Blog

Gott lässt sich nichts schenken…

Gott ist vollkommen. Er hat alles, was er braucht. Bei ihm ist alles in Fülle. Gott ist eine unerschöpfliche Quelle. Wenn Gott aber eine unerschöpfliche Quelle ist, dann kann ihm nichts hinzugetan werden. Was vollkommen und unerschöpflich ist, kann nicht vergrößert oder besser gemacht oder sonst verändert werden. Und so hatte nichts, was Gott jemals getan hat, eine Auswirkung auf sein vollkommenes Wesen. Gott war sich schon immer selbst genug. Er war allein und doch nicht einsam. Und wenn er auch noch kein Leben geschaffen hatte, wenn sein mächtiges Wort noch nicht erschallt war um etwas ins Leben zu rufen, so hatte Gott doch schon immer alles Leben in sich selbst. „Der Vater hat das Leben in sich selber“ (Joh 5,26). Da Gott niemals wurde, ins Leben trat, zu existieren begann, hatte er auch nie etwas in einem Maße, das weniger als vollkommen ist. Und da Gott sich selbst genügt und darüber hinaus alles in Fülle 1 hat, ist es geradezu lächerlich anzunehmen, wir könnten Gott etwas geben, das er nicht schon längst in sich selbst hat.

A.W. Tozer, der in Deutschland vor allem durch sein Buch „Das Wesen Gottes“ bekannt wurde, schreibt dazu:

„Am Anfang…Gott“ (Gen 1,1). Es gab eine Zeit, wenn man es Zeit nennen kann, als Gott in der Einheit seines Wesens (obwohl er gleichermaßen in drei Personen existierte) völlig allein war. „Am Anfang…Gott“. Es gab keinen Himmel, wo heute seine Herrlichkeit ganz besonders sichtbar ist. Es gab keine Erde, derer er sich annehmen musste. Es gab keine Engel, die ihm Lobgesänge brachten. Kein Universum, das er mit der Kraft seines Wortes aufrechterhalten musste. Es gab nichts, niemanden, außer Gott. Und das nicht für einen Tag, ein Jahr oder ein Zeitalter, sondern „von Ewigkeit an“. Eine ganze zurückliegende Ewigkeit hindurch war Gott allein: selbsterhaltend, selbstgenügsam, selbstzufrieden; ohne Bedürfnisse. Wäre ein Universum, Engel oder Menschen für ihn notwendig gewesen, dann wären sie auch schon in aller Ewigkeit ins Leben gerufen worden. Als sie zu ihrer Zeit erschaffen wurden, wurde Gottes Wesen damit nicht verändert. Es wurde ihm nichts hinzugefügt. Er ändert sich nicht (Mal 3,6), so kann auch seine wesenhafte Herrlichkeit weder vergrößert noch verkleinert werden. 2

Ist es nicht so, dass die Lehre von der »Selbstgenügsamkeit Gottes« einer Lehre gewichen ist, in der der Mensch Gott etwas gibt, was Gott nicht hat? Gott hat demnach den Menschen erschaffen, damit er durch ihn etwas bekommt, was er sich selbst nicht geben kann. Das ist heute der Unterton einer sehr populären Theologie, die ständig das Ego des natürlichen Menschen massiert, und sich dabei für »evangelisch« ausgibt.

Man hört heute immer wieder von den Kanzeln den geradezu blasphemischen Satz: „Das einzige, was Gott sich nicht selbst geben kann ist Anbetung!“ Und der Mensch soll nun diesen Mangel bei Gott beheben und Gott mit dieser Handlung beschenken. Eine Art Symbiose also zwischen Gott und Mensch; eine Synergie oder ein Deal, bei dem Gott und der Mensch beide etwas gewinnen sollen.

Welch überhebliche Sicht vom Menschen und welch kümmerliche Sicht von Gott steckt dahinter! Nach dieser Vorstellung wird die Bedeutsamkeit des Menschen überschätzt und die Genügsamkeit Gottes unterschätzt. Die Bibel kennt eine Abhängigkeit des Menschen von Gott. Ohne Gott können wir gar nichts tun (Joh 15,5)! Aber die Bibel kennt keine Abhängigkeit Gottes vom Menschen. „Ich bin dir zu nichts verpflichtet!“ (Jes 43,25). Nein, ist der Mensch doch das Geschöpf Gottes, das Werk seiner Hände, der Ton, den der Töpfer geformt hat, ohne Vorgabe und Notwendigkeit.

Wie kann der Mensch Gott etwas geben? Wie kann das Unvollkommene sich einbilden, dem Vollkommenen eine Ergänzung zu sein? Es muss wohl als Zeichen dieser Zeit angesehen werden, dass in den christlichen Gemeinden heute keiner mehr protestiert, wenn unser Gott so porträtiert wird, als bedürfe er des Menschen, ja als sei er sogar abhängig von ihm, von seinen freien Entscheidungen, von seiner Gegenliebe, von seiner Bereitschaft ihm zu dienen etc.

Ich zitiere nochmals A.W. Tozer:

Der allmächtige Gott braucht – gerade weil er allmächtig ist – keine Unterstützung. Das Bild eines nervösen Gottes, der sich bei den Menschen einschmeichelt, um ihre Gunst zu gewinnen, ist gewiss nicht erfreulich. Aber genau dies sind die allgemeinen Vorstellungen, die man von Gott hat. Die Christenheit des 20. Jhdts. hat ihn zu einem Gott ihrer Gnaden gemacht. Unsere Meinung von uns selbst ist so hoch, dass wir es als leicht, ja sogar als angenehm empfinden, zu glauben, dass Gott unser bedarf. Aber die Wahrheit ist, dass Gott durch unsere Existenz nicht größer wird, genauso wenig wie es ihm Abbruch tun würde, gäbe es uns nicht. Unsere Existenz ist ausschließlich auf Gottes freien Entschluss und Vorsatz zurückzuführen, nicht auf unseren Wert oder auf eine Notwendigkeit. 3

Ähnliche Beiträge:

Fußnoten:

  1. vgl. dazu Ps 16,11; 65,10; 78,25; Jes 53,11; Jer 31,14; Joh 1,16; Eph 1,23 etc.
  2. A.W. Pink, The Attributes of God, Baker, 2006, S.10.
  3. A.W. Tozer, Das Wesen Gottes, S.45
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Reformierte Theologie. Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.