner theologischen »Nachfolger« wurden mit diesem Begriff mehr beschimpft als bezeichnet; und heute bezeichnen sich als »Calvinisten« allerlei Christen, die nur wenige (vielleicht fünf?) Punkte der Theologie des Reformators teilen. »Reformiert« ist der bessere und angebrachtere Begriff. Im Gegensatz zu der reformierten Konfession, gibt es so etwas wie ein calvinistisches Bekenntnis gar nicht. Darüber hinaus ist die reformierte Tradition und das reformierte Bekenntnis wesentlich breiter und steht auf wesentlich mehr Schultern als allein auf denen Johannes Calvins. »Calvinismus« ist heute leider mehr oder weniger ein Synonym für »evangelikale Prädestinarier« aller Couleur.
  2. Im Folgenden fasse ich einige Gedanken zusammen von David Van Drunen’s Artikel im neu erschienenen Buch Always Reformed, hrsg. R. Scott Clark und Joel Kim.
  3. Das ist der grundlegende Fehler, den westliche Regierungen in ihrer Einschätzung des Islam begehen. Sie können, in ihrer aufgeklärten, unkritischen Denkweise Religion nur im Sinne Kants verstehen.
  4. Ich sage damit nicht, dass er es nicht versucht hätte; z.B. etwa im Konstantinismus und dem römischen Reich etc. Ich sage damit lediglich, dass dieses Vorhaben von vornherein zum Scheitern verurteilt war, da es dem Geist des Evangeliums und der Absicht des Reiches Gottes zuwiderläuft.
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