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Johannes Calvin über die wahre »Weihnachtsgeschichte«

Die »brüderliche Verbindung« Christi mit den Menschen

Christus hat, als er unser Fleisch anzog, wirklich und wahrhaftig auch alle Teile der brüderlichen Verbindung mit den Menschen an sich genommen…

Luk. 2,40. „Aber das Kind wuchs.“ Matthäus geht unmittelbar von der Kindheit Christi zu seiner Offenbarwerdung über. Lukas berichtet hier nur einen erwäh­nenswerten Zug, nämlich daß Christus mitten in seiner Kindheit einen Beweis seines zukünftigen Amtes gegeben oder wenigstens an Hand eines ersten Anfanges gezeigt habe, was für einer er einmal sein würde. Zunächst heißt es, er sei „gewachsen“ und „stark im Geist“ geworden. Mit diesen Worten deutet er an, mit zunehmendem Alter seien auch die Gaben des Geistes gewachsen. Wir ersehen daraus, daß diese Fortschritte und solches Wachstum auf seine menschliche Natur bezogen werden. Denn an seiner Gottheit konnte er nicht mehr zunehmen. Doch fragt man, ob er sich nicht in dem Augenblick, in dem er im Mutterleib empfangen wurde, auch bereits durch die ganze Fülle der geistlichen Gaben ausgezeichnet habe. Denn es scheint widersinnig, daß dem Sohn Gottes etwas an seiner Vollkommen­heit gefehlt haben soll. Doch ist die Antwort leicht: Wenn es seiner Herrlichkeit keinen Abbruch tat, daß er sich völlig entäußerte, dann ist auch das nicht be­fremdend, daß er, wie er körperlich heranwuchs, um unsertwillen auch nach dem Geist Fortschritte machen wollte. Und wenn der Apostel lehrt (Hebr. 4, 15), er sei uns in allem gleich geworden, ausgenommen die Sünde, so meint er zweifellos damit doch auch, daß sich sein Geist der Unwissenheit unterwarf. Das ist der einzige Unterschied zwischen uns und ihm, daß er die Schwachheiten, die uns auf Grund von Notwendigkeit im Bann halten, aus freien Stücken und in eigenem Willen auf sich genommen hat. Darum nahm Christus mit dem Alter nach seiner menschlichen Natur auch an den gnadenvollen Gaben des Geistes zu, damit die Gnade aus seiner Fülle auf uns überfließe; denn wir schöpfen Gnade aus seiner Gnade. Einige, allzu Ängstliche, beschränken auf das Äußere, was hier gesagt wird, und deuten es so, daß Christus nur scheinbar Fortschritte gemacht hätte, wenn ihm in Wirklichkeit auch keine neue Erkenntnis zugekommen wäre. Doch die Worte klingen anders, und noch deutlicher wird dieser Irrtum widerlegt, wenn Lukas ein wenig später hinzufügt (V. 52), „Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“. Denn man darf sich nicht vorstel­len, daß das Wissen bei Christus nur verborgen gewesen und im Lauf der Zeit bei ihm langsam in Erscheinung getreten wäre. Zweifellos war es Gottes Absicht, deutlich auszudrücken, daß Christus, als er unser Fleisch anzog, wirklich und wahrhaftig auch alle Teile der brüderlichen Verbindung mit den Menschen an sich genommen hat. Auf diese Weise machen wir ihn nicht zu einer Doppelgestalt. Denn wenn seine Gottheit und seine Menschheit auch eine Einheit bilden, dann folgt daraus doch nicht, daß der menschlichen Natur gegeben worden wäre, was der Gottheit eigentümlich war, sondern der Sohn Gottes hielt seine göttliche Macht gleichsam verborgen, soweit es unserem Heil nützlich war. Wenn Irenäus sagt, seine Gottheit habe geruht, während er gelitten habe, dann verstehe ich darunter nicht nur das leibliche Sterben, sondern auch jenen unglaublichen Schmerz und jene Seelenqual, die in seiner Klage zum Ausdruck kommt: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? (vgl. Matth. 27, 46). Kurz, wenn man nicht bestreiten will, Christus sei wahrer Mensch geworden, dann darf man sich auch nicht scheuen zuzugeben, er habe aus freien Stücken das auf sich genommen, was ihn von der menschlichen Natur nicht mehr zu scheiden vermochte. Törichter­weise wird eingeworfen, Unwissenheit passe nicht zu Christus, da sie die Strafe für die Sünde sei. Dasselbe könnte man dann nämlich auch vom Tod sagen. Da­mit er das Amt des Mittlers um so besser ausüben könnte, berichtet die Schrift: alles, was wir an Strafen verdient hatten, hat er von uns auf sich übernommen.

