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Erhebet eure Häupter…! – Calvin über die Sehnsucht nach dem Himmel

Es ist doch wirklich so: das ganze Volk der Gläubigen gleicht, solange es auf dieser Erde wohnt, notwendig den Schafen, die zur Schlachtbank geführt werden; denn es muß Christus, seinem Haupte, gleichgestaltet werden (Röm 8,36). Die Gläubigen wären also die trostlosesten unter allen Menschen, wenn sie ihr Herz nicht zum Himmel erhöben und dadurch all das, was in dieser Welt ist, überwänden und die gegenwärtige Gestalt der Dinge hinter sich ließen (1Kor 15,19).

Aber wenn sie einmal ihr Haupt über alles Irdische erhoben haben, dann sehen sie wohl, wie die Gottlosen in blühendem Reichtum und in Ehren leben, sie nehmen es wahr, wie sie ungestörten Frieden genießen, wie sie in allerlei Pracht und Überfluß stolz dahergehen und alle Vergnügungen im Überfluß haben – sie werden auch durch die Bosheit der Gottlosen bedrückt, müssen von ihrem Stolz Verachtung leiden, werden von ihrer Habgier ausgeplündert und von anderlei Willkür geplagt – aber dennoch werden sie auch in solchen Übeln leichtlich standhalten.

Denn vor ihren Augen steht der Tag, an dem der Herr seine Gläubigen in die Ruhe seines Reiches aufnimmt, an dem er „alle Tränen abwischen wird von ihren Augen“, an dem er sie mit dem Kleid der Herrlichkeit und der Freude antut, sie mit der unaussprechlichen Süßigkeit seiner Freuden weidet, an dem er sie zur Gemeinschaft an seiner erhabenen Herrlichkeit erhebt und sie endlich des Teilhabens an seiner Seligkeit würdigt! (Jes 25, 8; Offb 7,17). Jene Gottlosen aber, die auf Erden in hoher Blüte standen, wird er in die äußerste Schmach verstoßen, er wird ihre Vergnügungen in Pein, ihr Lachen, ihre Freude in Heulen und Zähneklappern verwandeln, ihren Frieden wird er durch die bittere Qual des Gewissens stören und ihre Weichheit mit unverlöschlichem Feuer strafen, die Gottesfürchtigen aber, deren Geduld sie mißbraucht haben, wird er über ihre Häupter setzen! Nach dem Zeugnis des Paulus besteht nämlich die Gerechtigkeit darin, daß Gott den Elenden und zu Unrecht Geplagten „Ruhe gibt“, den Gottlosen aber, die den Frommen „Trübsal antun“, Trübsal „vergelten wird“, „wenn nun der Herr Jesus wird offenbart werden vom Himmel …“ (2Thess 1,6f.).

Das ist wahrlich unser einziger Trost; würde der uns genommen, so müßten wir entweder völlig verzweifeln oder uns aber zu unserem Verderben von den eitlen Trostgründen der Welt beschwichtigen lassen! Auch der Prophet bekennt ja, daß er beinahe gestrauchelt wäre mit seinen Füßen, als er sich bei der Betrachtung des gegenwärtigen Wohlergehens der Gottlosen zu lange aufgehalten hatte; er bekennt, daß er sich nur dadurch wieder hat aufrichten können, daß er in das Heiligtum des Herrn hineinging und seine Augen auf das letzte Ende richtete, das Frommen und Gottlosen bevorsteht (Ps 73,2. 17). Um zu einem kurzen Schluß zu kommen: Erst dann triumphiert im Herzen der Gläubigen das Kreuz Christi über Teufel und Fleisch, über die Sünde und die Gottlosen, wenn ihre Augen sich auf die Kraft der Auferstehung richten!

Johannes Calvin, Institutio, III,9,6

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