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Gemeindewachstum nach Gottes Art

Zwei Merkmale

Traditionell haben Protestanten anhand zweier bzw. dreier Merkmale beurteilt, ob die Kirche, irgendeine Kirche, eine biblische ist oder nicht – diese sind die Predigt des Evangeliums, der rechte Gebrauch der Sakramente.

Wo auch immer wir das Wort Gottes unverfälscht gepredigt und gehört, die Sakramente gemäß der Einsetzung Christi ausgerichtet sehen, dürfen wir nicht zweifeln, dass dort eine Kirche Gottes existiert (Johannes Calvin, Institutio, Buch IV.1.9).

Manche fügen darüber hinaus noch die Kirchenzucht und das Gebet hinzu, doch diese beiden Dinge waren im Allgemeinen bei allen Reformatoren in den beiden genannten Merkmalen bereits impliziert. So war ein Abendmahl nur rechtmäßig im biblischen Sinne, wenn es mit Gemeindezucht (also Ausschluss derer, die in offener Sünde lebten) einherging.

Diese Merkmale verstanden Protestanten traditionell auch als die Mittel, durch die Gott seine Gemeinde baut, durch die er Wachstum schenkt und die er versprochen hat zu segnen.

Wenn man sich die Gemeinde- und Kirchenlandschaft heute so anschaut, drängt sich ein Eindruck auf: wir sind nicht mehr zufrieden mit diesen einfachen Mitteln. Programm über Programm wird multipliziert und potenziert. Wenn man auf die Sprecher der Gemeindewachstumsbewegung hört, sind heute alle möglichen Dinge wichtiger als diese einfachen Mittel. In unserer schnelllebigen high power Welt lassen wir uns unter Druck setzen eine Hochglanzbroschüre mit einer Vielzahl an “Diensten” aus dem Boden zu stampfen. Und oft liegt unsere Hoffnung auf “Erfolg” und Wachstum mehr auf dem zusätzlichen Gästegottesdienst, der christlichen Volleyballmannschaft, dem Zelteinsatz, der missionarischen Jugendarbeit und dem offenen Café als auf den Mitteln, die Gott uns an die Hand gegeben hat.

Woran liegt das? Meines Erachtens ist der erste Grund der Verlust einer ausgeprägten (oder überhaupt einer) Lehre der Vorsehung Gottes. Der zweite Grund, der kausal damit verknüpft ist, ist der Verlust an Vertrauen in traditionelle Mittel.

Probleme mit der Vorsehung

Der zeitgenössische Evangelikalismus, in der Neuen wie in der Alten Welt gleichermaßen, ist geprägt von einem neuen “Supernaturalismus”. In bewusster Reaktion und Frontstellung gegen die liberale Theologie bekräftigte zunächst der Pietismus, dann der Evangelikalismus seinen Glauben an das spezielle, übernatürliche Eingreifen Gottes in Zeichen, Wundern und besonderen Offenbarungen. Der Glaube an Ereignisse wie die Jungfrauengeburt, die Inspiration der Schrift, die historische Auferstehung Jesu, aber auch der Glaube an moderne Wunderheilungen usw. charakterisieren den frühen Evangelikalismus. Auch die Betonung auf die geistliche Wiedergeburt, die dazu führte, dass “wiedergeboren” zu sein und “evangelikal” zu sein zu Synonymen wurde.

In diese breiter angelegte Reaktion auf die liberale Theologie lässt sich auch die Entstehung der charismatischen Bewegung einordnen. Auch sie ist, wie der Evangelikalismus eine Bewegung, die den übernatürlichen Charakter des christlichen Glaubens betont. In der charismatischen Bewegung ist es besonders das vermeintliche “Wirken des Geistes” in Zungenrede und Geistestaufe usw. an dem das gegenwärtige übernatürlich Wirken Gottes festgemacht und “bewiesen” wird. Dass Gott existiert und rettend in die Geschichte eingegriffen hat, zeigt sich für Evangelikale und Charismatiker primär nicht an philosophischen Gottesbeweisen (auch wenn die nicht grundsätzlich verneint werden), auch nicht an geschichtlichen, objektiv nachprüfbaren Ereignissen (wie z.B. der Auferstehung Jesu), sondern vor allem an dem “gegenwärtigen Wirken Gottes” in der persönlichen, individuellen oder korporativen Erfahrung der Christen.

Diesen “Supernaturalismus” (Glaube an und Betonung des Übernatürlichen) haben Evangelikale von ihren fundamentalistischen Vorfahren geerbt. Und dieses Erbe ist ja auch zunächst einmal ein Gutes. Mit Ausnahme der charismatischen Phänomene ist gegen oben genannte Merkmale des Evangelikalismus nichts zu sagen.

