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Eine reformatorische Gemeinde gründen – Bernhard Kaiser

Dr. Bernhard Kaiser vom Institut für Reformatorische Theologie hat eine schon ein paar Jahre alte aber sehr aktuelle Schrift, die als praktische Anleitung zur Gründung reformatorischer Gemeinden gedacht ist.

In manchen Punkten vertrete ich andere Überzeugungen als Kaiser. In etwa der Tatsache, dass es meines Erachtens so etwas wie eine »reformatorische« Gemeinde nicht geben kann, weil die Nomenklatur »reformatorisch« ein Sammelbegriff ist, der zwar einen großen gemeinsamen Kern oder eine Schnittmenge beschreibt, aber eben auch Positionen beinhaltet, die sich gegenseitig ausschließen (man denke etwa an das lutherische gegenüber dem reformierten Abendmahlsverständnis; oder man denke an die lutherische Lehre von den zwei Naturen Christi gegenüber der reformierten; etc.). 1

Für eine Ausbildungsstätte mag der Begriff reformatorisch ein durchaus angemessener sein, für einen Verlag auch. Eine Kirche oder Gemeinde kann jedoch mit der Bandbreite, die dieser Begriff anzeigt m.E. nicht leben. Sie muss ein klares, eindeutiges und verbindliches Bekenntnis haben. In einem geschichtlichen Sinn macht es Sinn, etwa die lutherischen und reformierten Kirchen gemeinsam als »reformatorische« Kirchen zu bezeichnen, wenn man deren Übereinstimmung betonen will. Doch heute von der Konstituierung einer »reformatorischen« Kirche zu reden, beschönigt tendenziell die Differenzen innerhalb der einen »Familie« reformatorischer Kirchen.

Trotz dieser Unterschiede teile ich jedoch voll und ganz das Grundanliegen des Autors. Vor allem freue ich mich über die Betonung der biblischen, theologischen und menschlich-sozialen Notwendigkeit einer kirchlichen Ordnung. Die Ablehnung kirchlich verbindlicher Ordnungen halte ich für eines der größten Übel unserer Zeit, übertroffen nur noch von der konsequenten inhaltlichen Aushöhlung der Schriftverkündigung.

Bekenner des christlichen Glaubens sehen oftmals keinen kategorischen Unterschied zwischen der Sofadiskussionsgruppe einerseits und der sichtbaren Kirche Jesu Christi, samt ihrer äußerlichen Ordnungen (Wortverkündigung durch berufene und ordinierte Diener des Wortes; Sakramente) und Institutionen (Ämter, Mitgliedschaft etc.) andererseits.

Kaiser schreibt:

Es ist Gottes Wille, dass Christen sich versammeln und gemeinsam auf sein Wort hören und Taufe und Abendmahl empfangen. Das aber kann nicht wahllos und willkürlich geschehen, sondern soll seine rechte Ordnung haben. Deshalb nehmen meine Ausführungen über das Vereinsrecht und die Gemeindeordnung in diesem Aufsatz bewusst einen breiten Raum ein. Wir dürfen Kirche nicht so vergeistlichen, dass ihre rechtmäßige Gestalt hier auf Erden der Beliebigkeit verfällt. Die Erde, auf der wir leben, ist nun mal die Sphäre des Rechts, und unser Gott hat das Recht lieb (Ps 37,28). Das ist vielen evangelikalen Christen fremd. Kirchenrecht und Gemeindeordnungen überlassen sie zusammen mit den Amtshandlungen den Großkirchen, bei denen sie im normalen Sonntagsgottesdienst nichts mehr für ihren Glauben bekommen. Hauskreise und Glaubenskonferenzen funktionieren ohne Kirchenrecht. Doch die Gliedschaft in einer christlichen Kirche ist mehr. Es gehört zum Wesen der Kirche als Leib Christi, dass sie eine weltliche und damit auch rechtliche Gestalt hat. Den Glauben hat man nicht unverbindlich, so wie auch eine christliche Gemeinde nicht ein unverbindlicher Zusammenschluss von Christen ist. Man kann nicht „im Geist“ zur wahren Kirche gehören, aber rechtlich und faktisch zu keiner oder zu einer falschen Kirche. Zur Kirche Christi zu gehören, bedeutet, dass man ihr auch vor der Welt rechtsverbindlich angehört. Der gemeinsame christliche Glaube findet so seine rechtliche Gestalt und diese ist zugleich ein Bekenntnis vor Gott, der Welt und den Mitchristen.

