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Maria, die Gottesgebärerin?

Evangelische Christen haben es schwer mit Maria. Manche mehr, manche weniger.

Weit verbreitet ist das Denken, dass man als „Nichtkatholik“ Maria, die Mutter Jesu, als einen Menschen wie jeden anderen ansehen muss; als eine „ganz normale“ Frau, die eben einen Menschen – den Menschen Jesus – auf die Welt gebracht hat, und damit basta. Aus der – völlig berechtigten – Ablehnung des Marienkultes und der Marienverehrung in jeder Form haben sich im Protestantismus teilweise jedoch recht problematische Aussagen und Ansichten über Maria ergeben.

Dies gilt vor allem für Aussagen über die Geburt Jesu und die Rolle Marias. Kurz, für die Frage: war Maria die „Mutter Gottes“ oder nicht? Wie haben wir es zu verstehen, dass Elisabeth, im Heiligen Geist ausruft: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und woher wird mir das zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,42-43)?

Das Problem dabei ist, zumindest nach protestantischer Sicht, nicht so sehr, dass man möglicherweise Maria Unrecht tun könnte, sondern es ist ein viel gravierenderes Problem: man wird oft der Person Jesus Christus nicht gerecht.

Was meine ich damit? Ich möchte das erläutern an der schon genannten Frage: Ist es biblisch-theologisch gerechtfertigt und angemessen, von Maria als der „Mutter Gottes“ zu reden?

Diese Frage haben wir natürlich nicht erfunden. Auch nicht Martin Luther oder die Reformation. Die Frage wurde gestellt, seitdem die Kirche Theologie betrieben und den Glauben bekannt und formuliert hat.

Einige der Kirchenväter der ersten vier Jahrhunderte nach Christus prägten einen Begriff, der als eine Art Ehrennamen für Maria gebraucht wurde – den Namen der„Gottesgebärerin“ (theotokos). 1

Im 5. Jahrhundert hatte sich der Begriff so weit eingebürgert, dass er zu einer Art „Schibbolet“ wurde (vgl. Ri 12), d.h. wer ihn annahm, galt als biblisch und orthodox, wer nicht, als theologisch suspekt oder ketzerisch. So kam es zu einem Streit zwischen den beiden kirchlichen Oberhäuptern Kyrill von Alexandrien und Nestorius von Konstantinopel.

Nestorius war der Meinung, es sei nicht angemessen, Maria den Titel der „Gottesgebärerin“ (theotokos) beizulegen, da sie lediglich „Christus“ zu Welt gebracht habe, nicht Gott. Eine rein menschliche Frau wie Maria könne nicht die Mutter Gottes sein, sondern lediglich die Mutter des Menschen Jesus Christus. Der Mensch Jesus Christus und der ewige Gottessohn Jesus Christus seien aber nicht zwei Naturen in einer Person, sondern vielmehr zwei Personen in Christus, die durch Liebe miteinander verbunden sind.

So plädierte Nestorius für den alternativen Titel „Christusgebärerin“ (christotokos). Kyrill war damit nicht einverstanden. Er war der Meinung, die Person Jesus Christus dürfe nicht aufgespalten werden:

Ist sie nämlich Christusgebärerin, so zweifellos auch Gottesgebärerin; ist sie aber nicht Gottesgebärerin, so auch nicht Christusgebärerin.

Kyrill vertrat die Sicht, dass Jesus Christus eine (!) Person sei, göttlichen Ursprungs („aus dem Vater“), die in der Fleischwerdung zu der göttlichen Natur auch noch eine menschliche Natur angenommen habe – aber eine Person ist und bleibt!

