Blog

Wann soll ich meine Gemeinde verlassen?

»Wie kann man nur…?« In einer Zeit, in der (zumindest im europäischen Westen) immer weniger Menschen in die Kirche gehen und die Mitgliederzahlen der Großkirchen mit atemberaubender Geschwindigkeit abnehmen, wie kann man da auf die Idee kommen, man müsste wohlmeinende Christen dazu auffordern, unter bestimmten Umständen ihre jetzigen Gemeinden zu verlassen?

Richtig an diesem Gedanken ist, dass niemand leichtfertig oder gar leichtsinnig seine Kirche oder Gemeinde verlassen sollte. Mitgliedschaft am (unsichtbaren) Leib Christi gibt es nicht ohne Mitgliedschaft in der sichtbaren, institutionalisierten Kirche Jesu Christi. Das war der fatale Fehler der radikalen Pietisten und Täufer, die meinten, man könne als »wahrhaft Gläubiger« auch mit sich selbst und seinen Freunden zufrieden sein und sich am Besten als fromme Gruppe (»Konventikel«, heute auch bekannt als »Hauskreis«) zuhause treffen. Leider gibt es heute viele so genannte »Evangelikale«, die das Erde dieser Pietisten angetreten haben und der Meinung sind, formale Kirchenmitgliedschaft sei nicht notwendig oder vielleicht sogar hinderlich für »wahre Frömmigkeit«. Diesem Trend kann man nur entgegenwirken mit einer Rückbesinnung auf das biblische und altkirchliche Bekenntnis, dass außerhalb der Kirche gewöhnlich das Heil nicht zu erwarten ist (extra ecclesiam salus non est).

Doch die Antwort auf das Problem der leeren Kirchen einerseits und unverbindlicher evangelikaler Christen andererseits ist nicht ein Pragmatismus nach dem Motto: »Hauptsache man geht überhaupt noch in die Kirche…!« Nein, für einen Christen kann es nach der Frage nach seinem Seelenheil – und im Zusammenhang mit ihr! – nichts wichtigeres geben als die Zugehörigkeit zur wahren Kirche Jesu Christi.

Ganz natürlich stellt sich hier die Frage: welches ist denn diese eine wahre Kirche Jesu Christi? Diese Frage zu beantworten ist gleichermaßen einfach wie schwierig. Die schlichte und einfache Antwort finden wir in der biblischen Lehre der reformatorischen Bekenntnisse von den »Merkmalen der wahren Kirche«.

Auf lutherischer Seite finden wir folgende Definition der Kirche:

Es wird auch gelehrt, dass alle Zeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden. Denn dieses ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirche, dass da einträchtig nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. (Augsburger Bekenntnis von 1530, Art. 7)

Die reine Predigt des Evangeliums, die Sakramente gemäß der Hl. Schrift. Das sind die zwei Merkmale jeder wahren Kirche!

Auf reformierter Seite finden wir dieselben Merkmale, ergänzt noch durch ein drittes:

Die Kennzeichen, durch welche die wahre Kirche sich von [allen anderen Sekten, die sich rühmen, Kirche zu sein] unterscheidet, sind diese: wenn sich die Kirche der reinen Predigt des Evangeliums und der lauteren Verwaltung der Sakramente nach der Einsetzung Christi bedient; wenn sie sich der Kirchenzucht recht zur Besserung der Fehler bedient; wenn sie schließlich (damit wir alles mit einem Wort zusammenfassen) alles nach der Vorschrift des Wortes Gottes tut und alles, was ihm widerstreitet, von sich weist und Christus als einziges Haupt anerkennt. An diesen Kennzeichen kann die wahre Kirche, von der sich keiner trennen darf, mit Sicherheit erkannt werden. (Niederländisches Glaubensbekenntnis, Art. 29)

Die schwierige(re) Frage ist die praktische: Wie wenden wir diese Merkmale an auf die Kirche, in der wir gerade Mitglied sind? Wie wenden wir sie an auf die zugegebenermaßen komplexere kirchliche Landschaft von heute? Doch auch dafür muss man kein Diplomtheologe (oder Master-Theologe, wie man heute sagt) sein!

Diese Merkmale sind hilfreiche »diagnostische Mittel«, um zu beantworten: Wann soll ich bleiben und wann soll ich gehen?

