Blog

Was sind Sakramente?

Zur Definition eines Sakraments

Der Heidelberger Katechismus, dem sicherlich niemand ernsthaft unterstellen würde, dass er mit römisch-katholischen Ansichten liebäugele, beschreibt die Sakramente folgendermaßen:

Frage 66: Was sind Sakramente?

Es sind sichtbare heilige Wahrzeichen und Siegel. Gott hat sie eingesetzt, um uns durch ihren Gebrauch den Zuspruch des Evangeliums besser verständlich zu machen und zu versiegeln: dass er uns auf Grund des einmaligen Opfers Christi, am Kreuz vollbracht, Vergebung der Sünden und ewiges Leben aus Gnade schenkt.

Unser Glaubensbekenntnis greift dieselbe Sprache vom »Zeichen und Siegel« in Artikel 33 auf:

Denn es sind die Sakramente Zeichen und sichtbare Sinnbilder innerlicher und unsichtbarer Dinge, durch welche, wie durch Werkzeuge, Gott selbst durch die Kraft des Heiligen Geistes in uns wirkt.

Nach der Definition des Genfer Reformators Johannes Calvin ist ein Sakrament

[...]ein äußeres Merkzeichen (symbolum), mit dem der Herr unserem Gewissen die Verheißungen seiner Freundlichkeit gegen uns versiegelt, um der Schwachheit unseres Glaubens eine Stütze zu bieten, und mit dem wiederum wir unsere Frömmigkeit gegen ihn sowohl vor seinem und der Engel Angesicht als auch vor den Menschen bezeugen. (Institutio IV,14,1)

Hier wird Sinn und Bedeutung der Sakramente deutlich. Die Frage stells sich ja: Wieso brauchen wir überhaupt Sakramente, wenn wir doch im Glauben schon Anteil haben können an den Realitäten, für die sie stehen? Wenn das verkündigte Wort des Evangeliums, das wir im Glauben annehmen, uns schon jeden erdenklichen geistlichen Segen schenkt, wieso dann überhaupt noch Sakramente? - Dies war das Denken des radikalen Flügels der Reformation, weswegen manche die Sakramente rundweg ablehnten und es auch heute noch tun.

Wozu Sakramente?

Zwei Gründe nennt Calvin: erstens, »um der Schwachheit unseres Glaubens«. Weil wir allemal Sünder sind und bleiben, bis wir aus dieser Welt scheiden und in die sündlose Herrlichkeit eingehen, und weil wir immer wieder zweifeln an den Zusagen Gottes, deshalb brauchen wir in dieser Zwischenzeit »eine Stütze«; Dinge, die nicht nur dem Intellekt einleuchten, sondern uns auch auf anderem Wege die Verheißungen Gottes vor Augen (!) führen; zweitens, damit wir durch sie »unsere Frömmigkeit gegen ihn sowohl vor seinem und der Engel Angesicht als auch vor den Menschen bezeugen«. Die Sakramente haben also durchaus den Charakter eines menschlichen Bekenntnisses. Wir bezeugen durch sie auch unseren Glauben. Doch dies ist erst der zweite Schritt. Der Hauptblickpunkt der Sakramente liegt auf dem Handeln Gottes, nicht auf der menschlichen Reaktion darauf.

Leider wird diese Reihenfolge von unseren baptistischen Geschwistern oft umgekehrt und der Schwerpunkt wird auf den menschlichen Akt gelegt — teilweise mit verheerenden Folgen für das Verständnis des Sakraments und des ganzen Evangeliums.

Die Sakramente entsprechen voll und ganz dem gnädigen Charakter des Evangeliums. Ja, sie haben denselben Inhalt, wie wir schon gesehen haben, wie das verkündigte Evangelium selbst: Jesus Christus und sein Opfer am Kreuz für Sünder!

So sagt es der Katechismus weiter:

Frage 67: Sollen denn beide, Wort und Sakrament, unseren Glauben auf das Opfer Jesu Christi am Kreuz als den einzigen Grund unserer Seligkeit hinweisen?

Ja; denn der Heilige Geist lehrt im Evangelium und bestätigt durch die heiligen Sakramente, dass unsere ganze Seligkeit gegründet ist auf das einmalige Opfer Christi, das für uns am Kreuz geschah.

Genau genommen braucht Gott keine Sakramente! Auch das Evangelium braucht sie nicht, dann die Sakramente sagen ja nichts aus, was nicht ohnehin schon im Evangelium enthalten wäre. Doch »um der Schwachheit unseres Glaubens« (Calvin) brauchen wir »Bestätigung« durch diese gewöhnlichen Elemente (Wasser, Brot, Wein), die der Heilige Geist »heiligt« zu einem besonderen, geistlichen, sakramentalen Gebrauch.

