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Die Lehre der „gemeinen Gnade“

Jesus Christus beschrieb seine Jünger im hohenpriesterlichen Gebet als gleichzeitig „in der Welt“ und doch nicht „von der Welt“ (Joh 17,11.16.18). Diese Gleichzeitigkeit richtig zu verstehen halte ich für eine der größten Aufgaben der Kirche in unserer Zeit. Wenn die Kirche nicht mehr „in der Welt“ ist, wird sie separatistisch und sektiererisch. Sie verliert dann ihre Salzkraft völlig. Wenn die Kirche allerdings „von der Welt“ ist, ist sie im negativen Sinn „weltlich“. Auch dann hat sie nichts mehr zu sagen.

In der Verhältnisbestimmung von Kirche zu Kultur ist es unerlässlich, dass wir einer weithin vernachlässigten biblischen Lehre nachgehen – der Lehre von der so genannten “gemeinen Gnade”.

Die Frage nach der „gemeinen Gnade“ ist ein Versuch, Gottes Haltung gegenüber der Kultur und der Schöpfung allgemein zu beschreiben. Insbesondere ist es ein Versuch zur Beantwortung der Frage, ob denn Gott für eine gefallene Schöpfung und für die verlorenen (das heißt entweder “noch nicht erlösten” oder überhaupt nicht auserwählten) Menschen in ihr nur Zorn empfindet und ihnen nur Gericht zuteil werden lässt oder ob Gott nicht auch trotz des kommenden Zorngerichts jetzt, in der Zeit, eine vorläufige, nicht rettende Gnade austeilt. Für obige Frage bedeutet das: ist Kultur intrinsisch (an und für sich sündhaft und schlecht) und deshalb von Christen rundweg abzulehnen? Ist Separatismus und Isolationismus der einzig gangbare Weg für Christen „in der Welt“? Oder ist Kultur etwa neutral oder gar gut? Wie stellen wir uns zu ihr? Was, wenn überhaupt etwas, können wir annehmen oder gar genießen?

“Was ist der Zusammenhang zwischen Natur und Gnade, zwischen Schöpfung und Wiedergeburt, zwischen Kultur und Kirche, zwischen der irdischen und der himmlischen Berufung und schließlich dem Menschen und dem Christen?” (Herman Bavinck)

Diese und ähnliche Fragen sind untrennbar verknüpft mit der Lehre der „gemeinen Gnade“.

Wir fragen zu Beginn: Was bedeutet dieser Begriff und woher kommt er?

»Gemeine« Gnade ist ein altertümlicher Begriff. Er meint nicht, dass Gott »gemein« ist, wenn er gnädig ist. Vielmehr will er ausdrücken, dass es neben der rettenden Gnade Gottes, die manchmal auch als spezielle Gnade Gottes bezeichnet wird, auch noch so etwas wie eine „allgemeine“, nicht rettende Gnade gibt, die allen Menschen mehr oder weniger stark zukommt, ganz abgesehen von ihrem Status im Blick auf die Erwählung Gottes. („Gemein“ ist hier gebraucht wie z.B. in der Botanik, etwa beim “gemeinen Löwenzahn”). Doch der neuere Begriff „allgemeine Gnade“ ist m.E. leider auch nicht ganz glücklich, da Gnade natürlich niemals „allgemein“ sein kann. Gnade ist ja genau deshalb Gnade, weil Gott sie souverän und frei schenkt – oder eben nicht. In dem Moment, wo Gnade etwas Allgemeines wird, was ohnehin schon „vorhanden“ ist und jedem Menschen als Mensch sozusagen automatisch zukommt, hört Gnade auf Gnade zu sein. Deshalb halte ich den etwas altertümlichen und schrägen Begriff der „gemeinen Gnade“ für ganz brauchbar und halte gerne daran fest.

Entscheidend ist hier, dass wir die Unterscheidung zwischen spezieller und gemeiner Gnade nicht in Gott selbst suchen. Gott, und damit auch seine Gnade als eine Eigenschaft Gottes, ist nicht geteilt, sondern wie es in der reformierten Dogmatik heißt: ein ungeteiltes Wesen. Somit gibt es auch nur eine Gnade Gottes. Diese eine Gnade Gottes manifestiert sich jedoch im Bereich des „Natürlichen“ und im Bereich des „Geistlichen“ unterschiedlich und kommt unterschiedlichen Menschen unterschiedlich zugute. Sie ist und bleibt aber Ausdruck des einen Willen Gottes.

