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»Wer sind meine Geschwister?« – Eine Meditation über einen Gedanken von Calvin

Der Genfer Reformator Johannes Calvin – einer, der wohl kaum in der Gefahr stand, blind die römisch-katholische Sicht der Kirche als autonome Heilsanstalt aufzunehmen – verlegt das christliche Leben andererseits auch nicht, wie manche vielleicht erwarten würden, ganz in unser innerliches Befinden hinein.

Vielmehr beschäftigt sich Johannes Calvin im weitaus längsten, letzten Teil seiner Glaubenslehre (Institutio) besonders mit der sichtbaren Erscheinungsform der Kirche Jesu Christi. Er sagt darin, dass die Kirche kein Luxus für den Glaubenden ist, sondern dass sie Notwendigkeit ist, denn

in ihrem Schoß sollen nach Gottes Willen seine Kinder versammelt werden, und zwar nicht nur, damit sie durch ihre Mühe und ihren Dienst genährt werden, solange sie Unmündige und Kinder sind, sondern auch, damit sie durch ihre mütterliche Fürsorge regiert werden, bis sie herangewachsen sind und endlich zum Ziel des Glaubens hindurchdrängen (IV,1,1);

…es gibt für uns keinen anderen Weg ins Leben hinein, als daß sie uns in ihrem Schoße empfängt, uns gebiert, an ihrer Brust nährt und schließlich unter ihrer Hut und Leitung in Schutz nimmt, bis wir das sterbliche Fleisch von uns gelegt haben und den Engeln gleich sein werden (IV,1,4)

Es reicht aber, so Calvin, nicht aus, dass wir nach dem dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses »die Kirche«, »Gemeinschaft der Heiligen« »glauben«; es ist auch für unser christliches Leben unerlässlich, dass wir wissen, wer unsere Geschwister im Glauben sind und wer nicht.

Mit der wahren Kirche Jesu sollen, ja müssen wir uns verbinden, mit den wahren Geschwistern. Aber von falschen Kirchen, in denen nicht Jesus Christus durch sein Wort regiert, müssen wir uns fernhalten – und entsprechend dazu auch von Heuchlern, die zwar in der Kirche sind, aber nicht den wahren Glauben an den Herrn Jesus Christus bekennen.

Deshalb hat uns der Herr diese Kirche, sofern es für uns nötig war, sie zu erkennen, durch bestimmte Kennzeichen und gleichsam durch Merkzeichen (symbola) wahrnehmbar gemacht.

Wichtig ist hier jedoch für uns, dass wir erkennen, dass Calvin nicht den Fehler der Wiedertäufer begangen hat. Es ging ihm nicht darum zu behaupten, wir könnten denen, die sich Christen nennen, ins Herz schauen und zu einem unfehlbaren Urteil über den Zustand oder die Echtheit ihres Glaubens kommen.

Es ist zwar ein besonderes Vorrecht, das sich Gott selber vorbehalten hat, zu erkennen, wer die Seinigen sind; das haben wir schon oben aus Paulus angeführt (2. Tim. 2,19). Es ist auch unzweifelhaft Vorsorge dagegen getroffen, dass sich der Vorwitz der Menschen so weit treiben läßt, und zwar dadurch, daß Gott uns tagtäglich durch die Geschehnisse selber darauf aufmerksam macht, wie weit seine verborgenen Gerichte über unser Begreifen hinausgehen. Denn einerseits werden Menschen, die völlig verloren erschienen und deretwegen man sich keinerlei Hoffnung mehr machen konnte, durch seine Güte wieder auf den rechten Weg zurückgerufen, und andererseits kommen oft Leute zu Fall, die mehr als andere festzustehen schienen! Deshalb sind, wie Augustin sagt, nach Gottes verborgener Vorbestimmung »gar viele Schafe draußen und gar viele Wölfe drinnen«. Denn die Menschen, die weder ihn noch sich selber kennen, die kennt er und hat er mit seinem Zeichen versehen. Und aus der Zahl derer, die öffentlich sein Zeichen tragen, schauen allein seine Augen die, die ohne Heuchelei heilig sind und die – was schließlich das Hauptstück unseres Heils ist! – bis zum Ende beharren werden.

Wir können den Menschen rechts und links von uns in der Kirchenbank nicht ins Herz sehen. Sollten wir dann ihr Christsein zunächst immer erst einmal anzweifeln? Nein, sagt Calvin. Zunächst gilt das »Urteil der Liebe«:

Aber weil er auf der anderen Seite vorhergesehen hat, dass es uns einigermaßen nützlich ist zu wissen, welche Menschen wir denn für seine Kinder halten sollen, darum hat er sich in diesem Stück unserem Fassungsvermögen angepaßt. Und da die Gewissheit des Glaubens hierzu nicht erforderlich war, so hat er an deren Stelle gewissermaßen das Urteil der Liebe gesetzt; danach sollen wir die Menschen als Glieder der Kirche erkennen, die durch das Bekenntnis des Glaubens, durch das Beispiel ihres Lebens und durch die Teilnahme an den Sakramenten mit uns den gleichen Gott und Christus bekennen. (IV,1,8)

Das ist hilfreich! Es ist nicht unsere Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen, das Unkraut vom fruchtbaren Getreide. Der Herr kennt die Seinen! Wir dürfen und sollen denen unsere brüderliche Liebe entgegenbringen, die sich durch drei Dinge als unsere Geschwister ausweisen – dadurch, dass sie dasselbe Glaubensbekenntnis zu und über den Herrn Jesus ablegen wie wir; dadurch, dass ihr Lebenswandel diesem Bekenntnis entspricht; und schließlich daruch, dass sie durch ihre Teilnahme an den Sakramenten »mit uns den gleichen Gott und Christus bekennen.« Ein »Urteil der Liebe«, nicht eine Erforschung der Herzen, gebietet das Evangelium uns. Gleichzeitig sollten wir da jedoch skeptisch sein, wo Menschen sich Christen nennen, von irgendeiner »Erfahrung mit Jesus« berichten, von Emotionen Jesus gegenüber, diese jedoch keinen Ausdruck findet im Bekenntnis.

Der Glaube manifestiert sich in einem greifbaren Glaubensbekenntnis, findet Ausdruck in einem Leben, das dem entspricht und führt zur Gemeinschaft der Gemeinde Jesu bei und in den Sakramenten. Das ist nicht die Idee Calvins, sondern die Gestalt der Kirche wie wir sie in der Heiligen Schrift finden.

 

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