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Die Rolle des Gesetzes im Gottesdienst

Für eine christliche Kirche kann es keine Frage geben – in jedem Gottesdienst müssen unabänderlich sowohl Gesetz als auch Evangelium zur Sprache kommen. Die ganze Heilige Schrift (2Tim 3,16), der ganze Ratschluss Gottes (Apg 20,27) ist Grundlage der christlichen Lehre und Frömmigkeit.

Die Frage ist jedoch, welche Beziehung hat der Christ, der ja nicht mehr unter dem Gesetz ist, sondern unter der Gnade (Röm 6,14-15), nun weiterhin zum Gesetz Gottes? Genauer: welche Rolle sollte das Gesetz Gottes im Gottesdienst, d.h. innnerhalb der Liturgie einer protestantischen, insbesondere einer reformierten Kirche spielen?

Hierauf gibt es verschiedene Antworten, die geprägt sind durch unterschiedliche theologische Schwerpunkte oder Verständnisse des Gesetzes. Die Theologie unterscheidet im Allgemeinen drei Gebräuche oder Anwendungen (usus) des Gesetzes Gottes.

Erstens, das Gesetz als »Zuchtmeister«, das uns von unseren Sünden und unserer Sündhaftigkeit überführt (usus elenchticus), uns an uns selbst verzagen und uns auf Christus werfen lässt (Gal 3,24). Hier wirkt das Gesetz wie ein unbarmherziger Spiegel, der uns unsere Schuld vor Gott vor Augen führt. Johannes Calvin drückt das folgendermaßen aus:

Die erste Anwendung des Gesetzes besteht darin, daß es uns Gottes Gerechtigkeit anzeigt, also was vor Gott wohlgefällig ist, und auf diese Weise jeden einzelnen an seine Ungerechtigkeit erinnert, sie ihm zur Gewißheit macht und ihn schließlich überführt und verdammt. 1

Der zweite Gebrauch des Gesetzes ist die Eindämmung schlimmer Formen der Gesetzlosigkeit in der Welt durch die Warnungen des Gesetzes (usus politicus). Calvin dazu:

Das zweite Amt des Gesetzes besteht darin, daß Menschen, die nur gezwungen um Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit sich kümmern, beim Hören der harten Drohungen in ihm schließlich wenigstens durch die Furcht vor der Strafe im Zaum gehalten werden. Das geschieht aber nicht etwa, weil ihr Herz innerlich bewegt oder berührt würde, sondern weil ihnen gleichsam ein Zügel angelegt ist, so daß sie ihre Hand vom Vollzug des äußeren Werks zurückhalten und ihre Bosheit in sich selbst verschließen, die sie sonst mutwillig würden losbrechen lassen. 2

Während der erste Gebrauch Sünder zur Umkehr leiten und der zweite Gebrauch Sünder in ihre Schranken weisen soll, ist der dritte Gebrauch (tertius usus legis) der einzige, der nur die Kirche (genauer: die Wiedergeborenen) angeht (usus in renatis).

Noch einmal Calvin:

Die dritte Anwendung des Gesetzes ist nun die wichtigste und bezieht sich näher auf seinen eigentlichen Zweck: sie geschieht an den Gläubigen, in deren Herz Gottes Geist bereits zu Wirkung und Herrschaft gelangt ist. Ihnen ist zwar mit Gottes Finger das Gesetz ins Herz geschrieben, ja eingemeißelt; das bedeutet: sie sind durch die Leitung des Geistes innerlich so gesinnt und gewillt, daß sie Gott gern gehorchen möchten. Aber trotzdem haben sie noch einen doppelten Nutzen vom Gesetz. 3

Ob Christen, ob die Gemeinde Jesu, die nicht mehr unter der Sklaverei und der Verdammnis des Gesetzes steht, überhaupt noch einen Nutzen vom Gesetz hat, darüber sind sich nicht alle Christen einig. Es gibt heute starke »antinomistische« Tendenzen in den christlichen Kirchen und im Evangelikalismus, d.h. man hält das Gesetz in Christus für abgetan, nicht nur, was seine verdammende Wirkung (als Schuldschein, der gegen uns gerichtet war; vgl. Kol 2,14) angeht, die im Glauben aufgehoben ist (Röm 10,4), sondern das Gesetz an sich wird in jeder praktischen Beziehung verworfen.

