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»Nicht Zungenlehre sondern Lebenslehre!« – Calvin über die Lehre des Evangeliums

Der Reformator Johannes Calvin war sicherlich kein Pietist. Das heißt, er hat den Kern des Evangeliums, den Kern des christlichen Lebens nicht in der menschlichen Befindlichkeit, dem Gefühl, gesucht. Er betont ebenso stark wie Martin Luther die objektive Wahrheit des Evangeliums, das wir zu glauben haben.

Andererseits war Calvin allerdings auch nicht der gefühlslose »Intellektuelle«, als den man ihn manchmal beschreibt. Was das Evangelium angeht, ist Calvin nicht auf die bloße »Mitteilung von Fakten« aus. Und was den Glauben angeht, ist Calvin mit bloßer intellektueller Zustimmung zum Evangelium nicht zufrieden.

Ihm gelingt damit eine Balance zwischen intellektueller Zustimmung (notitia und assensus) und der Zustimmung des neuen Herzens (fiducia), eine Balance zwischen Herz und Hirn, wie sie heute selten geworden ist.

In seiner Institutio wendet er sich an einer Stelle gegen Diejenigen, die sich im Namen auf Jesus Christus berufen, die vielleicht auch voller »Theologie« sind, denen aber diese genannte zweite Komponente fehlt – der Herzensglaube. Sicherlich fällt es uns leicht, uns Leute auszudenken, auf die Calvins Beschreibung passt wie angegossen; die Frage ist jedoch: Finden wir bei uns selbst vielleicht auch eine gewisse Unausgewogenheit wieder?

Wir sollen danach streben, dass bei uns die Balance stimmt.

Hier ist nun der Ort, an dem ich mich mit aller Schärfe gegen solche Leute wenden muß, die mit Christus nur dem Titel und dem Zeichen nach zu tun haben und doch Christen genannt werden wollen. Mit was für Frechheit rühmen sie sich denn seines heiligen Namens? Mit Christus haben doch nur die etwas zu schaffen, die aus dem Worte des Evangeliums seine rechte Erkenntnis empfangen haben. Nach den Worten des Apostels aber haben alle die Menschen Christus nicht recht kennengelernt, die nicht gelehrt sind, „den alten Menschen“ abzulegen, „der durch die Lüste im Irrtum sich verderbet“, und Christus „anzuziehen“ (Eph 4,22-24). Solche Leute verraten also, daß sie die Erkenntnis Christi fälschlich und unter Beleidigung des Herrn für sich in Anspruch nehmen – wie wohlgesetzt und geläufig sie auch unterdessen vom Evangelium schwatzen mögen! Denn dies ist nicht eine Zungenlehre, sondern eine Lebenslehre, es wird nicht allein mit Verstand und Gedächtnis begriffen wie die anderen Wissenschaften, sondern der Mensch nimmt es erst dann recht in sich auf, wenn es seine ganze Seele in Besitz nimmt und in der tiefsten Regung des Herzens seinen Sitz und seine Herberge findet! Jene Leute sollen also davon ablassen, Gott zu verlästern und etwas für sich in Anspruch zu nehmen, was sie doch gar nicht sind – oder aber sie sollen sich Christus, ihrem Meister, als Jünger erweisen, die seiner nicht unwert sind! Wir haben der Lehre, in der unsere Gottesverehrung beschlossen ist, den ersten Platz gegeben; denn von ihr geht unser Heil aus; aber diese Lehre muß, wenn sie uns anders Frucht tragen soll, in unser Herz tief eingesenkt werden und in unsere Lebensführung eindringen, ja, sie muß uns in sich hineinbilden!

J. Calvin, Institutio, III,6,4

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