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»Gib, was du befiehlst…« (Augustinus)

Im Heidelberger Katechismus, Frage 9, werden wir gefragt:

Frage: Tut denn Gott dem Menschen nicht Unrecht, wenn er in seinem Gesetz etwas fordert, was der Mensch nicht tun kann?

Die Frage, die dahinter steht, ist folgende:

Ist es nicht ein moralisches Dilemma, dass Gott uns einerseits in das Verhängnis der Erbsünde hineingibt, und zwar durch unsere Geburt (die wir ja nicht verschuldet haben!), so dass wir »völlig verderbte«, d.h. ganz von Sünde durchdrungene Sünder sind; dass er dann aber andererseits von uns fordert, dass wir nach wie vor das Gesetz Gottes, seinen unbeugsamen moralischen Standard einhalten?
Wirft dies nicht einen Schatten auf das Wesen Gottes? Ist dies nicht völlig ungerecht?

Zacharias Ursinus behandelt in seinen Vorlesungen zum Katechismus verschiedene Gegenargumente.

Er sagt, dies ist nur ungerecht, wenn der, der etwas fordert (Gott) nicht zuerst die Fähigkeit gegeben hat (was Gott allerdings hat, nämlich in der Erschaffung des Menschen!); wenn der Mensch nicht das Verhängnis selbst über sich gebracht und sich so selbst dieser Fähigkeit beraubt hat (was er jedoch hat, nämlich im Sündenfall!); und letztens, wenn die Erkenntnis, dass der Mensch der Forderung Gottes nicht nachkommen kann, nicht etwas Gutes beabsichtigt (nämlich die Sündenerkenntnis und die Umkehr des Menschen).

Weiter beantwortet Ursinus die Frage, ob es stimmt, dass der umsonst etwas fordert, der eine Unmöglichkeit einfordert. Ist es nicht umsonst oder widersprüchlich, wenn Gott etwas fordert, was wir (als Sünder) nicht einhalten können?
Antwort: nein, denn das Gebot Gottes hat noch eine andere Absicht – sowohl mit dem Sünder als auch mit dem Gerechten, also dem der gerettet werden soll.

Für den Gerechten:

  • damit er seine Schwachheit erkennt
  • damit er erkennt, wie er einst geschaffen war
  • damit er dazu bewegt wird, um ein erneuertes Wesen, ein neues Herz zu bitten
  • damit er begreift, was Christus für ihn getan hat
  • damit er einen neuen Maßstab hat für den Gehorsam Gott gegenüber

Für den Sünder:

  • damit seine Verdammnis deutlich werde
  • damit die äußerliche, formale »Gerechtigkeit« und Ordnung aufrecht erhalten bleibe
  • damit die, die Gott erwählt hat, zur Umkehr geleitet werden

Abschließend bringt Ursinus noch einen spannenden Gedanken hier ein:
Er sagt, es stimmt nicht unbedingt, dass »der umsonst fordert, der eine Unmöglichkeit einfordert.«

Die Frage ist, eine »Unmöglichkeit« für wen!? Unter Menschen mag die Gleichung stimmen, aber doch nicht, wenn Gott derjenige ist, der etwas fordert. Denn, so Ursinus, wenn Gott etwas fordert, kann er auch die Kraft zur Erfüllung geben, und damit das Unmögliche möglich machen.

Ist es nicht so mit den Erwählten? fragt Ursinus:

Wenn Gott aber den Erwählten Befehle gibt, gibt er ihnen auch die Macht, diesen zu gehorchen, ja er lässt den Gehorsam bereits durch das Evangelium in ihnen beginnen und führt ihn einst zur Vollendung.

Bestätigt findet Ursinus diese Ansicht bei keinem Geringeren als dem Kirchenvater Augustinus. Von ihm zitiert er das bekannte Wort aus seinen Bekenntnissen:

Alle meine Hoffnung ruht nur in deinem reichen Erbarmen, so gibt denn, was du befiehlst, und befiel, was du willst (Da quod iubes et iube quod vis). Du befiehlst uns Enthaltsamkeit – gib sie mir; denn ich kann nicht anders enthaltsam sein, es gebe mir sie denn Gott; und Weisheit ist, erkennen was solche Gnade ist. Durch Enthaltsamkeit werden wir gesammelt und wiedergebracht zu dem Einen, von dem wir uns in Vieles zerstreuten. Denn weniger liebt dich, der neben dir etwas liebt, das er nicht liebt deinetwegen. O Liebe, du immer brennende und immer erlöschende Liebe, die du mein Gott bist, entzünde mich! Enthaltsamkeit gebeutst du mir; gib, was du gebeutst, und gebeut, was du willst.

(Augustinus, Bekenntnisse, Buch 10,29)

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