Doch was hat dies mit Ekklesiologie zu tun, mit der Lehre der Kirche? Und was hat es mit den Merkmalen und Mitteln einer gesunden Gemeindearbeit zu tun? Leider muss man sagen, dass die Betonung des Übernatürlichen im Gegenzug eine Unterbetonung oder Vernachlässigung des “natürlichen” Wirkens Gottes mit sich gebracht hat. Was meine ich mit dem “natürlichen” Wirken Gottes? Natürlich ist das Wirken Gottes, ganz gleich in welcher Form, niemals “natürlich” im engeren Sinne, denn Gottes Eingreifen und Wirken geht immer “über die Natur hinaus.”

Und doch besteht ein struktureller und wesentlicher Unterschied zwischen dem Wirken Gottes durch Wunder und außergewöhnliche Ereignisse und dem Wirken Gottes durch (von ihm bestimmte) Mittel, Zweitursachen und die unspektakulären Auswirkungen seiner Vorsehung. Für große Teile des Evangelikalismus scheint dieses alltägliche Wirken Gottes in der Vorsehung langweilig und zu unspektakulär sein. Und so ist die Lehre der Vorsehung das große theologische Stiefkind des Evangelikalismus.
Nicht dass alle Evangelikale die Vorsehung verneinen, wenn danach befragt. Ich denke, ein Großteil der Evangelikalen würde sogar den ersten Absatz des entsprechenden Artikels im Westminster Bekenntnis bekennen (zumindest mit den Lippen):

Gott, der große Schöpfer aller Dinge, erhält, lenkt, verfügt und regiert über alle Kreaturen, Handlungen und Dinge – von den größten bis hin zu den geringsten – durch seine vollkommen weise und heilige Vorsehung, nach dem unfehlbaren Vorauswissen und dem freien und unveränderlichen Ratschluss seines eigenen Willens zum Lob seiner herrlichen Weisheit, Macht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. (Westminster Bekenntnis, Art. 5.1)

Weniger Zustimmung würde ich mir allerdings zu den zwei nächsten Ansätzen desselben Artikels erwarten. Genau in diesen jedoch verbirgt sich meines Erachtens die Lösung für die oben genannte Verwirrung in Bezug auf die Aufgabe(n) der Kirche und die Mittel und Merkmale einer gesunden Kirche.

Obwohl in bezug auf das Vorauswissen und den Ratschluss Gottes – als der Erstursache – alle Dinge ohne geändert werden zu können, unfehlbar geschehen, so ordnet er sie doch durch seine Vorsehung so, dass sie sich nach der Natur der Zweitursachen entweder zwangsläufig, frei oder zufällig ereignen. (WB 5,2)

In der Vorsehung (Durchführung seines Ratschlusses) macht Gott normalerweise von bestimmten Mitteln Gebrauch, ist aber frei, nach seinem Gefallen, ohne, über und gegen solche zu wirken. (WB 5,3)

Letztere Aussage, dass Gott frei ist, nach seinem Gefallen auch ohne Mittel und über die normalen Mittel hinaus zu wirken – also im oben genannten Sinne “übernatürlich” – wird bei Evangelikalen viel Zustimmung finden. Doch das was Evangelikale für das “normale” Wirken Gottes halten, wird gerade hier als Ausnahme bezeichnet, während die Vorsehung Gottes, die sich bestimmter Mittel bedient, als der Normalfall beschrieben wird. Reformierte Theologie lehnt das spektakuläre, übernatürliche Eingreifen Gottes nicht kategorisch ab, sieht aber das Wirken Gottes “normalerweise” im Gebrauch bestimmter Mittel erschöpft.

Was bedeutet dies für eine reformierte Ekklesiologie?

Eine reformierte Sicht der Kirche und des Kirchenaufbaus begnügt und konzentriert sich ebenfalls auf die von Gott eingesetzten Mittel und erhofft aus dem Gebrauch dieser Mittel den von Gott verheißenen Erfolg. Während Gott auch auf “übernatürliche” Weise Gemeindewachstum schenken könnte, erwarten Reformierte im Allgemeinen, dass er es durch “normale” und relativ unspektakuläre Mittel tun wird – ja, Mittel, die sogar von höchster Stelle als “dumm” und “töricht” bezeichnet werden (vgl. 1Kor 1,23).