Damit waren die beiden Positionen umrissen. Zur Beantwortung dieser theologischen Frage wurde ein Konzil einberufen, das Dritte Ökumenische Konzil in Ephesus (431), dem Kyrill von Alexandrien vorstand. Noch bevor die Anhänger des Nestorius beim Konzil erschienen, war ihre Lehre (das christotokos) schon als häretisch verdammt. Ihnen stand damit die Exkommunizierung bevor. So schrieb Kyrill in den offiziellen »Anathematismen« (Verdammungsurteilen) gegen Nestorius:

Wer nicht bekennt, dass der Immanuel in Wahrheit Gott und die heilige Jungfrau deshalb Gottesgebärerin ist, weil sie den aus Gott stammenden, Fleisch gewordenen Logos geboren hat, sei verdammt.

Die Begründung für dieses Urteil war, dass Jesus nur eine Person sei und habe, eine Einheit aus einem menschlichen und einem göttlichen Wesen. Die Jungfrau Maria habe jedoch nicht ein „menschliches Wesen“ (eine Hypostase) zur Welt gebracht, sondern die ganze Person des Gottmenschen Jesus Christus. Die Vereinigung der beiden Naturen sei bereits im Mutterleib geschehen, also vor der Geburt, so argumentierte man. Dies jedoch mache Maria völlig korrekt zur „Gottesgebärerin“.

Wichtig ist, dass wir begreifen, dass die Entscheidung des Konzils von Ephesus nicht in erster Linie eine Aussage über Maria sein sollte (und schon gar nicht einer Marienverehrung das Wort redete), sondern eine Aussage über die Person Jesus Christus.

Auf früheren Konzilien, etwa in Nizäa (325 n.Chr.) oder Konstantinopel (381 n.Chr.), hatte man bereits einheitliche Formulierungen in der Trinitätslehre gefunden, also zum Verhältnis der drei göttlichen Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – des einen Gottes. Man war sich einig und bekannte gemeinsam, dass Jesus Christus der ewige Gottessohn ist. (Einig war man sich natürlich nicht mit den sogenannten Arianern, die die Gottheit des Sohnes ablehnten und deshalb aus der Kirche ausgeschlossen bzw. als Häretiker betrachtet wurden.)

Nun aber war die Kirche gefordert, zu beschreiben, was das richtige Verhältnis zwischen dem menschlichen Wesen Christi und seinem göttlichen Wesen sei und dies gegen verschiedene Irrlehren zu verteidigen.

Das tat die Kirche also in Ephesus (431). Der Nestorianismus mit seiner Aufspaltung des Wesens Christi in zwei Personen (Dyophysitismus) wurde verdammt. Mit einer extremen Gegenposition trat ein gewisser Eutyches auf den Plan, der behauptete, dass die Menschheit Christi von der Gottheit gewissermaßen aufgesogen worden sei wie ein Honigtropfen im Meer, und dass so nunmehr nur ein Wesen existiere (Monophysitismus).

Die Sicht, die Kyrill in Ephesus vertrat, war die, die sich als die orthodoxe Lehre durchsetzte und die die Grundlage wurde für ein Unionsdokument von 433 n.Chr. Dieses wiederum lieferte eine wichtige Grundlage für das bedeutsame Konzil von Chalcedon (451 n.Chr.).

Chalcedon ist das vierte der ersten sieben so genannten Ökumenischen Konzilien der Alten Kirche. In Chalcedon wurde der lang andauernde Streit um das Verhältnis zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Wesen Jesu Christi entschieden. Gegen den Nestorianismus (Jesus Christus ist eine göttliche und eine menschliche Person) auf der einen Seite, und den Eutychianismus (Jesus Christus ist nur eine Person mit einem göttlichen Wesen) auf der anderen definierte man in Chalcedon das Verhältnis folgendermaßen:

Christus ist als der ewige Gottessohn Gott gleich (die zweite Person der Dreieinigkeit), ist wahrer Gott, seit der Fleischwerdung jedoch auch wahrer Mensch. Seiner Person nach ist er Gott, göttlichen Wesens. Doch in der Fleischwerdung hat er auch ein menschliches Wesen angenommen. Diese beiden Wesen sind in der einen Person Jesus Christus „unvermischt und ungetrennt“. Somit wurde die Trinitätslehre, wie wir sie im klassischen Protestantismus kennen in Chalcedon zum kirchlichen Dogma.