Schon aus diesem ersten Erklärungsversuch dürfte deutlich werden, dass die ganze Problematik um gemeine Gnade ein zutiefst reformiertes „Problem“ ist. Arminianer – also solche, die die absolute Souveränität Gottes sowie seinen unabwendbaren Ratschluss, in dem er vor Grundlegung erwählt hat, wen er retten will und wen er verworfen hat – nicht für biblisch halten, haben dieses Problem nicht, da sie einfach sagen: Gott liebt alle Menschen! Gericht und Verdammnis kommen ursächlich niemals aus Gott, sondern sind dem Menschen selbst zuzuschreiben. Arminianer sehen (meist) kein Problem darin, dass Gott etwa einem nicht erwählten Menschen Gnade in irgendeiner Form zukommen lassen könnte – ganz einfach deshalb, weil Arminianer nicht in diesem Sinne an Erwählung glauben.

Doch dieses “Problem” haben wir gerne. Es ist immerhin besser, ein theologisches “Problem” zu haben und irgendwie lösen zu müssen, als aufgrund einer zutiefst unbiblischen Theologie alle Probleme eliminiert zu haben. So widmen wir uns heute dem klassischen Problem der gemeinen Gnade.

Wir hatten bereits gesagt, gemeine Gnade ist das Gegenstück zur speziellen Gnade Gottes. Letztere ist die souveräne und unwiderstehliche Gabe Gottes, die ihn errettet. Erstere führt nicht zu einer Veränderung des Menschen, dem sie zukommt – zumindet nicht zu einer geistlichen, rettenden. Wenn überhaupt, dann führt die gemeine Gnade Gottes, die selbst den ruchlosesten Sündern noch völlig unverdient zukommt, aber dort nicht zur Umkehr führt, zu einer umso größeren Verdammnis im Gericht am letzten Tag.

Nun wollen wir versuchen, die gemeine Gnade noch etwas genauer zu definieren und biblisch zu lokalisieren. Louis Berkhof schreibt in seiner Dogmatik (Systematic Theology, 1958, S.436): “Wenn wir von ‘gemeiner Gnade’ sprechen, meinen wir damit entweder (a) das allgemeine Wirken des Heiligen Geistes, wodurch er – ohne dabei das Herz zu erneuern – mittels der allgemeinen oder der speziellen Offenbarung einen solchen moralischen Einfluss auf den Menschen ausübt, dass die Sünde im Zaum gehalten, die soziale Grundordnung erhalten und zivile Aufrichtigkeit gefördert wird; oder (b) die allgemeinen Gaben, wie Regen und Sonnenschein, Essen und Trinken, Kleidung und Obdach, die Gott Menschen unterschiedslos nach seinem Gutdünken zuteil werden lässt.

Klassische Definitionen von der gemeinen Gnade enthalten fast alle eine doppelte Richtung oder auch zwei Aspekte – einen negativen Aspekt und einen positiven Aspekt.

Der “negative” Aspekt

Der negative Aspekt ist deshalb “negativ”, weil Gott hier etwas verhindert, nicht weil dieser Aspekt der gemeinen Gnade schlecht für den Menschen wäre. Negativ ist die gemeine Gnade darin, dass sie das völlig maßlose Überhandnehmen der Sünde eindämmt, das wir eigentlich von einer Welt voller völlig verderbter Sünder erwarten sollten.