Auch das kannte der Genfer Reformator bereits:

Diesen Unterschied kennen einige unerfahrene Leute nicht, und deshalb verwerfen sie grimmig das ganze Gesetz und lassen beide Tafeln fahren; denn es ist nach ihrer Meinung mit dem Wesen eines Christen nicht vereinbar, einer Lehre anzuhangen, die doch das „Amt des Todes“ in sich trägt (Anklang an 2. Kor. 3,7). Aber solch eine gottlose Meinung soll ferne von unserem Herzen sein; denn Mose lehrt selbst sehr klar, daß das Gesetz zwar bei den Sündern nichts als den Tod erzeugen kann, aber bei den Heiligen doch eine besondere und herrlichere Anwendung finden müsse. 4

Tendenziell ist es so, dass etwa in lutherischen Kirchen der erste Gebrauch des Gesetzes stark betont wird, während in reformierten Kreisen der dritte Gebrauch hervorgehoben wird.

Doch welche Folgen hat das für die Gottesdienstgestaltung, für die Liturgie? Welche Rolle sollte das Gesetz im reformierten Gottesdienst spielen?

Der Heidelberger Katechismus reflektiert die reformierte, calvinische Überzeugung, dass die dritte Anwendung des Gesetzes »die wichtigste« ist und sich »auf seinen eigentlichen Zweck« bezieht. 5 Er behandelt die Zehn Gebote, also das Gesetz Gottes nicht im ersten Großteil (betitelt: »Von des Menschen Elend«) und auch nicht im zweiten Teil (»Von des Menschen Erlösung«), denn das Gesetz ist uns weder gegeben lediglich, um unseren bedauernswerten, elenden Zustand vor Gott zu beschreiben (Teil I), noch um dadurch gerettet zu werden (Teil II). Nein, das Gesetz findet im Leben des Christen, im Leben der Kirche seinen Ort im Bereich der Heiligung.

Dies hebt den ersten Gebrauch des Gesetzes (den »evangelistischen« Gebrauch) ebensowenig auf wie den zweiten, den politischen Gebrauch. Aber es reflektiert den biblischen Schwerpunkt der ethischen Passagen der Briefe des Neuen Testaments, der Bergpredigt, usw., in denen der dritte Gebrauch, der Gebrauch für die Gemeinde, für die Wiedergeborenen im Mittelpunkt steht.

Somit gibt es guten Grund, dass auch unsere reformierten (!) Gottesdienstordnungen diesen Schwerpunkt wiederspiegeln. Deshalb findet bei uns in der Liturgie die unverzichtbare Lesung des Gesetzes Gottes erst nach dem Teil des Gottesdienstes statt, in dem wir gemeinsam unsere Schuld und Sünde bekennen und dafür die Vergebung Gottes in Christus zugesprochen bekommen. So verstehen wir das Gesetz Gottes als durch und durch »evangelisch«, also vom Evangelium her kommend, und nicht als lästige, »gesetzliche« Pflicht.

Das setzt natürlich voraus, dass wir den Gottesdienst als Versammlung des Bundesvolkes Gottes auf Gottes Geheiß und unter seinem Wort verstehen. Tun wir das nicht und verstehen den Gottesdienst etwa als evangelistische Veranstaltung, ist klar, dass dann auch nicht der dritte, sondern eher der erste Gebrauch des Gesetzes im Mittelpunkt stehen muss – der überführende, evangelistische Gebrauch.

Wenn der Grundsatz stimmt, dass das »Gesetz des Betens« und der Frömmigkeit (also die Frömmigkeitsstile und -formen) irgendwann ganz automatisch zum »Gesetz des Glaubens« wird (lex orandi, lex credendi), d.h. dass die gottesdienstliche, liturgische Praxis immer unsere Theologie informieren wird, ob wir wollen oder nicht, sollten wir der Gesetzlichkeit unter Christen einerseits und der Gesetzlosigkeit unter Christen andererseits vorbeugen, indem wir nach biblischen Vorbild den dritten Gebrauch des Gesetzes im Gottesdienst wieder entdecken und in den Mittelpunkt stellen und nicht den ersten oder den zweiten Gebrauch.

Im Mittelpunkt des christlichen Gottesdienstes steht nicht der vermeintlich »Suchende« und seine (hoffentliche) Bekehrung, sondern Christus und die von ihm vollbrachte, vollendete Erlösung, vollbracht »um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.« (Tit 2,14). Werke des Glaubens und Früchte der Heiligung!

Fußnoten:

  1. Calvin, Institutio, II,7,6
  2. Calvin, Institutio, II,7,10
  3. Calvin, Institutio, II,7,12
  4. Calvin, Institutio, II,7,13
  5. Calvin, Institutio, II,7,12
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