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»Gott ist in der Mitte« – Calvin über die Gegenwart Gottes in der Gemeinde

Im Anschluss an die Predigt vom letzten Sonntag über Epheser 4,11-13 möchte ich hier noch ein Zitat nachliefern, in dem Calvin in wunderbarer Weise die Gegenwart Gottes in und durch das »Werk des Dienstes« in der Gemeinde (V.12), durch die »Hirten und Lehrer« (V.11) beschreibt.

Wir erinnern uns – wir reden hier von Johannes Calvin, der in vielen intensiven inhaltlichen Auseinandersetzungen mit der römischen Kirche seiner Zeit stand (z.B. mit Jacopo Sadoleto, aber auch in seiner Schrift über das Tridentinische Konzil). Ja, Calvin war der Theologe seiner Zeit, der Rom auf theologisch hohem Niveau engagierte und herausforderte.

Es ist also nicht zu erwarten, dass dieser Calvin uns zurück führt in einen verdächtigen Klerikalismus.

In Institutio IV,1,5 lesen wir, wie Calvin die Aussagen aus Epheser 4 versteht. Besonders fällt mir dort auf, wie er den Gedanken der Einheit der Gemeinde an die eine, heilsame Lehre knüpft. Wir sind heute meist weit davon entfernt, die Verkündigung in der Gemeinde als das Mittel zu verstehen, die der Heilige Geist gebraucht, um die Gemeinde zu »einigen«. Das setzt natürlich zwei Dinge voraus:

Erstens, eine Gemeinde, die hört; die erwartet, dass »wenn also heute dieses Wort Gottes durch rechtmäßig berufene Prediger in der Kirche verkündigt wird, … Gottes Wort selbst verkündigt und von den Gläubigen vernommen werde« 1

Und zweitens, Prediger, die selbst davon ausgehen, dass die Heilige Schrift eine einheitliche Lehre enthält, nur ein Evangelium, nicht hunderterlei atomisierte Lehrraussagen, die unverbunden (oder gar widersprüchlich) nebeneinander stehen.

Des weiteren verbindet Calvin, anhand der Aussagen des Paulus, diesen Aspekt der Einheit mit dem Aspekt des Wachstums und der Reifung der Gemeinde. Wie ich in meinem Artikel von der (Heils-)Notwendigkeit der Kirche versucht habe, zum Ausdruck zu bringen ist die Kirche, samt ihrer Ämter und Zeremonien (Gottesdienst, Gnadenmittel) das »Gewächshaus der Gläubigen«.

Hier die Passage bei Calvin:

Wir wollen aber in der Besprechung dessen fortfahren, was eigentlich zu diesem Lehrstück gehört. Paulus schreibt, daß Christus, „auf daß er alles erfülle“, „etliche zu Aposteln gesetzt“ hat, „etliche aber zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern, daß die Heiligen zugerichtet werden, bis daß wir alle hinankommen zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, der da sei im Maße des vollkommenen Alters Christi“ (Eph. 4,10-13).

Wir sehen da, wie Gott, der die Seinigen in einem einzigen Augenblick zur Vollendung kommen lassen könnte, dennoch den Willen hat, daß sie allein durch die Erziehung der Kirche zum Mannesalter heranwachsen. Wir sehen weiter, wie hier die Art und Weise solcher Erziehung zum Ausdruck kommt; denn den „Hirten“ wird die Predigt der himmlischen Lehre aufgetragen. Und wir sehen, wie alle ohne Ausnahme in die gleiche Ordnung hineinverpflichtet werden, daß sie sich gefügigen und gelehrigen Geistes der Leitung jener Lehrer unterstellen, die zu diesem Zweck eingesetzt sind. An diesem Merkzeichen hatte bereits lange zuvor Jesaja das Reich Christi kenntlich gemacht: „Mein Geist, der bei dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sollen von deinem Munde nicht weichen noch von dem Munde deines Samens und Kindeskindes …“ (Jes. 59,21).

Daraus folgt, daß alle, die diese geistliche Seelenspeise verschmähen, die ihnen von Gott durch die Hand der Kirche dargereicht wird, wert sind, daß sie an Hunger und Mangel zugrundegehen. Gewiß, Gott gibt uns den Glauben ins Herz – aber durch das Werkzeug seines Evangeliums, wie uns ja auch Paulus daran mahnt, daß der Glaube „aus dem Hören kommt“ (Röm. 10,17). Ebenso steht auch die Macht, selig zu machen, bei Gott, aber nach dem Zeugnis des nämlichen Paulus holt er sie in der Predigt des Evangeliums hervor und entfaltet sie in ihr.

Aus dieser Absicht heraus hat er auch vorzeiten angeordnet, daß man beim Heiligtum heilige Versammlungen halten sollte, damit die Lehre, die durch den Mund des Priesters verkündigt wurde, die Einhelligkeit des Glaubens erhielte. Und wenn der Tempel als Gottes „Ruhe“ (Ps. 132,14), das Heiligtum als seine Wohnstatt bezeichnet wird (Jes. 57,15), wenn es von Gott heißt, daß er „sitzet über den Cherubim“ (Ps. 80,2), so haben alle diese prächtigen Lobeserhebungen keinen anderen Zweck, als dem Dienstamt der himmlischen Lehre Wert, Liebe, Achtung und Würde zu verschaffen; denn darin könnte sonst der Anblick eines sterblichen, verachteten Menschen nicht wenig Eintrag tun! Damit wir also erkennen, daß uns aus solch „irdenen Gefäßen“ (2. Kor. 4,7)ein unberechenbarer Schatz zugetragen wird, tritt Gott selber hervor, und da er ja der Stifter dieser Ordnung ist, will er auch in seiner Einrichtung als gegenwärtig erkannt werden.

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Fußnoten:

  1. Zweites Helvetische Bekenntnis, Art. 1.
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