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Ps 42 und das Verlangen nach illegitimer Gemeinschaft mit Gott

„Dem Vorsänger. Von den Söhnen Korahs. Ein Maskil. Wie ein Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele, o Gott, nach dir! Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott: Wann werde ich kommen und vor Gottes Angesicht erscheinen? Meine Tränen sind meine Speise bei Tag und bei Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist [nun] dein Gott? Daran will ich denken, und meine Seele in mir ausschütten, wie ich dahinzog im Gedränge, mit ihnen feierlich dahinschritt zum Haus Gottes unter lautem Jubel und Lobgesang, in der feiernden Menge. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken für die Rettung, die von seinem Angesicht kommt!Mein Gott, meine Seele ist betrübt in mir; darum gedenke ich an dich im Land des Jordan und der Hermongipfel, am Berg Mizar. Eine Flut ruft der anderen beim Rauschen deiner Wasserstürze; alle deine Wellen und Wogen sind über mich gegangen. Am Tag wird der Herr seine Gnade entbieten, und in der Nacht wird sein Lied bei mir sein, ein Gebet zu dem Gott meines Lebens. Ich will sprechen zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muß ich trauernd einhergehen, weil mein Feind mich bedrängt? Wie Zermalmung meiner Gebeine ist der Hohn meiner Bedränger, weil sie täglich zu mir sagen: Wo ist [nun] dein Gott? Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, daß er meine Rettung und mein Gott ist!“ (Psalm 42)

Eines der größten Übel, die wir dem pietistischen Evangelikalismus verdanken, ist das Verlangen, ja die regelrechte Sucht nach illegitimer Gemeinschaft mit Jesus Christus. Was meine ich damit? Kann denn überhaupt irgendeine Form der Gemeinschaft mit Jesus Christus illegitim sein? Ist es nicht besser, illegitime Gemeinschaft zu haben als gar keine Gemeinschaft?

Wenn wir einmal Römerbrief, Kapitel 10, lesen, da spricht Paulus von verschiedenen solchen illegitimen Formen, die Gemeinschaft mit Jesus Christus zu suchen. Eine davon ist die via das Gesetz. Dazu sagt er: »Aber die Gerechtigkeit durch den Glauben redet so: «Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will in den Himmel hinaufsteigen?» – nämlich um Christus herabzuholen – oder: «wer will in den Abgrund hinuntersteigen?» – nämlich um Christus von den Toten zu holen!« (Röm 10,6-7) Und weiter weist er den Gläubigen den richtigen Weg – die Gemeinschaft mit Christus entsteht an und durch die Verkündigung des Evangeliums und den Glauben daran. Was sagt die Schrift? – »»Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen!« Dies ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen.« (Röm 10,8)

Mit illegitimer Gemeinschaft mit Christus meine ich die Anmaßung, einen unmittelbaren Zugang zu Christus haben zu wollen. Das klingt recht abstrakt, tritt aber ganz praktisch immer da zutage, wo Menschen meinen, sie könnten in der Stille und Privatsphäre ihres Kämmerleins durch innere Versenkung Gemeinschaft mit Jesus Christus aufbauen. Nicht dass das an und für sich völlig unmöglich wäre. Die Frage ist eher, ob uns solch ein unittelbarer Zugang verheißen ist. Und problematisch wird es besonders da, wo die ›Stille Zeit‹ gegen den Gottesdienst ausgespielt bzw. für ›effektiver‹ gehalten wird.

Viele Christen denken nicht einmal darüber nach, dass es theologisch ein Problem sein könnte, dass sie mir nichts, dir nichts in den Thronraum Gottes platzen ohne sich zu fragen wie sie da eigentlich hineingekommen sind. Das Evangelium ist die gute Nachricht, dass das Unmögliche möglich geworden ist: dass Sünder Zugang haben zum heiligen Gott! Dass Sünder trotz ihrer Sünde Zugang zu Gott und Gemeinschaft mit ihm haben können!

Wie kann das gehen? Nur auf einem Weg – sola fide und solo Christo! Aus Glauben allein und durch Christus allein! Nur durch Jesus Christus als unserem Mittler. Das Evangelium hat zur Grundlage eine Mittlerschaft – die Mittlerschaft Jesu Christi. Es gibt für Sünder wie uns keinen unmittelbaren Zugang zu Gott. Die Gemeinschaft mit ihm ist immer »nur« mittelbar.

Doch auch die Gemeinschaft mit dem Gottmenschen Jesus Christus ist nach dem Zeugnis der Schrift nicht unmittelbar und mystisch. Auch wenn man tatsächlich in der “Stillen Zeit” Gemeinschaft mit Jesus Christus erleben und pflegen kann, so ist das keineswegs der erste oder hauptsächliche Weg in die Gemeinschaft mit Jesus Christus. Denn auch diese ist keine unmittelbare Gemeinschaft. Wer meint, unmittelbar – d.h. ohne Mittel – Gemeinschaft mit Christus haben zu können, der nimmt entweder die Sünde nicht ernst genug oder der meint, wir seien schon heute in der Herrlichkeit, d.h. er nimmt die leibhaftige Abwesenheit Jesu nicht ernst genug. Jesus ist nicht hier; er ist weg (Joh 14,2-3). Und jede Gemeinschaft mit ihm muss auf dem Weg geschehen, den er uns befohlen hat zu gehen. Alles andere ist illegitim, ist eine Abkürzung, die die Spannung zwischen dem »schon« des Glaubens und dem »noch nicht« des Glaubens nicht aushält.