Eine Kirchenordnung ist also, entgegen einem weit verbreiteten Sentiment, nicht an sich schon eine »unbiblische« Sache. Das ist ja ein Vorwurf, den man hört, wenn man sich als Gemeinde bewusst eine solche Ordnung auferlegt: »Wo steht das denn in der Bibel?«

Kaiser formuliert treffend:

Bibeltreue Menschen mögen nun argumentieren: Wenn die Bibel Anweisungen gibt, wie es in der Gemeinde zuzugehen habe, und wenn alle sich daran halten, dann brauche man keine zusätzlichen Gemeindeordnungen. Die Bibel genüge doch – sola scriptura! Doch diese Meinung übersieht, dass die Bibel keine Gemeindeordnung ist. Ebensowenig wie uns die Bibel die biblische Lehre als einen in sich geschlossenen dogmatischen Text liefert, bietet sie uns auch nicht eine in einzelnen Paragraphen kodifizierte GO. Gott hat im Alten wie im Neuen Testament zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Situationen offenbart, was sein Wille ist. Die biblischen Daten, die für eine GO von Bedeutung sind, finden sich vornehmlich in den neutestamentlichen Briefen, die anhand von konkreten Gemeindesituationen generell verbindliche Anweisungen erteilen. Doch die Bibel läßt manche Fragen unbeantwortet, die dann von der örtlichen Gemeinde oder einem Gemeindeverband beantwortet werden müssen. Sie sagt zum Beispiel nicht, wie die Presbyter einer Gemeinde zu ihrem Amt kommen sollen: Treten sie einfach auf mit dem Anspruch „Ich bin Gemeindeältester“, oder werden sie von der Gemeinde gewählt, oder von den Presbytern anderer Gemeinden, einem Pfarrer oder gar einem Bischof dazu berufen? Läßt man die Frage offen, wie eine Gemeinde zu ihren Leitern kommt, dann wird es schnell ein Kompetenzgerangel geben, das erfahrungsgemäß zu Streit und Spaltungen führt. Wenn die Bibel Anweisungen gibt, wie es in der Gemeinde zugehen soll, dann sind diese ebenso verbindlich wie die theologischen Inhalte, die in ihr gelehrt und verkündigt werden sollen. Die örtliche Gemeinde oder auch ein Gemeindeverband tun gut daran, diese Anweisungen zu beherzigen. Von daher ist es geboten, im Einklang mit den biblischen Aussagen eine GO zusammenzustellen, die solche Dinge regelt.

Ergo:

Eine schriftgemäße GO einzufordern ist also weder Gesetzesfanatismus noch Regelungswut. Es ist auch nicht Ausdruck der Herrschaft von Menschen über Menschen. Eine schriftgemäße GO ist wie ein Gefäß, das einen wertvollen Inhalt sowohl von außen vor Verunreinigungen schützt als auch vor dem Zerfließen bewahrt. Sie schützt von außen: Sie gebietet, keine Lehren oder Praktiken in die Gemeinde hineinzutragen, die ihr wesensfremd sind, und sie hält Menschen oder Institutionen davon ab, unberufen in die Gemeinde hineinzuwirken. Sie schützt den Inhalt vor dem Zerfließen, indem sie das Miteinander der Christen in biblische Bahnen lenkt und zeigt, welche Formen der gelebte Glaube in der Gemeinschaft der Christen findet.

Zuguterletzt teile ich auch Kaisers Anliegen:

Die GO muss die Verwaltung [der Sakramente] und die Teilnahme an diesen regeln. Sie muss sagen, wer das Recht hat zu taufen und das Abendmahl zu reichen – auch dies ist zweifellos die Aufgabe der Presbyter. Die GO muss ferner klären, wer am Abendmahl teilnehmen kann und wer nicht. Logischerweise steht das Abendmahl nur Gemeindegliedern offen. Doch die aktuelle Situation der Kirche wird es möglicherweise gebieten, auch für Glieder anderer Gemeinden, die sich als Christen vorstellen, offen zu sein.«

Nicht mehr folgen kann ich wiederum im Fazit:

»Die GO darf aber andererseits das Abendmahl nicht zur Veranstaltung eines elitären geistlichen Zirkels verkommen lassen, sondern sie muss es offen lassen für jeden Sünder, der nach der Vergebung verlangt.

»Elitärer geistlicher Zirkel« kann und darf sicherlich nicht entstehen. Jedoch kann die kirchliche Ordnung nicht dem kirchlichen Bekenntnis widersprechen oder jenes Aushebeln, indem man per GO solche zum Abendmahl zulässt, die dem Bekenntnis der Gemeinde widersprechen, auch wenn sie sich als »Sünder, die nach Vergebung verlangen« ausweisen (vgl. unsere KO, Art. 61)

Alles in allem kann ich diese kleine aber feine praktische Anleitung zur Gemeindegründung sehr empfehlen! Gebe Gott, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch einige solcher Initiativen landauf landab sehen!

Ein neues Wort habe ich übrigens auch noch gelernt: Kungelei! Möge Gott uns auch vor dieser Bewahren!

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Fußnoten:

  1. Die Problematik wird deutlich etwa im Artikel Wer oder was ist reformatorisch? von Dr. Wolfgang Nestvogel
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