Blog

Die Predigt Revue passieren lassen

Es ist wieder Montag. Der zweite Tag der Woche! Schnell wird die Gemeinde Gottes, die gestern noch einträchtig unter dem Wort Gottes und bei den Sakramenten versammelt war, wieder eingenommen von der Geschäftigkeit des Berufslebens, des Alltags.

Da ist es vielleicht angebracht, einmal innezuhalten und zu fragen: Was ist eigentlich aus der Predigt von gestern geworden? Sind die Worte von gestern auch Schnee von gestern? Oder sind sie immer noch »Worte ewigen Lebens« (Joh 6,68)?

Predigten zu hören – aufmerksam zu hören, so zu hören, dass man den größtmöglichen Profit daraus zieht, ist eine Sache. Schwierig genug heutzutage! Sind wir doch sonst kaum mehr gewohnt, einem Monolog länger als 3 Minuten am Stück konzentriert zu folgen.

Doch selbst wenn man am Samstagabend früh genug ins Bett kommt, um Sonntagfrüh während der Predigt, ja während des ganzen Gottesdienstes frisch und aufmerksam bei der Sache zu sein; und wenn man wirklich bemüht ist, mit »hörenden Ohren zu hören« (Mt 11,15), dann ist dies biblisch gesehen nur die halbe Miete. Die Predigt zu verdauen und dann auch »umzusetzen« ist eine ganz andere Sache.

Im Gleichnis vom Sämann hören wir nur wenig vom Akt des Aussäens (die Verkündigung des »Wortes vom Reich«; Mt 13,3 und Mt 13,19) selbst, aber viel über das, was danach mit dem ausgesäten Samen geschieht. Und nur bei einer Gruppe von Hörern wird am Ende berichtet, dass Frucht entsteht: »der eine trägt hundertfältig, ein anderer sechzigfältig, ein dritter dreißigfältig.« (Mt 13,23). Sicher liegt die Betonung dieses Gleichnisses auf der Beschaffenheit des Bodens, und doch lässt sich nicht vermeiden, auch einen Blick auf die Verantwortung des Hörers  zu werfen. Von ihm wird gesagt, dass er entweder »wetterwendisch« ist, weil er »keine Wurzel in sich« hat (V.21); oder dass er »Anstoß« nimmt, wenn er um des Wortes willen verfolgt wird (V.21); oder dass unter seiner Sorge und seinem Reichtum, die ihm wichtiger sind als das Himmelreich, das Wort regelrecht »erstickt«, so dass es »unfruchtbar« wird (V.22).

Jakobus schreibt ganz ähnlich über die Wirkung des Wortes Gottes und die Verantwortung, es zu »tun«, es »umzusetzen«:

Seid aber Täter des Wortes und nicht bloß Hörer, die sich selbst betrügen. Denn wer [nur] Hörer des Wortes ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein natürliches Angesicht im Spiegel anschaut; er betrachtet sich und läuft davon und hat bald vergessen, wie er gestaltet war. Wer aber hineinschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und darin bleibt, dieser [Mensch], der kein vergeßlicher Hörer, sondern ein wirklicher Täter ist, er wird glückselig sein in seinem Tun (Jak 1,22-25).

Frisch, konzentriert und aufmerksam der gottesdienstlichen Predigt zuzuhören, ist sicherlich eine der wichtigsten geistlichen Übungen im Leben des Christen. Die Predigt des Wortes Gottes ist ein Gnadenmittel, durch das Gott selbst verheißen hat, durch den Heiligen Geist Glauben zu schaffen (Röm 10,17; 1Pet 1,23) und Glauben zu nähren (Röm 1,11). Der Christ, der dies lernt, tut nicht seinem Pastor einen Gefallen (das sicherlich auch!), sondern er ist dem Herrn gehorsam, der dieses Mittel der Predigt zu seinem Wohl eingesetzt hat. Er tut sich selbst damit etwas Gutes – ja das Beste, was es gibt!

Aber gewissermaßen fängt nach der aufmerksam gehörten Predigt die eigentliche Arbeit erst an. Da entscheidet sich, ob wir wahrhaft »Täter« des Wortes sind oder nur »vergessliche Hörer«. Wir müssen lernen, Profit zu ziehen aus der Predigt des Wortes Gottes. Eine gute und hilfreiche Art, wie wir das tun, ist indem wir Sonntags am Mittagstisch (oder danach) gemeinsam die Botschaft der Predigt noch einmal Revue passieren lassen. So wird Manches klarer. Anderes setzt sich besser. Und wir werden motiviert dadurch, was dem Anderen aufgegangen ist.

Diese Kunst des privaten »Predigtnachgesprächs« in den Häusern und Familien und unter Freunden ist leider heute selten geworden. Ich frage mich wieso? Und ich frage mich, was es aussagt darüber, was wir von der Predigt erwarten, was wir vom Wort Gottes erwarten.

Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus (4. Jahrhundert; genannt »Goldmund« aufgrund seiner großartigen Predigtbegabung!) wusste um die Bedeutung der Meditation oder »Nachbereitung« der Predigt. Mögen wir uns zu Herzen nehmen, was er an Weisheit mitzuteilen hat – um unseretwillen, um der Gemeinde willen und um der Ehre Gottes willen: 1

Vielfach höre ich Leute sagen: So lange wir in der Kirche sind und die Predigt hören, sind wir zerknirscht; kaum sind wir aber draußen, so werden wir schon wieder anders und lassen das Feuer der Begeisterung erlöschen. Was sollen wir also dagegen tun? Geben wir acht auf die Ursache dieser Erscheinung. Woher kommt es denn, dass wir so leicht veränderlich sind? Das kommt davon, dass wir nicht so leben, wie es sich gehört, und dass wir mit schlechten Menschen umgehen. Wenn wir aus dem Gottedienst kommen, sollten wir uns eben nicht alsbald wieder in den Strudel weltlicher Geschäfte stürzen, sondern, wenn wir nach Hause kommen, sogleich die Hl. Schrift zur Hand nehmen, Frau und Kinder zusammenrufen, und mit ihnen das, was in der Predigt gesagt wurde, wiederholen, und dann erst den zeitlichen Geschäften nachgehen. Wenn du schon nicht gerne aus dem Bade unmittelbar in dein Geschäft gingest, um dir nicht deine Erholung durch geschäftliche Dinge zu verderben, so solltest du das um so weniger tun unmittelbar nach dem Gottesdienst. In der Tat tun wir aber gerade das Gegenteil, und damit verderben wir alles. Denn noch ehe der Nutzen, den wir aus der Predigt geschöpft, Wurzel gefaßt hat, reißt und trägt schon der gewaltige Andrang der Dinge, die von außen her auf uns einstürmen, alles mit ich fort. Damit du also dem entgehst, so halte bei deiner Rückkehr aus der Kirche nichts für notwendiger als die Wiederholung der Predigt. Denn es wäre ja doch äußerst unverständig, fünf oder sechs Tage den weltlichen Geschäften zu widmen. den geistlichen aber nicht einmal einen, ja kaum einen kleinen Teil eines Tages zu gönnen.

Seht ihr nicht, wie es unsere Kinder machen? Die denken den ganzen Tag an die Aufgaben, die sie zu lernen haben. Machen auch wir es so. Sonst haben wir nach unserem Weggange aus der Kirche keinen größeren Gewinn, als wenn wir den ganzen Tag Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpften, da wir ja für die Bewahrung des Wortes Gottes nicht einmal soviel Eifer entwickeln als für die Bewahrung von Gold und Silber. Ja, das Gold, und ist es auch wenig, das legt jeder in einen Beutel und versiegelt ihn; wir aber haben Lehren empfangen, die weit mehr wert sind als Gold und kostbare Edelsteine; wir haben die Schätze des Hl. Geistes erhalten, und die legen wir nicht in die Schatzkammer unserer Seele, sondern lassen sie sorglos verloren gehen, wie es der Zufall will! Wer wird da noch länger mit uns Mitleid haben, wenn wir so uns selber schaden, und uns in solche Armut stürzen? Damit also das nicht geschehe, machen wir es uns selbst zum unabänderlichen Gesetz, mit unserer Frau und unseren Kindern einen Tag in der Woche, und zwar einen ganzen dem Anhören der Predigt und deren Wiederholung zu widmen. Auf diese Weise werden wir auch viel mehr Verständnis für die jeweilige Fortsetzung haben; es wird unsere Mühe geringer und unser Gewinn größer sein, wenn wir das Frühere noch im Gedächtnis haben, während wir bereits das Folgende hören. Denn das hilft nicht wenig zum Verständnis des Gesagten, wenn ihr die Reihenfolge der Gedanken, die wir euch entwickelt haben, genau gegenwärtig habt. Da es nämlich unmöglich ist, sie alle in einem einzigen Tag vorzubringen, so müßt ihr das, was wir in vielen Tagen euch vorlegen, im Geiste zusammenfassen, und gleichsam eine Kette daraus machen, die ihr so um die Seele legt, dass die ganze Hl. Schrift im Überblicke vor euch steht. Rufen wir uns also das Frühere nochmals ins Gedächtnis zurück, und gehen wir heute so zum Folgenden über.

Johannes Chrysostomus, Matthäus-Kommentar, 5. Homilie, Kap. 1, V.22

Ähnliche Beiträge:

Fußnoten:

  1. Ganz nebenbei gibt Chrysostomus am Ende des Zitats auch hilfreiche Tipps für diejenigen, die eine Gemeinde besuchen, in der das Wort Gottes durch längere Reihen von Auslegungspredigten aufgeschlossen wird.
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Kirchenväter, Predigten, Zitate. Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.