Im Kontext von Röm 10,14-17 und Eph 4,11-15 spricht Paulus jeweils von dem “normalen” aber notwendigen Mittel der Verkündigung dazu ordinierter Verkündiger. Durch dieses Mittel alleine sollen “normalerweise” die Erwählten wirksam zum Glauben gerufen werden. Langweiliger geht es für die Designer und Neuerfinder der Gemeinde Jesu wohl kaum noch! Wie unspektakulär! Der “Anreiz solcher Mittel auf das Fleisch ist zugegebenermaßen relativ gering, doch das dürfen wir mit gutem Gewissen als gutes Zeichen werten!

Eine gesunde biblische Unterscheidung zwischen dem absolut souveränen Wirken Gottes und dem nicht absoluten, nicht souveränen Wirken des Menschen kann hier viel Verwirrung auflösen. Mit den oben zitierten Worten des Bekenntnisses (WB 5,2) halten wir fest, dass Gott die “Erstursache” aller Dinge ist. Und doch ordnet er in seiner Souveränität alle Dinge “durch seine Vorsehung so, dass sie sich nach der Natur der Zweitursachen entweder zwangsläufig, frei oder zufällig ereignen.”

Damit gibt Gott dem menschlichen Tun und Wirken eine echte Bedeutung. Die Mittel zum Zweck, die Gott uns an die Hand gibt, sind wirkungsvoll, ja in den meisten Fällen sogar notwendig. Ohne Verkündigung des Evangeliums wird kein Mensch zum Glauben kommen; ohne Sendung aber wird keiner verkündigen (vgl. die Kausalkette von Röm. 10,14 und 15). Doch sie sind eingebettet und werden begründet vom absoluten Wirken Gottes. Gott ist uns bleibt der eigentlich und ultimativ Agierende – auch und gerade in den Sakramenten und der Predigt.

Dienste oder Dienst?

Diese Sicht begeistert mich, denn dadurch liegt in der Gemeindearbeit eine ungeheure Dynamik – größer als die vermeintliche Dynamik der ewigen Suche nach dem Spektakulären. Die Dynamik entsteht daraus, dass wir uns in der Gemeindearbeit auf die wenigen Dinge beschränken, die die Bibel explizit als Mittel und Merkmale einer Kirche vorstellt – die da wären: Predigt und Sakramente (Gemeindezucht und Gebet implizit dabei). Dies befreit vor dem Stress, den uns die Designergottesdienste der Gemeindewachstumsbewegung aufgebürdet haben. Doch nicht nur haben wir nicht so viel Stress, sondern viel wichtiger: diese Mittel sind die einzigen, von denen Gott verheißen hat, sie zu segnen – und zwar immer! Sowohl die Predigt als auch die Sakramente sind – als explizit eingesetzte Gnadenmittel – IMMER WIRKSAM! Die Predigt mag sowohl Geruch des Lebens als auch Geruch des Todes sein (2Kor 2,16), doch weil sie aus dem Munde des berufenen und ordinierten Predigers Wort Gottes selbst wird, wird sie niemals leer zu Gott zurück kommen, sondern stets den Willen Gottes vollbringen (Jes 55,11).

Dieses Vertrauen in die normalen, von Gott gegebenen Mittel der Gemeindearbeit drückt beispielsweise das Zweite Helvetische Bekenntnis so aus:

Denn wir erkennen, dass die Vollkommenheit der Sakramente von der Treue oder Wahrhaftigkeit und von der einen Güte Gottes abhängt. So wie Gottes Wort wahres Wort Gottes bleibt, kraft dessen nicht bloß leere Worte hergesagt werden, wenn man predigt, sondern zugleich die von Gott mit den Worten bezeichneten oder verkündigten Dinge angeboten werden (sofern aber Gottlose und Ungläubige die Worte hören und verstehen, genießen sie doch die bezeichneten Dinge nicht, weil sie sie nicht im Glauben annehmen), so bleiben die Sakramente, durch Wort, Zeichen und bezeichnete Dinge unwandelbar, wirkliche und vollkommene Sakramente, die nicht nur heilige Dinge bedeuten, sondern sie sind auch durch Gottes Angebot wirklich die bezeichneten Dinge selbst, auch wenn Ungläubige die angebotenen Dinge nicht empfangen (Zweites Helvetisches Bekenntnis, Kap. 19).

Vielleicht täten wir gut daran, nicht tausenderlei “Dienste” in der Gemeinde zu haben, in die wir unser Vertrauen auf Wachstum und Erfolg setzen, sondern nur einen “Dienst” zu kennen – den Dienst durch die von Gott eingesetzten Mittel. Vertrauen wir auf die Weisheit Gottes, die so viel größer ist als die der gewieftesten “Gemeindekybernetiker.”
Setzen wir all unser Vertrauen in die Mittel, die der Herr segnen wird, damit er auch am Ende gepriesen wird und nicht unsere Kreativität im Erfinden neuer “Dienste”.

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