Blog

Spontan oder liturgisch? – Wie unser Gottesdienst geordnet sein sollte…

Jeder Gottesdienst hat eine Liturgie. Die Frage ist nur, ob sie durchdacht ist oder nicht und ob man sie explizit macht oder nicht. Wir haben jede Woche ein Faltblatt, in dem die Liturgie, d.h. die Abfolge der einzelnen gottesdienstlichen Elemente aufgelistet ist. Wir glauben, dass das dem Besucher des Gottesdienstes hilft, den inneren »roten Faden« zu sehen und der »Logik« des Evangeliums, die jedem unserer Gottesdienste zugrunde liegt, besser folgen zu können.

Nicht alle teilen diese Ansicht. Die so genannten »Puritaner« waren reformierte Christen im 17. Jahrhundert in England, die die Kirche von England (Anglikanische Kirche) reformiert sehen wollten. Sie lehnten jegliche feststehende Formen ab – vorbereitete Gebete, feststehende gottesdienstliche Elemente (Gesänge, Lesungen, etc.) und eben eine mehr oder weniger feststehende Liturgie. All das war für sie ein tödlicher Formalismus. Ganz ähnlich dachten auch die deutschen Pietisten. Und in beiden Fällen ist ihre Position auf dem geschichtlichen Hintergrund zu verstehen. Die Puritaner hatten ständig dagegen zu kämpfen, dass die Anglikanische Kirche ihnen ihre Formen überstülpen wollte. Und auch die Pietisten wehrten sich gegen Einflüsse aus der lutherischen Kirche, in der eine »tote Orthodoxie« herrschte.

Obwohl auch heute diese »tote Orthodoxie« natürlich eine Gefahr ist, haben wir ein viel akuteres Problem: in den (Frei-)Kirchen scheint heute nahezu alles im Gottesdienst erlaubt zu sein. Die Gemeinden stecken vielerorts in einer Identitätskrise, weil sie nicht mehr wissen, was in den Gottesdienst gehört und was nicht, ja was der Gottesdienst überhaupt ist.

In der Selbständigen evang.-ref. Kirche haben wir eine moderate Liturgie. Diese ist nicht göttlich inspiriert oder vom Himmel gefallen. Aber sie beinhaltet das, was im Wort Gottes vorgeschrieben ist an gottesdienstlichen Elementen – nicht mehr aber auch nicht weniger. Unsere Liturgie folgt dem Schema: Einladung Gottes – Reaktionen der ver- sammelten Gemeinde (Sündenbekenntnis) und Lobpreis – Vergebung der Schuld – erneuerter Gehorsam aus Dankbarkeit. Anders ausgedrückt, sie folgt grob dem Schema »Elend –Erlösung –Dankbarkeit« (vgl. die drei Großteile des Heidelberger Katechismus).

Wir sind davon überzeugt, dass die biblische Bedeutung des Gottesdienstes als Be- gegnung des Bundesvolkes mit seinem Bundesherrn es erfordert, dass alles ehrwürdig zugeht und nicht formlos. Man betritt auch nicht den Thronraum zu einer königlichen Audienz, ohne sich vorher ganz genau überlegt zu haben, was man zum König sagen möchte – und mit einer gewissen Portion Förmlichkeit, wie sie der erhabenen Stellung des Königs angemessen ist, selbst wenn man ihn ganz gut kennen mag.

Das Endziel aber jeder Liturgie muss sein, dass sie sozusagen unsichtbar wird, d.h. dass wir sie so sehr verinnerlichen, dass sie aus dem Blickfeld gerät und uns einfach einen ungestörten Gottesdienst der Anbetung ermöglicht. Im Himmel wird es keine Faltblätter mehr geben, aus denen wir gemeinsam unsere Schuld oder unseren Glauben bekennen. Aber sehr wohl wird es auch im Himmel eine Liturgie geben! An dieser himmlischen Liturgie haben die Engel und himmlischen Wesen schon jetzt Tag für Tag teil. Mögen auch wir den sonntäglichen Gottesdienst als einen Vorgeschmack auf den himmlischen Gottesdienst verstehen.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in "Die Kleine Kanzel". Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.