Angesichts des in der EKD schon lange offensichtlichen Ausverkaufs des schlichten Evangeliums, wie es in der Reformation (in Rückbesinnung auf die Alte Kirche und auf die Bibel selbst) wiederentdeckt wurde, fragt man sich manchmal, wo der Massenexodus wahrer Christen geblieben ist, die diese nicht mehr als Kirche tolerieren wollen und können – eben weil das erste Merkmal jeder wahren Kirche Jesu Christi nicht mehr erfüllt wird: die reine Predigt des Evangeliums! Entweder ich habe diesen Exodus verpasst oder er hat so richtig nie stattgefunden, weil die Mitglieder vorher betäubt worden sind durch schöne, gefällig, unanstößige Worte.

Doch nicht nur die EKD, längst kann man sich nicht einmal mehr in so genannten »bibeltreuen« Gemeinden und (Frei-)Kirchen darauf verlassen, Woche für Woche das eine, reine Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen durch Gnade allein durch den Glauben allein zu hören. Es sind doch eher »Zufallstreffer«!

Und so stellt sich für den einzelnen Christen die Gewissensfrage: Wie lange kann und darf ich das Gott und meinem Gewissen gegenüber mitmachen?

Die schon angesprochenen Merkmale geben uns den Rahmen vor:

  • wenn in der Gemeinde, in die ich Woche für Woche gehe und wo ich Mitglied bin, nur ab und zu das Evangelium (das heißt das, was Jesus Christus objektiv und tatsächlich in der Geschichte zur Erlösung der Seinen getan hat) gepredigt wird…
  • wenn in meiner Gemeinde überhaupt nur ab und zu wirklich direkt und unmittelbar aus dem Text der Heiligen Schrift (und nicht aus dem »Erfahrungsschatz« sowie den »Erlebnissen« des Pastors) gepredigt wird…
  • wenn die Bibel, die gepredigt wird, nicht mehr als das wahre, unfehlbare, irrtumslose, ewige Wort des lebendigen Gottes behandelt wird (sondern als ein Buch mit Fehlern, die der Zeit entspringen oder gar ein »menschliches allzumenschliches« Dokument)…
  • wenn ein »Evangelium« gepredigt wird, das nicht das des Galaterbriefs ist (vgl. Gal 1,7-9), sondern eins, in dem auch unsere Taten und Werke eine Rolle spielen…
  • wenn damit Gesetz & Evangelium nicht klar geschieden, sondern immer wieder vermengt werden…
  • wenn Rechtfertigung & Heiligung nicht klar geschieden, sondern immer wieder vermengt werden, so dass der »kleine Mann« in der Gemeinde nicht mehr weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt…
  • wenn die zwei biblischen und von unserm Herrn Jesus Christus eingesetzten Sakramente keine zentrale Rolle als »sichtbares Evangelium« mehr spielen…
  • wenn die Sakramente zu Automatismen werden (getauft=gerettet; Brot gegessen und Wein getrunken=wirklich den Leib Christi gegessen) (2Tim 3,5)…
  • wenn die Sakramente ihres Sinns entleert und bloße kollektive »Erinnerungsakte« oder sogar menschlich-gesetzliche »Gehorsamsakte« werden…
  • wenn die Pastoren und Ältesten Sünde, insbesondere »öffentliche Sünde« bei sich und bei den Gemeindegliedern nicht mehr Ernst nehmen (1Kor 5,1-7; 1Kor 5,9-11); so Ernst, dass Konsequenzen der heilsamen Kirchenzucht daraus gezogen werden (Röm 16,17)…

…dann ist es an der Zeit, dass wir uns ehrlich und aufrichtig vor Gott die Gewissensfrage stellen. Wir müssen Gott mehr gehorchen als Menschen (Apg 5,29)! Wenn das Gesagte unsere Kirche beschreibt, dann ist es an der Zeit zu gehen. Auch wenn damit Beziehungen zerbrechen und Enttäuschungen vorprogrammiert sind! Auch wenn dann die – in Deutschland sehr schwierige – Suche nach Alternativen erst losgeht!

Die Kirche (und unsere Mitgliedschaft als Glieder des Leibes Christi) ist zu wichtig, als dass wir mit faulen Kompromissen leben könnten!

Ähnliche Beiträge:

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Kirche, Mitgliedschaft, Reformierte Theologie. Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.