Ist Ihnen das noch nie durch den Kopf gegangen? Ja, manchmal sind die Nachrichten schon sehr erschreckend und das Böse, was dort über den Menschen deutlich wird. Doch fragen Sie sich nicht auch manchmal, wieso die Welt trotz allem noch so gut ist wie sie es ist? Wer die reformierte Lehre von der völligen Verderbtheit und Durchdringung des Menschen durch die Sünde für biblisch hält, der muss sich fragen: Woher kommt es, dass diese Welt nicht aus lauter Mördern und Selbstmördern, Ehebrechern, Vergewaltigern und Lügnern besteht? Denn die reformierte Lehre von der Verderbtheit des Sünders besagt nicht (entgegen mancher Karikaturen!), dass jeder Mensch so schlimm und schlecht ist, wie es nur irgend möglich ist. Sie besagt nur, dass wir alle das Potential haben, so schlimm wie der schlimmste Sünder zu sein. Wir sind Sünder durch und durch, wenn auch nicht jeder von uns alle Sünden tatsächlich begeht. Wenn Paulus sich selbst als den „ersten“ unter den Sündern bezeichnet (1. Tim 1,15), dann meint er damit nicht, dass er in der Tat die schlimmsten Sünden begangen hat. Er meint damit das, was auch unser Herr Jesus Christus in der Bergpredigt sagt: wer eine Frau nur lüstern ansieht, ist bereits ein Ehebrecher. Wer zornig auf seinen Bruder ist, ist bereits ein Mörder! (Mt 5,20-32) Im Grunde unseres Herzens sind wir alle gleich – Sünder. Und jede böse Tat wohnt in unserem Busen! Doch was macht dann den praktischen Unterschied zwischen mir und einem “echten” Mörder aus? Bin ich besser, moralisch höher stehend, anständiger? Das sei ferne! Ich muss demütig anerkennen, dass die Erklärung für den Unterschied nicht bei mir zu finden ist, sondern irgendwo bei Gott. Ich habe genauso das Potential zu Morden wie jeder andere Sünder und tatsächliche Mörder. Dass es nicht so weit kommt ist eine glückliche Mischung an Mangel an Gelegenheiten und eben … Gnade!

Es ist eine Gnade, dass ein Sünder lebenslang mit Zorn in der Brust lebt, aber niemals in die Versuchung kommt deshalb zu töten. Doch ist er deshalb besser als der Sünder, der tötet? Nein. Wird er damit gerecht und gerettet? Auch nicht. Aber ihm wurde eine besondere Gnade zuteil. Das ist die gemeinde Gnade.

Der reformierte Theologe Herman Bavinck schreibt, dass es die gemeine Gnade ist, die es uns ermöglicht, im Bereich der Moral einen echten Unterschied zu machen zwischen verschieden „schlimmen“ Sündern. Obwohl soteriologisch gesehen alle Sünder denselben Stand vor Gott haben, ist es doch legitim (und entspricht der menschlichen Erfahrung), dass wir Unterscheidungen vornehmen zwischen verschiedenen Graden der „manifesten Sündhaftigkeit“.

Eine andere Form wie die gemeine Gnade Sünde eindämmt ist durch die Obrigkeit, also die staatliche Gewalt oder Exekutive. Nach Römer 13 ist diese von Gott eben dazu eingesetzt, um dem Bösen Einhalt zu gebieten.

Denn die Herrscher sind nicht wegen guten Werken zu fürchten, sondern wegen bösen! Willst du also die Obrigkeit nicht fürchten, so tue das Gute, dann wirst du Lob von ihr empfangen! Denn sie ist Gottes Dienerin, zu deinem Besten. Tust du aber Böses, so fürchte dich! Denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; Gottes Dienerin ist sie, eine Rächerin zur Strafe an dem, der das Böse tut. Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen (Röm 13,3-5).

Die staatliche Gewalt – „das Schwert“ – ist eine gnädige Erfindung und Gabe Gottes in einer sündhaften Welt, um das Zusammenleben überhaupt noch möglich zu machen. Sie ist vergleichbar mit dem Urteil über Kain, der seinen Bruder umbrachte, deshalb von Gott verflucht wird, aber um überleben zu können ein Zeichen – das „Kainszeichen“ – erhält (vgl. Gen 4,10-16). Eine Gnade – inmitten des Gerichtes.

Die gemeine Gnade ist überall dort zu finden, wo Gott dafür sorgt, dass auch nach dem Sündenfall menschliches Miteinander möglich ist und bleibt, wo er selbst dafür sorgt, dass die gesellschaftlichen Strukturen nicht so vollständig erodieren, wie dies im Prinzip möglich wäre, ja eigentlich der Fall sein müsste.

Doch neben dieser negativen, eindämmenden, bewahrenden Funktion der gemeinen Gnade gibt es auch noch eine positive Seite.

Der “positive” Aspekt

Die gemeine Gnade verhindert nicht nur das schlimmste Übel, sondern ist darüber hinaus auch eine echte Gabe von etwas Gutem. Gemeine Gnade ist alles Gute, das dem Menschen von Gott her zukommt, das ihn nicht rettet (also was keine spezielle oder rettende Gnade ist). In diesem Sinne ist gemeine Gnade die Güte Gottes über alle Menschen.

Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke. (…) Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit. (Ps 104,14-15.27)

Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von grosser Güte. Der HERR ist allen gütig und erbarmt sich aller seiner Werke (Ps 145,8-9)

Der zuletzt genannte Vers geht sogar soweit, dass er ausdrücklich von einer Gnade oder einem Erbarmen Gottes, einer Barmherzigkeit (hebr. rachamim) spricht gegenüber allen Menschen, ja allen Geschöpfen ohne Unterschied. Dies allein dürfte ausreichen, die Kritiker zu widerlegen, die behaupten, es entspräche nicht dem biblischen Sprachgebrauch, in Bezug auf die nicht-rettende Güte Gottes von „Gnade“ zu sprechen. Der Begriff, der hier steht, ist im Allgemeinen ebenso soteriologisch geladen, wie der hebräische Begriff für Gnade (hebr. chen).

Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Das Gute, was dem Menschen durch die gemeine Gnade zukommt, kann unterschiedliche Formen annehmen. Einerseits kann es eine Wohltat Gottes an die gesamte Schöpfung sein. Dann kann es eine “Gnade” für alle Menschen unterschiedslos sein und letztens kann es auch eine Wohltat Gottes an das Bundesvolk von Erwählten und nicht Erwählten sein, die aber trotzdem keine spezielle Gnade ist (z.B. eben auch der Regen und Sonnenschein, den sie ja auch empfangen). Neben dem Guten, das Gott selbst dem Menschen durch die gemeine Gnade zukommen lässt, bedeutet gemeine Gnade aber auch, dass Menschen, die zwar unter dem Zorn Gottes stehen und leben, trotzdem etwas “relativ Gutes” vollbringen können. Die Lehre der völligen Verderbtheit bedeutet auch hier nicht, dass ein verworfener Mensch nur Müll produziert. Nein, im Gegenteil, der natürliche Mensch ist hier immer wieder zu erstaunlichen Geniestreichen in der Lage. Die Lehre von der gemeinen Gnade gibt uns eine Möglichkeit, diese Fähigkeit des natürlichen Menschen theologisch zu betrachten und bereitet damit einen Mittelweg zwischen dem römischen Natur/Gnade-Dualismus und einem hypercalvinistischen Reduktionismus auf sola gratia specialis (“spezielle Gnade allein”).

Calvin, einer der Wegbereiter der Lehre von der gemeinen Gnade, schreibt in der Institutio über die Fähigkeiten des natürlichen Menschen:

»Diese Erweise bezeugen klar, dass dem Menschen ein allgemeiner Begriff von Vernunft und Verstand von Natur aus innewohnt. Und dieses Gut ist doch so allgemein vorhanden, daß jeder einzelne darin für sich persönlich eine besondere Gnadengabe Gottes anerkennen muß. Zu dieser Dankbarkeit ermuntert uns der Schöpfer der Natur selbst auf das kräftigste; er schafft nämlich auch Narren, um an ihnen zu zeigen, was für Fähigkeiten eigentlich die Menschenseele auszeichnen, wenn sie nicht von seinem Lichte durchflutet ist — und dies letztere findet von Natur fast in allen Menschen statt, so daß es geradezu für jeden einzelnen ein freies Geschenk seiner Gnade darstellt! Nun ist zwar die Erfindung der Künste und die geordnete Unterweisung in ihnen oder auch die ins Innere dringende und weitergreifende Erkenntnis — die nur wenigen eigen ist — nicht etwa ein ausreichender Beweis für allgemeine Erkenntnisfähigkeit. Aber sie kommt doch Frommen und Unfrommen gemeinsam zu und zählt deshalb mit Recht zu den natürlichen Gaben. (…) Sooft wir heidnische Schriftsteller lesen, leuchtet uns aus ihnen wunderbar das Licht der Wahrheit entgegen. Daran erkennen wir, daß der Menschengeist zwar aus seiner ursprünglichen Reinheit herausgefallen und verdorben, daß er aber doch auch jetzt noch mit hervorragenden Gottesgaben ausgerüstet und geschmückt ist. Bedenken wir nun, daß der Geist Gottes die einzige Quelle der Wahrheit ist, so werden wir die Wahrheit, wo sie uns auch entgegentritt, weder verwerfen noch verachten — sonst wären wir Verächter des Geistes Gottes! Denn man kann die Gaben des Geistes nicht geringschätzen, ohne den Geist selber zu verachten und zu schmähen! Wieso auch? Wollen wir etwa leugnen, daß den alten Rechtsgelehrten die Wahrheit geleuchtet habe, wo sie doch mit solcher Gerechtigkeit die bürgerliche Ordnung und Zucht beschrieben haben? Wollen wir sagen, die Philosophen seien in ihrer feinen Beobachtung und kunstvollen Beschreibung der Natur blind gewesen? Wollen wir behaupten, es hätte denen an Vernunft gefehlt, die die Kunst der Beweisführung dargestellt und uns vernünftig zu reden gelehrt. (…) Es sind also selbst diese Menschen, die doch die Schrift „natürliche Menschen“ nennt, offensichtlich in der Erforschung der niedrigeren Dinge bis zu diesem Grade scharfsichtig und erkenntnisfähig. An solchen Beispielen sollen wir lernen, wieviel Gutes der Herr uns Menschen übrigemeine Gnadeelassen hat, nachdem wir freilich des wahren Guten verlustig gegangen sind! (…) Aber wir wollen unterdessen nicht übersehen, daß diese Fähigkeiten herrlichste Gaben des Geistes Gottes sind, die er zum gemeinen Besten des Menschengeschlechts nach seinem Willen austeilt, an wen er will.“ (II,2,14-16)

