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Kirchliche Bekenntnisse – notwendigerweise »menschlich«?

Manche Christen sträuben sich gegen normative, d.h. verbindliche kirchliche Bekenntnisse, weil sie meinen, dies würde dem »sola scriptura«-Prinzip widersprechen. Die Heilige Schrift allein enthält die göttliche Wahrheit. Kirchliche Bekenntnisse aber sind durch und durch menschliche Produkte. Deshalb ist es nicht zulässig, Kirchenglieder auf ein solches kirchliches Bekenntnis zu verpflichten und damit ihr Gewissen zu binden. – So die Argumentation.

Ich will einmal von dem eklatanten Denkfehler absehen, dass es überhaupt eine Kirche geben könnte, die kein kirchliches Bekenntnis in irgendeiner (mehr oder weniger expliziten) Form hat, auf das sie ihre Mitglieder (mehr oder weniger konsequent) verpflichtet. Hier möchte ich nur kurz der Frage nachgehen, ob ein in menschliche Worte verpacktes Bekenntnis – also eines, das nicht lediglich aus wörtlichen Bibelzitaten besteht – deshalb nicht mehr die biblische und göttliche Wahrheit treu (und damit autoritativ!) abbilden kann.

John Anderson, ein presbyterianischer Pastor der Church of Scotland, hat im 19. Jahrhundert ein faszinierendes Büchlein geschrieben – ein Dialog zwischen einem imaginären ›Rufus‹ und einem ebenso imaginären ›Alexander‹. Rufus verteidigt die klassisch-konfessionelle Position des konsequenten Presbyterianismus, während Alexander eher »ökumenisch« eingestellt ist. Alexander vertritt zum Beispiel die heute weit verbreitete Sicht, dass alle »Jesus-gläubigen Christen« in jeder erdenklichen evangelischen Gemeinde am Herrnmahl teilnehmen dürfen müssen. Rufus vertritt die Sicht, dass das Bekenntnis der jeweiligen Kirche auch gleichzeitig die Zulassungsvoraussetzung zum Tisch des Herrn bilden muss.

Hier ein kleiner Auszug zu der relativen, d.h. abgeleiteten Autorität eines kirchlichen Bekenntnisses:

Es ist sinnlos, darauf zu bestehen, das Bekenntnis einer bestimmten Kirche sei ein menschliches Produkt: denn, richtig verstanden, mag dies nichts als die unzweifelbare Wahrheit des göttlichen Wortes enthalten.
Es ist entweder möglich für Menschen, diese göttliche Wahrheit mit ihren eigenen Worten auszudrücken,  oder es ist nicht möglich. Sollte es nicht möglich sein, kann das Wort Gottes überhaupt nicht verstanden werden, und alle Versuche, es nachzusagen, zu erklären, zu erläutern oder anzuwenden, wie zum Beispiel in der öffentlichen Verkündigung oder in Veröffentlichungen, sind vergeblich. Dies ist ein absurder Gedanke. Sollte es aber möglich sein, dass Menschen die Wahrheit der Heiligen Schrift in eigenen Worten auszudrücken, dann ist es auch möglich, dass die Lehren und Formulierungen eines Bekenntnisses nichts weniger sind, als die Wahrheit des göttlichen Wortes selbst.
Wenn sie aber nichts anderes als das sind, dann kann eine Kirche auch von ihren Mitgliedern und denen, die sich ihrer Gemeinschaft (communion) anschließen wollen, verlangen, dass sie öffentlich diesem Bekenntnis in Gänze zustimmen; ja, diese Zustimmung kann nicht verweigert werden ohne eine gewisse Form der Unfrömmigkeit.
Keine Kirche hat das Recht, ihre Mitglieder auf menschliche Lehren und Gebote zu verpflichten. Aber ihr göttliches Haupt autorisiert sie, von ihren Mitgliedern eine Zustimmung und Unterordnung unter Seine ganze Wahrheit und Festsetzung zu fordern. Damit sagt Er: ›Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer euch verwirft, der verwirft mich.‹ 1

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