Außerdem ist es überaus grob und unklug, in der Unwissenheit die Strafe für die Sünde zu sehen. Denn man darf nicht annehmen, daß Adam, als er noch rein war, alles gewußt hätte. Auch erleiden die Engel, die doch einiges nicht wissen, keine Strafe für begangene Sünde. Scharfsinniger schließen einige, Christus könne keine Unwissenheit angehaftet haben, da Unwissenheit ein Fehler sei. Aber auch diese greifen einen falschen, leeren Grundsatz verkehrt auf. Sonst müßten die Engel notwendig Gott gleich sein, weil sie ohne Fehler sind. Zwar ist die Blindheit des menschlichen Geistes ein Fehler, und mit Recht sieht man in ihr einen Teil der Erbsünde. Aber hier wird Christus Unwissenheit nicht anders zugeschrieben, als sie bei einem Menschen auftreten kann, der von jeglicher Befleckung durch die Sünde rein ist. Wenn Lukas sagt, das Kind sei „stark im Geist“ geworden, „voller Weisheit“, so gibt er damit zu verstehen, daß alles, was es an Weisheit bei den Menschen gibt und ihnen täglich zuwächst, aus jenem einzigen Quell fließt, näm­lich aus dem Geist Gottes. Allgemeiner ist das Wort, das folgt: „und Gottes Gnade war bei ihm“. Denn es erfaßt alles, was an Erhabenheit an ihm zum Strahlen kam.

Luk. 2,41. „Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem.“ Hier wird die Frömmigkeit der Maria und des Joseph gelobt, daß sie sich eifrig in der äußeren Verehrung Gottes übten. Denn sie unternahmen diese jährliche Reise nicht von ungefähr, sondern auf Grund des Befehls Gottes. Denn wenn das Gesetz nur den Männern vorschrieb, sich vor Gottes Angesicht zu stellen, schloß es im Grunde die Frauen nicht aus, sondern es wollte sie nur nachsichtig schonen. An diesem Kenn­zeichen unterscheidet man den reinen Gottesdienst vom eitlen, verkehrten Aber­glauben, daß jener sich im Gehorsam Gottes und an die Vorschrift des Gesetzes hält, dieser aber sich nach dem Belieben eines jeden außerhalb des Wortes Gottes ohne gewisse Regel herumtreibt. Wenn auch der Tempeldienst stark verdorben, das Priestertum käuflich und die Lehre mit viel Irrtum vermischt war, so kam es den Gläubigen doch zu, mit solchen Übungen ihren Glauben zu beweisen, solange die gesetzmäßigen Zeremonien noch lebten und der äußere Ritus des Opfers, wie er im Gesetz überliefert ist, eingehalten wurde. Im übrigen wird Joseph zwar nach allgemein menschlichem Empfinden, aber doch in uneigentlicher Weise Vater genannt.

Luk. 2,44. „Er wäre unter den Gefährten.“ Aus mehreren Stellen der Heiligen Schrift geht hervor, daß sie gewöhnlich die Reise in Trupps machten, wenn sie an den Festtagen zum Tempel zogen, um anzubeten. Darum ist es kein Wunder, wenn Joseph und Maria sich am ersten Tag noch nicht um das Kind gesorgt ha­ben. Später zeigen sie jedoch, daß sie nicht aus Trägheit oder Nachlässigkeit so lange gewartet haben.

Luk. 2,46. „Sitzen mitten unter den Lehrern.“ Es müssen sich an dem Kind die Strahlen des göttlichen Glanzes offen gezeigt haben, daß er von den stolzen Män­nern zu einer Sitzung zugelassen wurde. Obwohl es wahrscheinlich ist, daß er eher auf einer Zuhörerbank als im Kreis der Lehrer gesessen hat, hätten ihn die hochmütigen Menschen bei einer öffentlichen Versammlung niemals der Aufmerksamkeit gewürdigt, wenn nicht irgendeine göttliche Kraft sie dazu gezwungen hätte. Es war darum gleichsam ein Vorspiel für seine Berufung, für die die Zeit noch nicht reif war. Darum wollte er nur einen Vorgeschmack geben, der dem Gedächtnis der Menschen sofort wieder entschwunden wäre, wenn Maria ihn nicht in ihrem Herzen für uns aufbewahrt hätte, um ihn dann zusammen mit anderen Schätzen zum allgemeinen Nutzen der Frommen wieder an den Tag zu bringen. Zwei Dinge sind zu beachten: alle haben sich gewundert, weil sie es für etwas Ungeheuerliches hielten, daß ein Knabe ihre Fragen so geschickt und fein­sinnig aufnahm. Zweitens haben sie, als sie Christus zuhörten, selbst mehr die Schüler gespielt als die Lehrer. Denn da er vom Vater noch nicht berufen war, sich als öffentlicher Lehrer der Gemeinde zu bekennen, stellte er nur bescheiden Fragen an die Lehrer. Doch ist es in keiner Weise zweifelhaft, daß er bei diesem ersten Anfang schon begann, ihre falsche Art des Lehrens zu tadeln. Denn was Lukas später über seine „Antworten“ (V. 47) anfügt, fasse ich nach hebräischer Sprechweise als irgendeine Rede auf.

