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Indikativ und Imperativ – was kommt zuerst? – Hermann Ridderbos über das Evangelium

Herman Nicolaas Ridderbos (1909-2007) war ein bedeutender niederländischer Theologe der so genannten heilsgeschichtlichen Schule. Er war über vierzig Jahre lang Professor für Neues Testament an der Theologischen Universiteit Kampen.

In seinem Buch, Paulus – Ein Entwurf seiner Theologie beschreibt Ridderbos den organischen Zusammenhang von Indikativ (Ist-Zustand, also das, was wir durch das Evangelium sind) und Imperativ (Soll-Zustand oder Befehlsform, also das, was wir durch das Evangelium tun und werden sollen). Diese Unterscheidung ist wesentlich, um das Verhältnis zwischen Rechtfertigung und Heiligung, zwischen Glauben und Werken für das christliche Leben richtig greifen zu können.

Hier ein Auszug aus dem Kapitel »Der neue Gehorsam«:

Das neue Leben ist ein Werk Gottes. Es hat seinen Ursprung im Tod und in der Auferstehung Christi, kommt durch den Heiligen Geist zustande und ist auch in seiner Verwirklichung im einzelnen Menschen neue Schöpfung, Wiedergeburt, dh also Frucht göttlicher Taten. Dieses neue Leben läßt sich nicht aus dem Menschen selbst heraus erklären, etwa als eine ethische Veränderung, die die schlummernden Kräfte zum Guten aufweckt und deshalb gleichnishaft als eine Wiedergeburt bezeichnet und mit dem Sterben und Auferstehen Christi in Zusammenhang gebracht werden kann. Es ist andererseits aber auch nicht als ein transzendenter Lebensstrom zu verstehen, der sich von außen her in den Menschen ergießt und sich eo ipso durchsetzt, wobei dann für die menschliche Verantwortlichkeit und Entscheidung kein Platz mehr bliebe. Paulus beschreibt das neue Leben in den verschiedensten Wendungen: als neue Menschlichkeit, Erleuchtung des Verstandes (nous), Erneuerung des Herzens und Bereitstellung des Leibes und der Glieder für den Willen Gottes. Bisher haben wir schon untersucht, welche Bedeutung dem Glauben hier zukommt als dem Weg, auf dem sich die neue Schöpfung Gottes in der Wirklichkeit dieses irdischen Lebens auswirkt und mitteilt und sich als neuer Gehorsam charakterisieren läßt. Unter dem gleichen Gesichtspunkt wollen wir jetzt auch den sittlichen Inhalt der paulinischen Verkündigung betrachten.
Wir stehen hier vor der Erscheinung, die in der neueren Literatur allgemein als das Verhältnis von Indikativ und Imperativ bezeichnet wird. Damit ist gemeint, daß das neue Leben, auch in seiner sittlichen Offenbarung, einmal als Frucht des Heilswerkes Gottes in Christus durch den Heiligen Geist proklamiert und dargestellt wird: der Indikativ, dann aber nicht weniger kräftig als kategorische Forderung: der Imperativ. Sowohl das eine als auch das andere geschieht mit einer solchen Kraft und Konsequenz, daß man von einer “dialektischen Paradoxie” und “Antinomie” gesprochen hat.
Dieses Miteinander von Indikativ und Imperativ ist in den paulinischen Briefen (wie auch im übrigen NT) so stark verbreitet, daß wir uns mit einigen charakteristischen Beispielen begnügen können. So ist Röm 6,2.12 der Heilsindikativ des Sterbens und Auferstehens mit Christus nicht von dem Imperativ des Streits gegen die Sünde zu trennen. Nicht weniger deutlich ist Kol 3,3ff: Das Gestorbensein mit Christus macht das Ertöten der Glieder, die auf Erden sind, nicht überflüssig, sondern nötigt gerade dazu. Ebenso ist bei den Aussagen über das Leben im und durch den Geist der Imperativ im Indikativ begründet, wie andererseits die Befolgung des Imperativs die Voraussetzung ist für das, was der Indikativ kategorisch aussagt (vgl. Röm 8,2.9 mit 8,12f). In Gal 4 und 5 folgt der Beschreibung der Gaben des Geistes die Aufforderung, nun auch nach dem Geist zu wandeln (Gal 5,16.25), und die Beschwörung, nicht abzuirren; denn Gott läßt seiner nicht spotten, und was der Mensch sät, das wird er ernten, es sei Verderben aus dem Fleisch, es sei das ewige Leben aus dem Geist (Gal 6,7f). Audi das neue Leben als Schöpfung Gottes erscheint in dieser Spannung. Einmal heißt es vom neuen Menschen, daß er in Christus geschaffen ist (Eph 2,15), in ihm besteht (Gal 3,28) oder daß die, die in Christus sind, den alten Menschen abgetan und den neuen angetan “haben” (Eph 4,21ff; Kol 3,9ff), dann ist es wieder ein Auftrag, den die Gemeinde täglich neu zu erfüllen hat: “Zieht den Herrn Jesus Christus an!”
Die innere Zuordnung dieser doppelten Redeweise läßt klar erkennen, daß der Imperativ auf dem Indikativ beruht und daß these Reihenfolge nicht umkehrbar ist. Jedesmal folgt der Imperativ konkludierend (mit “so”, “darum”, “deshalb”) auf den Indikativ (Röm 6,12ff u. 6.). Regelmäßig wird auch das Ziel der positiven Heilsaussagen genannt: der Ruf zum neuen Leben (”damit”, “um… zu” usw.; vgl. Röm 7,4 u. 6.). Am deutlichsten ist wohl Phil 3,12f: Mühet euch um euer Heil mit Furcht und Zittern! Denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als das Vollbringen wirkt um seines Wohlgefallens willen.
Das “denn” in der zweiten Satzhälfte begründet den Aufruf in der ersten. Der gleiche Zusammenhang liegt Röm 6,14 vor: “Die Sünde wird keine Herrschaft über euch haben; ihr steht ja nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.” Weil Gott wirkt und gewirkt hat, deshalb mug und deshalb kann der Mensch auch wirken. Was der neue Mensch an neuem Leben offenbart, was er wirkt, an Frucht des Geistes und guten Werken zeigt, das wirkt er aus und durch die Kraft Gottes, aus dem Vermögen des Geistes und kraft seiner Zugehörigkeit zu Christus. Indikativ und Imperativ sind nicht im Sinne einer Erbteilung zwischen göttlichem und menschlichem Anteil im neuen Leben zu unterscheiden; dann stünde nebeneinander, was im Evangelium und in der Wirklichkeit ineinander liegt, und es gäbe eine neue Werkheiligkeit. Der Imperativ ist in der Wirklichkeit begründet, die mit dem Indikativ gegeben ist, beruft sich auf sie und will sie zu voller Entfaltung bringen.

aus: Herman Ridderbos, Paulus – Ein Entwurf seiner Theologie (Brockhaus, 1970), S. 176-178

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