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Erastus und die (Wieder-)Einführung des Brotbrechens

Thomas Erastus (geb. Lüber; 1524–1583) war ein Schweizer, der in Basel, Bologna Medizin studierte, die medizinische Forschung der Zeit radikal erneuerte und später Leibarzt verschiedener Fürsten wurde.

Für unsere Belange ist besonders folgenreich, dass Erastus 1558 nach Heidelberg an den Hof des Kurfürsten Ottheinrichs kam. Auch hier fungierte er in erster Linie als Hausarzt Ottheinrichs sowie für zweiundzwanzig Jahre als Professor für Medizin an der hiesigen Universität.

Gleichzeitig machte sich Erastus einen Namen als effektiver »Laientheologe«. In Zürich unter den Einfluss der reformierten Lehre gekommen, blieb er in seiner Abendmahlsauffassung mehr oder weniger zwinglianisch (im schroffen Gegensatz zum Verständnis Calvins sowie dem der Heidelberger Theologen, z.B. Olevian und Ursin).

Sein größter theologischer »Verdienst« war die Auseinandersetzung mit Olevian und anderen von Calvin beeinflussten Theologen in Heidelberg um die rechte Form der Kirchenzucht und -verfassung. Olevian kämpfte dafür, das Genfer System der Kirchenzucht in der Kurpfalz einzuführen; Erastus andererseits kämpfte gegen die geistliche Unabhängigkeit der Kirche in ihren Ämtern und der Macht der Exkommuikation. Er wollte der Obrigkeit allein dieses Recht auf Exkommunikation zugestehen. Diese Ansicht vertrat er so vehement und effektiv, dass diese Theorie der Kirchenverfassung bis heute »Erastianismus« genannt wird. Eine gute Einführung in die kirchenrechtlichen Gedanken des Erastus bietet Ruth Wesel-Roth.

Erastus hat einige theologische Schriften veröffentlicht, in denen er teilweise recht kontroverse und auch heterodoxe theologische Ansichten vertrat; die teilweise jedoch auch sehr bedeutsam für die »Zweite Reformation« der Kurpfalz geworden sind.

Ich möchte hier allerdings auf eine interessante kleine Schrift von Erastus hinweisen mit dem Titel Erzelung etlicher ursachen, warumb das hochwirdig Sacrament des Nachtmals unsers Herren vnd Heylandts Jhesu Christi, nicht solle ohne das brodbrechen gehalten werden, die 1563 in Heidelberg erschien. Diese Schrift wurde weithin bekannt unter dem Kürzel Büchlein vom Brotbrechen. Darin argumentiert Erastus von der Heiligen Schrift, der apostolischen sowie der altkirchlichen Praxis für die Praxis der »fractio panis« – des Brotbrechens beim Abendmahl.

Man muss verstehen, dass in der Zeit (der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts) die Kurpfalz einige Male durch Konfessionswechsel der Obrigkeit einen Wechsel zwischen lutherischem und reformiertem Bekenntnis miterlebte. Dabei waren es oft die äußerlichen Rituale, die jeden Gottesdienstbesucher sogleich erkennen ließen, ob er sich in einer lutherischen oder einer reformierten Kirchen befand.

Die Reformierten waren besonders auf die radikale Reformation des gottesdienstlichen Lebens bedacht. Deshalb führten sie die im Mittelalter verloren gegangene Praxis der fractio panis wieder ein, d. h. der Diener des Wortes nahm in der Mahlfeier einen ganzen Leib gewöhnlichen Brotes und brach ihn in der Mitte durch bevor das Brot ausgeteilt wurde. Das »Brotbrechen« wurde so etwas wie ein reformiertes »Schibbolet«, ein identitätsstiftender Ritus. Die Lutheraner lehnten diese Praxis als unbiblisch ab und verdächtigten jeden, der das Brot im Gottesdienst brach des Kryptocalvinismus, also ein heimlicher Anhänger des Calvinismus zu sein.

Das Büchlein vom Brotbrechen wurde 1563, also im Jahr des Heidelberger Katechismus, zusammen mit jenem anonym und mit Genehmigung des kurpfälzischen Hofs veröffentlich. Und zwar so, dass man schon früh Ausgaben des Katechismus mit dem Büchlein zusammen band. Die Gegner der Theologie des Katechismus richteten sich nicht selten in ihren Schmähschriften auch gleichermaßen gegen das Büchlein.

In einigen reformierten Kirchen, auch bei uns, ist der gute und biblische Brauch erhalten geblieben, das Abendmahl auf eine Weise zu feiern, die Worte des Apostels sichtbar machen:

Das Brot, das wir brechen, ist es nicht [die] Gemeinschaft des Leibes des Christus? Denn es ist ein Brot, so sind wir, die vielen, ein Leib; denn wir alle haben Teil an dem einen Brot. (1Kor 10,16-17)

 

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