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So sicher wie das »Amen« in der Kirche…?

Das »Amen« in der Kirche wird heute leider weithin als fromme Floskel verstanden. Vielleicht deshalb habe ich den Eindruck, dass es in manchen Freikirchen langsam ganz auszusterben scheint. Es ist vielleicht einfach nicht zeitgemäß oder gar »hip« genug. Wer redet heute schon noch so kannaanäisch?

Mir fällt besonders auf, dass Predigten immer häufiger mit einer anderen Art »Floskel« abgeschlossen werden; einer, wie man sie eher aus mundänen, säkularen Vorträgen und Reden kennt. Manchmal auch mit einer rhetorischen Frage oder einem schlauen Wortspiel. Das »Amen« fehlt oftmals.

Der niederländische Staatsmann und Theologe Abraham Kuyper beschreibt mit weisen Worten, wie das »Amen« zum Abschluss der Predigt sowohl für den Prediger als auch für die Gemeinde zu einem Akt des Glaubens wird:

Der Prediger muss es wagen, das »Amen« auszusprechen, wenn er mit der Überzeugung beschließen kann, dass er das Wort Gottes wahrheitsgetreu und treu, mit aller Kraft und gemäß dem Licht, das Gott ihm gegeben hat, ausgerichtet und auf die geistlichen Bedürfnisse der Gemeinde angewandt hat. Deshalb sagen wir, dass es ein Wagnis ist, dass »Amen« auszusprechen. Wenn Einer das »Amen« in seinem vollsten und tiefsten Sinn ausspricht, während er nicht das Bewusstsein hat, dass er das Sprachrohr Gottes gewesen ist, dann erstirbt dies »Amen« auf seinen Lippen. Er kann und darf dies Siegel nicht auf das setzen, wovon er denkt, dass es nicht echt war. 1

Man darf Kuyper hier nicht in einem »pietistischen« Sinne missverstehen. Man würde ihn missverstehen, wenn jeder Prediger nun voller Unsicherheit sein müsse, ob er überhaupt wirklich gepredigt habe. Natürlich muss jeder Prediger sich kritisch fragen, ob er dem Wort Gottes gerecht geworden ist. Aber es geht Kuyper nicht darum, Zweifel zu sähen bezüglich des Selbstbewusstseins des Predigers als berufenem Diener Gottes. Im Gegenteil, es geht ihm darum zu sagen, dass ein Prediger, wenn er sich sicher ist, dass er berufen ist und dass er dem gepredigten Text nach bestem Wissen und Gewissen gerecht geworden ist, auch mit Nachdruck und Überzeugung das »Amen« aussprechen soll. Damit drückt er aus: »So sei es! – so wahr mir Gott helfe!«

Das Glaubenswagnis kommt für die Gemeinde da, wo sie das »Amen« des Predigers zum Abschluss der Predigt mit dem Echo ihres eigenen gläubigen »Amens« beantwortet. Denn damit stimmt die Gemeinde dem Prediger zu, dass er in der Tat das Wort Gottes gesprochen und dass die Gemeinde die Stimme des Hirten gehört hat (Joh 10,3). Das ist ein gefährliches »Amen«, denn es bedeutet, dass die Gemeinde nun verpflichtet ist, zu hören und zu glauben. Doch es ist auch ein heilsames »Amen«, da der wahre Hirte der Schafe seine Herde immer treu »herausführt« auf frische Weiden (Joh 10,3-4; vgl. Ps 23,1-3).

Auch hier, für die Gemeinde, gilt die Warnung vor einem übertriebenen »Pietismus«, der es dem Einzelnen unmöglich macht, in der Stimme des »irdenen Gefäßes« (2Kor 4,7) – des menschlichen Predigers – überhaupt noch die Stimme des großen Hirten der Schafe zu hören. Wieso? Weil man ihn nicht mag. Weil er nicht der »Lieblingsprediger« aus dem Internet ist. Weil er nicht die Leidenschaft hat, die wir uns wünschen würden. Weil seine Nase krumm oder sein Haar schüttern ist. Aber auch, weil er nicht »meine Theologie« predigt.

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Herr das Hören auf die (menschliche) Predigt als eine der zentralen Übungen des Glaubens und der Heiligung gesetzt hat (Röm 10,17).

Johannes Calvin sagt dazu sehr treffend:

… es ist eine sehr gute und höchst nutzbringende Übung zur Demut, wenn er uns daran gewöhnt, seinem Worte zu gehorchen, ob es auch durch Menschen gepredigt wird, die uns gleich sind, ja, die uns zuweilen auch an Würde nachstehen. Wenn er selber vom Himmel herab redete, dann wäre es kein Wunder, wenn seine heiligen Kundgebungen ohne Verzug von aller Ohr und Herz in Ehrfurcht angenommen würden. Denn wer wollte sich vor seiner gegenwärtigen Macht nicht fürchten? Wer sollte nicht beim ersten Anblick so gewaltiger Majestät zu Boden geworfen werden? Wer würde von solch unermeßlichem Glanz nicht aus der Fassung gebracht werden? Wo aber irgendein Menschlein, das aus dem Staube hervorgegangen ist, in Gottes Namen redet, da beweisen wir unsere Frömmigkeit und Ehrerbietung gegen Gott selber mit einem besonderen Zeugnis, wenn wir uns seinem Diener gelehrig erweisen, obwohl er doch in keiner Hinsicht höher steht als wir. Aus diesem Grunde verbirgt er daher auch den Schatz seiner himmlischen Weisheit in zerbrechlichen, irdenen Gefäßen (2Kor 4,7): er will eben einen um so gewisseren Beweis dafür empfangen, wie hoch wir ihn achten. (Institutio IV,3,1)

Darum: lasst uns das »Amen« in der Kirche wiederentdecken! Prediger – sagt es laut und deutlich, nicht um eine schlechte Predigt »wieder gut zu machen«, sondern um glaubensvoll zu bekräftigen, dass Ihr das Wort Gottes in Gesetz und Evangelium ausgerichtet habt! Und Gemeinden – sagt es laut, nicht weil Euer Prediger der »beste Prediger der Welt ist«, sondern weil Ihr die Stimme Eures Hirten in einem mehr als unvollkommenen Mann – und wahrscheinlich einer mehr als unvollkommenen Predigt – gehört habt!

Dank sei Gott dafür! Amen.

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Fußnoten:

  1. Abraham Kuyper, Our Worship, Grand Rapids/USA, 2009, S. 205
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