Luk. 2,48. „Und seine Mutter sprach zu ihm.“ Nach meiner Ansicht täuschen sich die, die meinen, die heilige Jungfrau habe so gesprochen, um vor der ganzen Ver­sammlung ihre Macht an den Tag zu legen. Es kann durchaus sein, daß sie ihrem Sohn erst Vorwürfe zu machen begann, als sie mit ihm allein war und keine Zeugen mehr in Hörweite standen. Wie immer es sich verhalten haben mag, es trieb sie nicht Ehrsucht, sondern diese Klage kam aus der Angst, die sie drei Tage lang um ihn gehabt hatte. Wenn sie sich aber beschwert und ihn unge­rechtermaßen verletzt, so wird daran deutlich, wie wir von Natur dazu geneigt sind, für unser Recht einzutreten, auch wenn Gott dabei an die zweite Stelle rückt. Zwar wäre die heilige Jungfrau lieber hundertmal gestorben als sich in bewußter Absicht Gott voranzustellen, doch entrutscht ihr dieses Wort aus Unbedacht, weil sie ihrem mütterlichen Schmerz nachgibt. An diesem Beispiel werden wir daran erinnert, wie verdächtig uns alle Gefühle des Fleisches sein müssen und wie sehr man sich davor hüten muß, daß man sich nicht über Gebühr an sein Recht klammert und Gott seine Ehre vorenthält, während man sich selbst zugeschworen ist.

Luk. 2,49. „Wisset ihr nicht.“ Mit Recht tadelt Christus seine Mutter, obgleich es es noch schonend und versteckt tut. Das Ganze will sagen: Die Pflicht, die er Gott als seinem Vater schuldet, ist weit über allen Gehorsam zu stellen, der Menschen zu leisten ist. Darum handeln irdische Eltern falsch, wenn es sie schmerzt, daß sie um Gottes willen vernachlässigt werden. Hieraus ist eine allgemeine Regel abzu­leiten: Was immer wir Menschen schulden, tritt hinter der ersten Tafel des Ge­setzes zurück, damit die Macht Gottes unangetastet bleibe. Königen, Eltern und Herren muß so gehorcht werden, daß sich alles unter Gottes Herrschaft abspielt, damit Gott nichts abgehe um der Menschen willen. Auch wird die menschliche Pflicht nicht verletzt, wenn auf Gott Rücksicht genommen wird.

„Indem, das meines Vaters ist.“ Mit diesem Wort deutet er an, daß er mehr habe als ein Mensch. Er bezeichnet auch das besondere Ziel, mit dem er in die Welt ge­sandt wurde, nämlich um die Aufgabe zu erfüllen, die ihm der himmlische Vater aufgetragen hat. Aber es ist merkwürdig, daß Joseph und Maria diese Antwort nicht verstanden, wo ihnen doch an Hand vieler Zeugnisse gezeigt worden war, daß Jesus der Sohn Gottes sei. Ich antworte: Obwohl ihnen der himmlische Ursprung Christi nicht mehr völlig unbekannt war, hatten sie doch noch nicht ganz verstanden, daß er den Auftrag des Vaters ausführen wollte, denn seine Berufung war ihnen noch nicht genau kundgeworden. Aber daraus, daß Maria in ihrem Herzen bewahrt, was die Einsicht ihres Geistes noch nicht fassen kann, wollen wir lernen, ehrerbietig aufzunehmen und tief in unseren Herzen zu ver­schließen (wie die Erde den Samen aufnimmt und bewahrt), was an Geheimnis­sen Gottes unser Fassungsvermögen übersteigt.

Luk. 2,51. „Und war ihnen Untertan.“ Christus hat zu unserm Heil solche De­mut angenommen, daß er, der doch der Herr und das Haupt der Engel ist, sich freiwillig sterblichen Geschöpfen unterordnet. Denn Gottes Absicht plante es so, daß er eine Zeitlang, wie im Schatten, unter dem Namen des Joseph verborgen lebte. Wenn auch keine Notwendigkeit Christus zu dieser Unterwerfung zwang, deren er sich nicht hätte entledigen können, so hatte er doch die menschliche Natur unter der Bedingung angenommen, daß er Eltern untertan wäre; mit der Person des Menschen hatte er zugleich auch die des Knechtes angezogen, soweit dieser Zustand seinem Amt als Erlöser zuträglich war. Uns ziemt es darum, uns um so lieber dem Joch zu unterwerfen, das der Herr einem jeden auflegt.

(aus: J. Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift. Die Evangelien-Harmonie, 1. Teil, 107ff.)

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