Blog

Über die Freiheit, Gottes Schöpfung dankbar zu genießen (Johannes Calvin)

Wir werden vor Gott in keinem der äußerlichen Dinge, die an sich „Mitteldinge“ sind, an irgendwelche heilige Scheu gebunden, sondern dürfen sie ohne Unterschied bald brauchen, bald auch beiseitelassen. Auch die Erkenntnis dieser (Art von) Freiheit ist für uns sehr nötig; denn wo sie fehlt, da werden unsere Gewissen nie zur Ruhe kommen, und der Aberglaube wird kein Ende finden. Wir kommen heutzutage sehr vielen Leuten albern vor, wenn wir darum streiten, daß uns der Fleischgenuß freisteht, daß wir gegenüber Feiertagen und Kleidern und anderen, wie unsere Gegner meinen, „bedeutungslosen Possen“ frei sind. Aber die Sache hat mehr Belang, als man gemeinhin glaubt. Denn sobald sich unser Gewissen einmal in diese Fesseln verstrickt hat, kommt es in ein langes und auswegloses Labyrinth hinein, aus dem sich nachher so leicht kein Ausgang mehr finden läßt. Wenn einer schon einmal zu zweifeln angefangen hat, ob er zu Tüchern, Hemden, Schnupftüchern und Tischtüchern Leinen brauchen darf, so wird er nachher schon nicht mehr sicher sein, ob ihm Hanf verstattet ist, und schließlich wird ihn selbst noch bei Werg der Zweifel überfallen! Er wird sich nämlich mit dem Gedanken herumschlagen, ob er nicht auch ohne Tischtuch speisen oder ohne Schnupftuch bestehen könnte! Wenn einer auf den Gedanken gekommen ist, feinere Speise sei nicht erlaubt, dann wird er am Ende nicht einmal mehr Brot und einfache Nahrungsmittel in Frieden vor Gott genießen; es kommt ihm eben in den Sinn, er könnte seinen Leib auch mit noch geringerer Speise erhalten. Wenn einer bei einigermaßen wohlschmeckendem Wein bereits Bedenken hat, so wird er bald nicht einmal gemeinen Krätzer mit gutem Frieden seines Gewissens trinken können, und am Ende wird er nicht einmal mehr wagen, Wasser anzurühren, das besser und reiner ist als anderes. Kurz, er wird schließlich dahin kommen, daß er es für Sünde hält, über einen quer im Wege liegenden Grashalm zu gehen – wie man so sagt. Der Streit, der hier anhebt, ist nicht leicht; aber es geht eben darum, ob es Gottes Wille ist, dies oder das zu brauchen – und Gottes Wille soll doch allen unseren Ratschlägen und Taten vorangehen! Da ist es denn unvermeidlich, daß die einen vor Verzweiflung in einen Abgrund der Verwirrung hinuntergerissen werden, die anderen aber Gott verachten, seine Furcht von sich werfen und sich in ihrem Irrtum einen eigenen Weg machen, da sie keinen gebahnten vor sich sehen. Wer sich in solche Zweifel verwickelt hat, der mag sich wenden, wohin er will: er sieht überall einen unmittelbaren Anstoß für sein Gewissen!

(Johannes Calvin, Institutio, Buch III, Kap 19, Abschnitt 7.)

Ähnliche Beiträge:

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Evangelium, Gesetz, Zitate. Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.