Blog

Was ist das Evangelium? Und gibt es eine Kurzfassung?

Alle Probleme dieser Welt finden ihre Lösung und Antwort in einer historischen und geistlichen Tatsache – der Tatsache des Evangeliums.

Alle Missstände der Kirchen weltweit finden ihre Lösung in bzw. sind ein Missverständnis von dieser einen Tatsache – der Tatsache des Evangeliums.

Das Evangelium ist die wichtigste Tatsache, was den Menschen angeht. Alles in diesem Universum und in dieser Geschichte entscheidet sich daran, wie es sich zur Mitte der Geschichte und zur Mitte des Universums verhält – dem Evangelium von Jesus Christus.

Wenn dem so ist, und daran lässt die Bibel keinen Zweifel, dann kann es nichts wichtigeres geben als dass wir immer wieder für uns und für andere darüber Rechenschaft ablegen, was das Evangelium denn ist. Denn nur von einem recht verstandenen Evangelium stimmen all die weitreichenden Aussagen zu Beginn dieses Artikels.

Deshalb will ich heute die Frage beantworten: was ist eigentlich das Evangelium?

Natürlich gibt es hier nicht nur eine richtige Antwort. Viele unterschiedliche Phrasierungen sind denkbar. Und doch gibt es auch viele falsche Antworten. Es gibt also so etwas wie einen Kanon – Elemente, die unbedingt hineingehören in eine Definition des Evangeliums und andere, die darin nichts zu suchen haben. Ein Christ ist nicht frei, nach seinem Geschmack oder seiner persönlichen Erfahrung das Evangelium nach Belieben zu beschreiben.

So ist zum Beispiel eine weit verbreitete Kurzform des Evangeliums, nämlich “Jesus liebt dich!”, nicht das Evangelium, da hier das entscheidende Element der Sünde fehlt. Und eine Beschreibung des Evangeliums, die nicht beschreibt, wovon wir gerettet werden müssen, ist kein Evangelium.

Reformierte Christen stehen in der Aufgabe einer Definition von “Evangelium” in einer besonderen Versuchung. Traditionell verstehen Reformierte das Evangelium als nichts weniger als den ganzen Ratschluss Gottes (Apg 20,27). Es kann nicht angehen, sagen reformierte Theologen, dass wir die Botschaft der Bibel, die uns ja als ganze (!) gegeben wurde und in ihrer Ganzheit “nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit” ist und uns “unterweisen kann zur Seligkeit” (2Tim 3,15-16), beschränken auf das, was uns menschlich als unverzichtbar erscheint. Gott definiert, was für unsere Rettung unverzichtbar ist, nicht wir! In diesem Sinne ist die ganze Offenbarung, der ganze Ratschluss Gottes, unverzichtbar und nicht reduzierbar auf vier geistliche Gesetze oder fünf goldene Regeln oder gar eine flotte Skizze.

Die Versuchung der reformierten Christen ist jedoch – bei aller berechtigter Betonung auf die Notwendigkeit der ganzen Schrift (nicht nur sola scriptura, sondern tota scriptura!) – jedes Mal auf die Frage “Was ist das Evangelium?” mit einer systematischen Theologie vom Umfang Johannes Calvins »Institutio« oder Louis Berkhofs »Dogmatik« zu antworten. Das kann ja nun auch nicht sein, sollen wir doch “allezeit bereit [sein] zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist” (1Pet 3,15). Und dazu sind eben manchmal nur einige Minuten Zeit.

Ist es nun völlig unmöglich – für einen Reformierten – in wenigen Minuten oder Sätzen eine angemessene, »bibeltreue« Präsentation des Evangeliums zu unternehmen?

Natürlich nicht. Die reformierte Theologie in ihrer besten und reifsten Form hat uns einige der wunderbarsten Kurzfassungen des Evangeliums geliefert.