Biblische Frömmigkeit, und darum geht es hier, ist stets vermittelte Frömmigkeit. Und deshalb ist es auch so perfide, wie viele Christen gerade den 42. Psalm zitieren, um damit ihre persönliche, unvermittelte, mystische Gotteserfahrung zu begründen.

Wenn man sich diesen Psalm 42 jedoch genauer anschaut, fällt vor allem eines auf: die Frömmigkeit des Psalmisten ist eben eine vermittelte Frömmigkeit! Mehr noch, es ist eine Frömmigkeit, die in der formalen Versammlung der Gemeinde Gottes ihren Mittelpunkt findet. Wir sind ja bekanntlich Meister darin, in der Schrift das zu finden, was wir suchen. Und so haben Christen in Psalm 42 auch meist eine spiritualisierte Version ihres eigenen geistlichen Lebens gefunden, nicht aber eine realistische Version einer Frömmigkeit, die auf Mitteln (Gnadenmitteln) beruht. In dieser spiritualisierenden Version der Frömmigkeit, bedeutet die Frage des Psalmisten »Wann darf ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?« eben nicht, »Wann gibt’s wieder Gottesdienst?«, sondern eher »Wann werde ich endlich wieder einmal ein geistliches ‘High’ in meiner Stillen Zeit erleben?«

Psalm 42 ist das persönliche Bekenntnis eines Gläubigen, der Sehnsucht nach Gottes Gegenwart und nach Gemeinschaft mit ihm hat. Insbesondere »weil man täglich zu mir sagt: Wo ist dein Gott?«, hat der Psalmist Sehnsucht, ja Lust nach Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.

Doch Johannes Cavin hat recht, wenn er in seinem Psalmenkommentar schreibt:

Wenn [der Psalmist] 1 sagt: ‘meine Seele dürstet nach dem lebendigen Gott’ – so meint er nicht einfach, dass er vor Liebe und Sehnsucht nach Gott brenne; vielmehr muss man die Art und Weise bedenken, wie uns Gott zu sich einlädt und durch welche Hilsmittel er unser Gemüter nach oben zieht. Denn er befiehlt uns nicht, geradewegs in den Himmel hinaufzusteigen, sondern er kommt unserer Schwäche entgegen und lässt sich näher zu uns herab. Daher schrie David zu Gott in der Erwägung, dass der Weg für ihn verschlossen sei, weil er vom äußeren Gottesdienst ausgeschlossen war; dieser ist das Band der heiligen Verbindung mit Gott, nicht als könnten die gottesdienstlichen Gebräuche an und für sich uns mit Gott vereinigen, sondern es sind Übungen der Frömmigkeit, deren unsere Schwachheit nicht zu entraten vermag. Daher ist David, wenn er vom Heiligtum verbannt ist, ebenso in Angst, als wäre er Gott dem Herrn selbst entfremdet. (…) Dies Beispiel widerlegt die Anmaßung (arrogantia) der Leute, welche an diesen Vermittlungen (media) in ihrer Sicherheit vorbeigehen, ja sie in Übermut verachten, wie wenn es in ihrer Macht stünde, stracks in den Himmel hineinzufliegen, gerade als überträfen sie David an Eifer und Schwungkraft der Seele. Doch blieb der Prophet auch nicht bei den irdischen Anfangsgründen stehen: aber weil er wusste, dass ihm die Flügel zum Fliegen fehlten, so bediente er sich der Leitersprossen, um auf ihnen zu Gott emporzueilen.

Man beachte die Balance: Calvin redet nicht so, als »könnten die gottesdienstlichen Gebräuche an und für sich uns mit Gott vereinigen«, als könnte zum Beispiel ein Gottesdienst – als Mittel zur Gemeinschaft mit Gott – uns direkt dorthin befördern. Aber er macht klar, dass der Weg zur Gemeinschaft mit Christus über die Mittel führt, die Gott selbst dazu eingesetzt und bestimmt hat. Reformierte und lutherische Christen haben stets um die Bedeutung dieser Gnadenmittel gewusst, auch wenn sie heute vieles davon vergessen haben.

»Gottes Angesicht« (Vers 3) zu suchen und zu schauen, ist demnach für den Psalmisten ganz eindeutig keine mystische Gottesschau, keine visio beatifica, sondern die Begegnung Gottes in den Mitteln der der Wortverkündigung und den Zeichen, d.h. Sakramenten.

Calvin sagt später:

Wo wir uns aber Gott anderswie gegenwärtig denken, als er sich in Wort und heilgen Zeichen offenbart hat, da machen wir uns irgend eine recht grobe und irdische Vorstellung von seiner himmlischen Erhabenheit; da erdichten wir bloße Gespenster, welche die Herrlichkeit Gottes verunstalten und seine Wahrheit in Lüge verkehren.

Mögen wir auch begreifen, dass wir keine Flügel haben, um direkt in die unvermittelte, unmittelbare Gegenwart Gottes hineinzufliegen, sondern dass wir der Leitersprossen bedürfen, die der Herr selbst uns in seiner Gnade gegeben hat, damit wir ungetrübte und wunderbare Gemeinschaft mit ihm pflegen können – Sonntag für Sonntag, und darüber hinaus.

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Fußnoten:

  1. und das ist für Calvin auch hier niemand anderes als David!
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