Die Bekenntnisschrift, die in Chalcedon entstand (das Chalcedonense, 451) gilt heute in allen katholischen, orthodoxen sowie protestantischen Kirchen als verbindliche kirchliche Lehre. Es lautet:

Wir folgen also den heiligen Vätern und bekennen einen und denselben Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, und lehren alle einmütig, dass derselbe sei vollkommen in der Gottheit und derselbe vollkommen in der Menschheit, derselbe als wahrhaftiger Gott und als wahrhaftiger Mensch, mit einer vernünftigen Seele und einem Leib, dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und derselbe uns wesensgleich nach der Menschheit, in jeder Hinsicht uns ähnlich, ohne die Sünde; dass er von Ewigkeit her aus dem Vater der Gottheit nach geboren wurde, aber derselbe in den letzten Tagen um unseretwillen und unseres Heiles willen aus der Jungfrau Maria, der Gottesgebärerin, der Menschheit nach.

Wir bekennen einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, in zwei Naturen unvermischt, ungewandelt, ungetrennt und ungeschieden offenbart; keineswegs ist der Unterschied der Naturen durch die Vereinigung aufgehoben, vielmehr wird die Eigenart jeder Natur bewahrt, und beide treten zu einer Person und einer Hypostase zusammen; nicht einen in zwei Personen geteilten oder getrennten, sondern einen und denselben einziggeborenen Sohn, Gott, Wort, Herrn, Jesus Christus, so wie vorzeiten die Propheten von ihm und Christus selbst uns unterwiesen haben und wie es uns das Glaubensbekenntnis der Väter überliefert hat.

Wir sehen hier, dass die Eigenschaft der Maria als »Gottesgebärerin« Bekenntnisstatus annahm.

In der Reformation gab es eine Rückbesinnung auf diese Lehre von der „Gottesgebärerin“. Mit den altkirchlichen Lehrern und Konzilien nahmen auch die Reformatoren, etwa Martin Luther und Johannes Calvin, das theotokos an. Jedoch wandte man sich gleichzeitig gegen die Überlagerungen dieser Aussage über Christus (nämlich, dass er bei seiner Geburt sowohl Gott aus auch Mensch war) im Sinne einer Marienverehrung oder -frömmigkeit.

Die Aussage vom „theotokos“, also dass Maria die „Mutter Gottes“, die „Gottesgebärerin“ war, will Ernst machen mit der biblischen Lehre von den zwei Naturen Christi. Wenn Jesus wirklich eine göttliche Person ist und war und immer sein wird, dann können wir ihn nicht zerschneiden und behaupten, aus dem Geburtskanal der Maria sei lediglich ein Mensch geschlüpft, nicht aber Gott selbst.

In unserer Zeit, in der robuste theologische Aussagen und Stellungnahmen immer mehr verpönt sind, tun wir gut daran, keine undeutlichen Töne von uns zu geben (vgl. 1Kor 14,8), sondern mit den altkirchlichen Bekenntnisschriften, der Stimme der Kirche, vor allem aber mit der Heiligen Schrift das theotokos unerschrocken zu bekennen: dass derselbe Christus, der von Ewigkeit her aus dem Vater der Gottheit nach geboren wurde, „in den letzten Tagen um unseretwillen und unseres Heiles willen aus der Jungfrau Maria, der Gottesgebärerin, der Menschheit nach“ geboren wurde; und zu bekennen, „einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, in zwei Naturen unvermischt, ungewandelt, ungetrennt und ungeschieden,“  zur Ehre Gottes, des Vaters (Phil 2,11).

Fußnoten:

  1. Das finden wir schon bei Dionysius (Mitte des 3. Jhdts.), möglicherweise schon etwas früher bei Origenes, dann auch bei Athanasius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus und Augustinus.
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