Der Heilige Geist erzeugt Glauben in uns durch das Wort Gottes. Und doch können die Zusagen des Evangeliums unter Umständen abstrakt und unpersönlich bleiben, weil wir schwach sind und unser Glaube klein ist. Die Sakramente aber sind für uns ganz persönlich. Das Wasser läuft über unsere Haare und unseren Kopf. Das Brot wird uns persönlich gegeben, der Wein erzeugt in unserem Mund einen unverwechselbaren Geschmack. In den Sakramenten gibt es keinen Zweifel — wir sind gemeint!

Sakramente als Gnadenmittel

Die Sakramente sind Gnadenmittel. Die Bekenntnisschriften reden oft von Gnadenmitteln. Was ist aber ein Gnadenmittel? Es ist ein äußerliches, gewöhnliches Zeichen oder Mittel, das Gott selbst eingesetzt hat und durch das er verheißen hat, auf besondere Weise zu wirken. Nach dieser Definition ist wichtig, dass ein Gnadenmittel keine menschliche Erfindung ist, sondern eine göttliche. Damit ist aber auch klar gemacht, dass die Mittel an und für sich keine Wirkung haben, d. h. nicht automatisch irgend einen Effekt (z. B.geistliches Wachstum) erzielen. Es hängt alles an der Verheißung Gottes, die von ihm selbst eingesetzten Mittel zu segnen und wirksam zu machen.

Ein weiterer reformatorischer Katechismus beschreibt dies folgendermaßen:

Welches sind die äusseren Mittel, wodurch Christus uns die Wohltaten seiner Mittlerschaft mitteilt?

Antwort: Die äusseren und gewöhnlichen Mittel, wodurch Christus seiner Kirche die Wohltaten seiner Mittlerschaft mitteilt, sind alle seine Ordnungen, insbesondere das Wort, die Sakramente und das Gebet, welche alle bei den Auserwählten wirksam werden zu ihrer Seligkeit (Großer Westminster-Katechismus, Frage 154).

An die —menschliche— Verkündigung des Wortes Gottes, an die Taufe mit gewöhnlichem Wasser sowie das Abendmahl mit gewöhnlichem Brot und Wein hat Gott kräftige Versprechen geknüpft. Diese Tatsache leuchtet nicht allen Christen ein. Es hat schon immer Christen gegeben, die der Meinung ware, es wäre unter Gottes Würde, sich mit seinen Verheißungen an solch gewöhnliche Elemente zu binden. Zur Zeit der Reformation waren es die so genannten »Schwärmer« oder »Spiritualisten« (vor allem Thomas Müntzer, Andreas Bodenstein, Sebastian Franck und Kaspar Schwenckfeld sind hier zu nennen), die den evangelischen Glauben so »vergeistlichten«, dass im Grunde kein Nutzen und kein Platz für die Sakramente mehr blieb.

Die Beschreibung der Sakramente als Gnadenmittel macht zweierlei deutlich. Erstens, die wichtige Tatsache, dass der Heilige Geist im Allgemeinen »mittelbar«, d.h. durch Mittel wirkt und nicht direkt. Zweitens macht dies deutlich, dass die Sakramente nicht aus sich selbst heraus Gnade spenden oder bewirken. Für die römisch-katholische Kirche sind die Sakramente Kanäle, durch die uns die göttliche Gnade geradezu eingeflößt wird. Dagegen müssen wir sagen, dass der Heilige Geist nicht gebunden ist an die Sakramente, dass er in seiner Souveränität auch ohne sie handeln kann, dass er sich aber in der Schrift zu einem gewissen Grade selbst an sie gebunden hat. Er gebraucht sie und segnet sie. Trotz aller Souveränität des Wirkens Gottes, die wir gerne bekennen, brauchen wir nicht skeptisch zu sein.

Wenn Gott zusagt, dass wir durch den »Kelch des Segens« und durch das »Brot, das wir brechen« Gemeinschaft mit dem Leib des Christus haben (vgl. 1. Kor 10,16-17); wenn Gott zusagt, dass wir durch die Taufe Anteil haben an der »Beschneidung Christi« (vgl. Kol. 2,11-12); wenn er zusagt, dass wir durch die Taufe — richtig empfangen! — Vergebung der Sünden und die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, dann dürfen wir sicher sein, dass er keine Gedankenspielchen mit uns spielt, sondern wir dürfen ihn glaubensvoll beim Wort nehmen.

Der Geist weht, wo und wann er will (vgl. Joh. 3,8), doch wenn er durch die Gnadenmittel der Predigt, der Taufe und des Abendmahls wehen und wirken will, wie er es verheißen hat, wer sind wir, dass wir skeptisch bleiben und zweifeln? Was kann es Besseres geben, als sichtbare Zeichen, als »Gnadenmittel« zu haben, durch die wir Gott und seine Verheißungen glaubensvoll beim Wort nehmen können?

All dies ist gemeint, wenn wir nach reformierten Verständnis von »Sakramenten« und »Gnadenmitteln« reden.

Ähnliche Beiträge:

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Reformierte Theologie, Sakramente. Lesezeichen dauerhaft abspeichern.

Comments are closed.