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»Wer soll zum Tisch des Herrn kommen?« (Frage 81 & 82 des Heidelberger Katechismus)

AbendmahlstischEinleitung: Zur Bedeutung dieser Frage

Ich hoffe, eine Konsequenz unserer Beschäftigung mit den Fragen zu den Sakramenten ist, dass wir sie hoch schätzen. Wir können sie kaum überschätzen! Warum? Immerhin sind die Taufe und das Herrnmahl (Abendmahl) Teil der drei Merkmale der Kirche.

Wo wird die Kirche als christliche Kirche sichtbar, erkennbar? Da wo sie Jesus Christus, ihren Herrn, anbetet – wo sie auf sein Wort hört, wo die Kinder und Neubekehrten getauft werden, wo die Gemeinde zum Herrnmahl zusammenkommt und all das „anständig und ordentlich“ (1Kor 14,40) zugeht, das heißt mit Zucht und Ordnung. Kirche ist nicht in erster Linie sichtbare Kirche durch Mitgliederlisten; auch nicht durch den Gottesdienstbesuch, denn da sind Mitglieder und Gäste, Gläubige und Ungläubige gemischt, was auch gut so ist!

Nein, die Kirche wird sichtbar in der Taufe und am Tisch des Herrn. Da ist die Gemeinde sichtbar wie sonst nirgendwo.

Deshalb können wir sagen: bei Taufe und Herrnmahl wird die Zugehörigkeit zur Kirche sichtbar – aber auch die Grenzen der Zugehörigkeit zur Kirche. Wollte man das negativ ausdrücken, könnten wir sagen: Ausschluss aus der Gemeinde ja nicht Rauswurf aus dem Gottesdienst, sondern Ausschluss von den Sakramenten, besonders aber vom Abendmahl.

Deshalb kommt es übrigens auch nicht von ungefähr, dass v.a. die Fragen zum Herrnmahl nahtlos übergehen in und überlappen mit den Fragen der Kirchenzucht (dem „Amt der Schlüssel“, wie die Bibel und unser Heidelberger Katechismus es nennt).

Noch eine Vorbemerkung: Die Frage der Zulassung zum Abendmahl, die uns heute beschäftigt („Wer soll kommen?“) ist nicht einfach eine praktische oder gar pragmatische Frage, sondern ist wie wir sehen werden eine Frage, die uns die Bibel selber aufgibt, die sie selbst stellt. Und wer sind wir, wenn Gott geredet hat, zu sagen, das sei nicht wichtig, oder das sei zu negativ und habe mit dem Evangelium ohnehin nichts zu tun? Wenn es um die Zulassung zum Herrnmahl geht, dann geht es nicht darum, einen elitären Club derer zu gründen, die „zugelassen“ sind, sondern die Bibel selbst warnt, wenn es ums Herrnmahl geht, dass nur bestimmte Menschen teilnehmen dürfen. So wie es der Heidelberger Katechismus zitiert, aus 1Kor 11: „Wer also unwürdig dieses Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, der ist schuldig am Leib und Blut des Herrn.“

Der Heidelberger Katechismus geht diese Frage zuerst wird positiv an (Fr. 81), dann „negativ“ (Fr. 82) – beides ist notwendig! Schon allein in dieser Struktur sehen wir den Unterschied zur Taufe, wo die negativen Formulierungen, die Warnungen (fast) völlig fehlen. Das Herrnmahl ist anders: da wird gewarnt vor vorschneller Teilnahme, vor einer Teilnahme der Falschen.

Weil dies so wichtige Fragen sind – die Frage nach der Teilnahme am Herrnmahl – wollen wir uns zwei Wochen lang, in zwei Teilen damit beschäftigen. Heute Teil 1, über die Qualifikation oder Anforderung, sowohl positiv („wer soll?“) als auch negativ („wer nicht?“), mit Schwerpunkt auf die Erwachsenen, d.h. Mitglieder und Gäste. Nächste Woche, in Teil 2, wollen wir uns ganz der Frage widmen: Was ist mit den Kindern? Sollen sie teilnehmen? Dürfen sie das? Immer mehr Kirchen praktizieren die so genannte Kinderkommunion, wo entweder schon Babies direkt nach ihrer Taufe, oder aber Kleinkinder mit an den Tisch kommen und teilnehmen. Nur eine verschwindend kleine Minderheit von reformierten Kirchen praktiziert das auch so. Doch insgesamt scheint es ein wachsender Trend hier und da zu sein.