Nehmen wir etwa den Heidelberger Katechismus von 1563. Natürlich ist es die Absicht des ganzen Katechismus mit seinen 129 Fragen, den Inhalt des Evangeliums zu entfalten, vor allem im zweiten Teil (”Von des Menschen Erlösung”). Und doch erkennt man beim Lesen sofort, dasss die beiden ersten Fragen so etwas wie eine schlichte Zusammenfassung des Evangeliums sind. In Frage 1 lesen wir:

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt desTeufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.

Hierin verborgen sind die Lehren von der Schöpfung, dem stellvertretenden Sühneopfertod Jesu, der Erlösung, der Bewahrung, der Vorsehung, der Glaubensgewissheit und der Heiligung.

Nun ist es eine Frage, die unter Reformierten diskutiert wird, inwiefern etwa die Gewissheit des Glaubens zum Kanon oder Kern des Evangeliums gehört. Auch die Lehre von der Vorsehung ist u.U. nicht unverzichtbar. Doch es bleibt dabei: wir haben hier eine kurze und prägnante, vor allem aber warmherzige Präsentation des Evangeliums wiederfinden.

Frage 2 des Katechismus fasst noch einmal zusammen, was man im Evangelium wissen und glauben muss, um selig werden zu können:

Was musst du wissen, damit du in diesem Trost selig leben und sterben kannst?

Drei Dinge: Erstens: Wie groß meine Sünde und Elend ist. Zweitens: Wie ich von allen meinen Sünden und Elend erlöst werde. Drittens: Wie ich Gott für solche Erlösung soll dankbar sein.

Drei Dinge also! Ich muss mich als Sünder wissen und glauben; ich muss an die in und durch Christus geschehene Erlösung glauben; und drittens soll ich dafür dankbar sein. Letzteres ist auch hier klassisch eher der Bereich der Heiligung, also der Folge des Evangeliums und nicht seiner Substanz. Doch nach reformiertem Verständnis gehört eben die Heiligung auch in den Bereich des Evangeliums und nicht des Gesetzes.

Nun aber zu meiner Beschreibung des Evangeliums. Ich denke, die kürzeste Fassung, mit der ich mehr als zufrieden wäre, ist folgende biblische Beschreibung:

Das Evangelium ist das Wort vom Kreuz (1Kor 1,18), von Christi Stellvertretung, sowie die Macht Gottes zur Rettung für jeden Sünder, der glaubt (Röm 1,16).

Etwas mehr entfaltet hieße dies:

Das Evangelium ist die gute Nachricht von Gottes mächtigem Eingreifen in der Person Jesu Christi, der gemäß dem ewigen Ratschluss der Dreieinigkeit willig menschliches Wesen annahm (Fleischwerdung) und dem Gesetz Gottes aktiv gehorsam wurde sowie den Leidensweg bis zum Tod am Kreuz gehorsam ertrug. In seinem Gehorsam erfüllte er die Forderungen des Gesetzes Gottes für sich und stellvertretend für alle Erwählten; in seinem leidenden Gehorsam erlitt er den Fluch des von Adam und der gesamten Menschheit im Sündenfall gebrochenen Bundes und Gesetzes Gottes ebenso stellvertretend für alle Erwählten. Dieser Christus wurde nach seinem Tode auferweckt zum Zeichen dafür, dass Gott mit diesem Opfer zufrieden war, wurde erhöht und ging in die Herrlichkeit ein, wo er nun zur Rechten des Vaters regiert und für sein Volk als Mittler und Priester eintritt. Gott der Vater spricht uns verderbten Sündern durch unsern Glauben in seiner Gnade die Gerechtigkeit Christi in der Rechtfertigung zu und macht uns so zu seinen Kindern. Und so gibt es keine Verdammnis mehr für uns, sondern es erwartet uns eine ewige Herrlichkeit bei Gott.

Ist das nicht eine wunderbare Botschaft?

Ähnliche Beiträge:

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Evangelium, Heidelberger Katechismus. Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.