Man beachte wie häufig Calvin selbst hier in Bezug auf die Verworfenen von „Gnade“ spricht. Diese ausgewogene Beschreibung ist fern von jenem düsteren Portrait des Calvinisten als einem Menschen, der nur das schlechte, sündhafte, üble in der Schöpfung und an allen Menschen sieht. Ich denke, es sind höchstens die Leugner der Lehre von der gemeinen Gnade, die potentiell solch eine Weltanschauung haben. Ähnlich positiv äußert sich Bavinck:

Es stimmt, dass der Heilige Geist als Geist der Heiligung nur in den Gläubigen wohnt, aber als Geist des Lebens, der Weisheit und der Kraft wirkt er auch unter denen, die nicht glauben. Kein Christ sollte deshalb diese Gaben des Geistes verachten; im Gegenteil, er sollte die Künste, die Wissenschaften, Musik, Philosophie und vieles mehr zu schätzen wissen.

Das Ziel der gemeinen Gnade

Ziel und Zweck der Gemeine Gnade ist, wie bei allem, was Gott tut, einzig und allein seine Ehre. Gottes Ehre findet im Erlösungswerk durch seinen Sohn Jesus Christus seinen höchsten Ausdruck. Doch auch im Bereich des „Natürlichen“ will Gott seine Ehre manifest machen. Dies tut er durch Erweise seine Güte auch und gerade an den Menschen, die ihn ultimativ ablehnen und auf ewig verloren gehen werden. Somit ist der „Lebensraum“ der gemeinen Gnade das Natürliche, die materielle Schöpfung. Dieser Bereich ist in der reformierten Theologie niemals auf platonische Art und Weise abgelehnt worden, sondern hat eine besondere theologische Beachtung gefunden. Der Bereich des Natürlichen ist, auch wenn er in sich nichts Geistliches hat, doch der Bereich, in dem uns auch die spezielle Gnade begegnet. Die besondere, rettende Gnade trifft den Menschen nicht im luftleeren Raum, sondern als Geschöpf Gottes. Gemeine Gnade ist der Anknüpfungspunkt für die spezielle Gnade. Anders gesagt: Geschichte ist der Bereich der gemeinen Gnade. Weil aber der christliche Glaube ein historischer (und kein abstrakter) Glaube ist, sich ständig geschichtlich manifestiert, deshalb erhält die gemeine Gnade solch eine große Bedeutung. Gemeine Gnade ist notwendigerweise ein wichtiger Bestandteil eines christlichen Geschichtsverständnisses. (Denn Aufgrund des ewigen Ratschlusses Gottes allein, lässt sich Geschichte nicht erklären.)

Der reformierte Theologe John Muray betont, dass wir die Unterscheidung zwischen der gemeinen Gnade und der speziellen Gnade nicht auflösen dürfen, denn sonst sind wir auf dem Weg nach Rom. Alles, was den Menschen Gutes zukommt, fließt ihnen letztlich vom Kreuz her zu. Daran müssen wir festhalten! Andererseits dürfen wir die Unterscheidung auch nicht verabsolutieren, denn dann wir aus unserem Glauben ein ahistorisches, abstraktes, außerweltliches Geschehen und unser Weltbild wird dualistisch. Die christliche Religion, so Murray, ist die Erneuerung und Vervollkommnung der Natur und nicht die Flucht vor ihr. Dieses Verständnis macht die christliche Religion zu einer Kraft „in jeder Abteilung legitimer menschlicher Interessen und Beschäftigungen“, ja, es erlaubt uns das Gute überall zu schätzen, wo wir es finden und zu sehen, dass Gott in allem wahrhaft Guten durchscheint. Der Kampf gegen die radikale, tiefsitzende Sünde in der Welt, den Reformierte aufgrund ihres Bekenntnisses besonders profiliert erkennen (sollten!), darf uns nicht blind machen für das Gute in der Welt, in und durch das die Ehre Gottes zum Ausdruck kommt!

Das historische Zeugnis

Der Kirchenvater Augustin hat sich nicht explizit zur gemeinen Gnade geäußert. Das allein beweist natürlich nichts, denn er hat sich nicht systematisch zu allen wichtigen Loci der Theologie geäußert. Seine Schriften sind vielmehr Gelegenheitsschriften. Wichtig ist aber, dass Augustin den Terminus „Gnade“ nicht auf die rettende, spezielle Gnade beschränkt – ganz im Gegenteil zu den heutigen Kritikern der gemeinen Gnade, die das so tun.

Bei Luther werden problematische Züge seiner Anthropologie deutlich. In seiner Schrift “Vom unfreien Willen” macht er eine deutliche Unterscheidung zwischen dem niedrigeren irdischen und dem höheren geistlichen Bereich. Im irdisch-natürlichen Bereich kann der Mensch, auch der natürliche Mensch, nach Luther eine ganze Menge positiver Dinge vollbringen; er kann eben nur nicht Gott und den Glauben an ihn “wollen”, da das in den geistlichen Bereich gehört, in dem der natürliche Mensch völlig unfähig ist. Nach Berkhof sind das Restbestände des „katholischen Sauerteigs“ in Luthers Theologie. Er wird somit dem biblischen Menschenbild nicht ganz gerecht (er tendiert paradoxerweise gleichzeitig in Richtung eines Semipelagianismus und eines Determinismus) und zerstört damit außerdem den Wirkungsbereich der gemeinen Gnade Gottes, die eben gerade in jener niedrigeren, natürlichen Sphäre wirksam ist.

Erst Calvin war so konsequent in seiner Anwendung der völligen Verderbtheit des Menschen, dass er sagte, aus sich heraus kann der Sünder keinerlei Gutes bewirken. Dass er es de facto aber doch tut, ist also nicht seiner inhärenten Fähigkeit im irdisch-schöpferischen Bereich zuzuschreiben (contra Luther), sondern auch einem besonderen Wirken Gottes – nämlich der gemeinen Gnade.

Kritik an der Gemeine Gnade

Folgende kritische Anfragen werden gegen die Lehre von der gemeinen Gnade geltend gemacht.

1. „Gnade ist nicht Gnade, wenn sie nicht mit Rettung zu tun hat.“ – Doch wo in der Schrift finden wir eine solche Engführung des Gnadenbegriffs? Ich habe oben gezeigt, wie gerade alttestamentliche Texte durchaus soteriologisch gehaltvolle Begriffe auch auf die Nichtgläubigen beziehen können. Ich denke, unsere Definition von Gnade muss so weit sein, wie die Definition der Bibel. Wenn wir im Voraus Gnade auf das rettende Eingreifen Gottes beschränken, ist es kein Wunder, wenn wir die gemeine Gnade im Nachhinein nicht in der Schrift finden.

2. „Die reformierte Lehre der gemeinen Gnade führt unweigerlich zur Allversöhnung.“ – Theologen wie Herman Hoeksema zogen diesen Schluss. Die ehemals reformierte Christian Reformed Church (CRC) in den USA publizierte 1924 die so genannten „drei Punkte“ über die Lehre der gemeinen Gnade, die da lauten:

(1) über die rettende Gnade hinaus, die Gott nur denen gibt, die zum ewigen Leben voherbestimmt sind, gibt es auch noch ein gewisses Wohlwollen, ja eine Gnade Gottes gegenüber seinen Geschöpfen ganz allgemein; (2) seit dem Sündenfall bleibt das gesellschaftliche Miteinander der Menschen doch möglich, da Gott durch seinen Geist die Gewalt der Sünde eindämmt; (3) Gott beeinflusst Menschen derart – ohne ihr Herz dabei zu erneuern –, dass sie, obwohl sie ansich unfähig zu irgend einem Guten sind, doch im zivilen Bereich Gutes vollbringen.

Hoeksema und andere Pastoren und Theologen verließen darauf hin die CRC, da sie diese Punkte nicht unterzeichnen konnten, und gründeten die Protestant Reformed Churches (PRC), die als reformierte Kirchen geschlossen die Lehre von der gemeinen Gnade ablehnen. Als Folge von der Leugnung der gemeinen Gnade verneinen Hoeksema und andere auch das freie, universale Angebot des Evangeliums in der Verkündigung an alle Menschen. Sie sind der Meinung, das Angebot des Evangeliums gelte wirklich und tatsächlich nur den Auserwählten. Das aber kann meines Erachtens nur als Hypercalvinismus bezeichnet werden. Da die gemeine Gnade nicht rettet, sondern sich nur im Bereich des Natürlichen bewegt, kann aus dieser Lehre auch keine Allversöhnung abgeleitet werden. Übrigens führt auch das universale Angebot des Evangeliums nicht zur Allversöhnung, denn das Evangelium wird jeweils nur für die Auserwählten rettend wirksam.

3. „Die Lehre von der Gemeine Gnade suggereriert eine wohlwollende Haltung Gottes gegenüber Sündern.!“ – Die Prämisse hinter dieser Kritik ist, dass Gottes „Emotionen“ simpel sind und nicht komplex, ja dass Gott nichts als Hass empfinden kann für die Verworfenen. Dies deckt sich jedoch nicht mit der komplexen „Emotionalität“ Gottes, die uns in der Schrift begegnet. Sie lehrt eindeutig, dass Gott unzähligen Segen auf alle Menschen unterschiedslos regnet (Mt 5,45) – und es ist nicht denkbar, dass Gott dies missmutig tut. Gott kann sehr wohl einem Menschen, den er nicht erwählt hat und der ultimativ verloren gehen wird, zeitliche Segnungen zugute kommen lassen – und tut dies auch tausendfach.

4. „Die Gemeine Gnade würde bedeuten, dass man in der natürlichen Ordnung der Dinge etwas Gutes auffindet.“ – Hier, ebenso wie in der ersten Kritik, geht man davon aus, dass Gnade immer rettend sein muss. Dem ist aber nicht so. Außerdem ist es eine platonische Haltung, davon auszugehen, der Bereich des Irdischen sei seit dem Sündenfall nur schlecht. Von der Sünde beeinträchtigt ist alles, aber alles ist deshalb noch lange nicht so schlecht wie es sein könnte. Vieles ist sogar noch „relativ“ gut, besonders im Hinblick darauf, dass es immernoch Gottes Schöpfung ist! Es waren vor allem die Pietisten und Labadisten, aber auch die Brüder bis heute, die diese Kritik vorgebracht haben. Doch auch Karl Barths Leugnung der gemeinen Gnade bewegt sich auf ähnlichem Boden. Für Barth ist Geschöpflichkeit gleich Sündhaftigkeit. Diese Gleichung macht die Bibel allerdings nicht, ja, sie ist meines Erachtens eine glatte Leugnung der Schöpfung und Vorsehung Gottes.

Fazit

Nur eine Rückbesinnung auf die biblische Lehre von der gemeinen Gnade kann uns helfen einen gesunden Mittelkurs zwischen dem römischen Dualismus zwischen Natur und Gnade einerseits und dem hypercalvinistischen schöpfungsverneinenden Platonismus andererseits zu steuern. In der Frage nach dem Verhältnis von Kirche zu Kultur bewahrt uns die Lehre von der gemeinen Gnade vor einer unkritischen Adoption der Kultur einerseits und einer hyperkritischen Ablehnung der Kultur (als “Welt”) andererseits. Ersteres ist eher die Haltung des Kulturprotestantismus, zu dem ich manche Auswüchse der “Emerging Church”-Bewegung zähle; letzteres eher die Haltung des fundamentalistischen Evangelikalismus sowie des Anabaptismus (und der Brüderbewegung etc.). Die Lehre von der gemeinen Gnade erlaubt uns außerdem, die uneingeschränkte Souveränität Gottes über alle Bereiche des Lebens, kulturell wie kirchlich, zu bekräftigen.

 

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