Zur ersten Frage:

Frage 81 – Anforderungen an die Teilnehmer

Diese Frage gliedert sich in zwei Teile: zuerst „alle, die…“, dann „aber auch“. Wer soll kommen? Was zeichnet diese Leute aus? Was wird hier von uns gefordert? Zwei Dinge:

„Alle, die sich selbst um ihrer Sünde willen missfallen, die jedoch darauf vertrauen, dass Gott sie ihnen vergeben hat und dass auch die verbleibende Schwachheit mit dem Leiden und Sterben Christi zugedeckt ist… die aber auch begehren, ihren Glauben immer mehr zu stärken und ihr Leben zu bessern.“

Einfach ausgedrückt und zusammengefasst: alle, die sich erstens ihrer Rechtfertigung gewiss sind, d.h. ihrer Sündhaftigkeit und ihrer Sündenvergebung, und die zweitens ein Leben der Heiligung leben.

Ein kurzer Rückblick: wir erinnern uns an die Bedeutung des Herrnmahls. Die praktischen Fragen der Teilnahme und Zulassung zum Herrnmahl lassen sich nicht abkoppeln von der Bedeutung des Herrnmahls. Was waren die zwei Aspekte der Bedeutung des Herrnmahls, die unser Katechismus betont?

In Frage 75 und 76 werden jeweils zwei Aspekte genannt. In Frage 75 ist die Rede davon, dass „sein Leib … für mich am Kreuz geopfert und gebrochen und sein Blut für mich vergossen ist“, zweitens aber „dass er selbst meine Seele mit seinem gekreuzigten Leib und vergossenen Blut … zum ewigen Leben speist und tränkt“. Erstens und zweitens! Beides gehört zusammen. Noch deutlicher in Frage 76:

Frage 75: Was heißt, den gekreuzigten Leib Christi essen und sein vergossenes Blut trinken?

Es heißt nicht allein, mit gläubigem Herzen das ganze Leiden und Sterben Christi annehmen und dadurch Vergebung der Sünde und ewiges Leben empfangen, sondern auch, durch den Heiligen Geist, der zugleich in Christus und in uns wohnt, mit seinem verherrlichten Leib mehr und mehr vereinigt werden…“ Es geht also auch um die Veränderung, um ein geheiligtes Leben. Das christliche Leben besteht aus beiden Aspekten. Und beide sind deshalb auch notwendig, wenn jemand an den Tisch des Herrn will.

Das erste ist die Grundlage für das zweite: Wenn ich glaube, dass ich ein Sünder bin, der unbedingt Vergebung braucht; wenn ich mir deshalb „missfalle“, als Sünder – das ist die richtige, notwendige Diagnose! Dazu muss dann das Evangelium kommen: Ich muss auch wissen und glauben, dass Gott mir all diese Sünden vergeben hat. Und wie er das getan hat. Nämlich nicht irgendwie, sondern konkret, in und durch Christus, durch sein Leben und Sterben an meiner Stelle. Ich muss glauben, dass meine Sünden vergeben sind, auch die, die noch in mir bleiben.

Aber auch das reicht noch nicht. Nicht nur Sündenerkenntnis und Bewusstsein der Vergebung sind nötig. Nicht nur Rechtfertigung, sondern auch Heiligung. Es ist auch notwendig, dass wir „begehren, unseren Glauben immer mehr zu stärken und unser Leben zu bessern.“

Es geht übrigens hier nicht um Perfektionismus. Das reformatorische Verständnis steht im Gegenzug zum täuferischen und pietistischen Denken. Im Pietismus finden sich oftmals stark perfektionistische Züge, gerade wenn es um das Herrnmahl geht. Solange man irgendwo noch eine Sünde bei sich selbst vorfindet, geht man lieber nicht zum Tisch des Herrn. Das ist nicht eine besonders ernste Sicht von Sünde, sondern in Wirklichkeit eine sehr oberflächliche. Wir sind niemals ohne Sünde, nicht in diesem Leben. Sündlosigkeit kann und soll also nicht der Maßstab sein, wenn es darum geht, „unser Leben zu bessern“. Es geht nicht um Vollkommenheit in der Heiligung! Da ist die wunderbare Frage 114 des Katechismus so realistisch, wo wir bekennen:

„Es kommen auch die frömmsten Menschen in diesem Leben über einen geringen Anfang dieses Gehorsams nicht hinaus. Wohl aber beginnen sie mit fester Absicht nicht nur nach einigen, sondern nach allen Geboten Gottes zu leben.“

All das fasst der Heidelberger Katechismus noch einmal zusammen mit dem Satz: „Wer aber unbußfertig und heuchlerisch zum Abendmahl kommt, isst und trinkt sich selbst zum Gericht.“ Rechtfertigung ohne den Wunsch und die Bereitschaft zu einem heiligen Leben, ist nichts anderes als Heuchelei.

Vor zwei falschen Haltungen wir hier gewarnt: „Wer unbußfertig und heuchlerisch zum Abendmahl kommt…“

Was bedeutet es, unbußfertig zu sein? Unbußfertig ist jemand, der seine Sünden nicht bekennt, sich selbst nicht „missfällt“, der nicht reagiert, wenn er ermahnt wird, wegen seiner Sünde, wenn er sich verfehlt in Lehre und Leben.

Es gibt hier eine sehr interessante Entsprechung dieser Frage 81 zu den Fragen 89 und 90, wo es um Leben in Heiligung geht:

Frage 88: Worin besteht die wahrhaftige Buße oder Bekehrung des Menschen?

Im Absterben des alten Menschen und im Auferstehen des neuen Menschen.

Frage 89: Was heißt Absterben des alten Menschen?

Sich die Sünde von Herzen leid sein lassen und sie je länger je mehr hassen und fliehen.

Frage 90: Was heißt Auferstehen des neuen Menschen?

Herzliche Freude in Gott durch Christus haben und Lust und Liebe, nach dem Willen Gottes in allen guten Werken zu leben.“

Wir dürfen also nicht unbußfertig sein, wenn wir an den Tisch des Herrn treten, indem wir durch unser unheiliges Leben beweisen, dass wir unsere Sünde nicht bereuen.

Und auch nicht heuchlerisch. Was bedeutet das? Ein Heuchler ist jemand, der eine Maske trägt, eine fromme Maske. Der keinen wahren Glauben hat, sondern nur durch sein Verhalten, dadurch, dass er sich in der Gemeinde tummelt, auch am Tisch des Herrn, fromm „erscheinen“ will.

Nur wessen Leben durch beides charakterisiert ist: durch das Absterben des alten Menschen einerseits und das Auferstehen des neuen Menschen andererseits, mit der freudigen Bereitschaft, aus Dankbarkeit nach dem Willen Gottes zu leben. Rechtfertigung und Heiligung. Nur der soll und darf zum Tisch des Herrn kommen.

In dieser doppelten Warnung, dieser Warnung vor zwei Fehlhaltungen, sehen wir auch wieder, wie wichtig diese Frage der Zulassung zum Herrnmahl ist. Paulus warnt uns hier nicht davor, was wir möglicherweise alles verpassen, wenn wir nicht zum Herrnmahl kommen. Sondern er warnt vor einer voreiligen und ungeprüften Teilnahme. In Bezug auf das Herrnmahl betont Paulus immer wieder die Verantwortung, die wir haben, wenn wir teilnehmen wollen.

Wenn am Herrnmahl solche teilnehmen, die nicht die richtige, positive Haltung mit sich bringen, die in Fr. 81 vorausgesetzt wird – die nicht bußfertig sind; die nicht bereit sind, ihr Leben zu bessern; die also nicht gläubig sind – das führt nicht nur einfach zur „normalen“ Verdammnis derer, die nicht glauben. Das allein wäre ja schlimm genug! Nein, so eine Haltung führt sogar zu einem „extra Gericht“, einer umso schlimmeren Verdammnis. Der Apostel Paulus sagt: „Wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst ein Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet. Deshalb sind unter euch viele Schwache und Kranke, und eine beträchtliche Zahl sind entschlafen.“ (11,29-30) Umgekehrt sagt er: „Wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden.“ (11,31) Dann wäre ein zusätzliches Gericht nicht vonnöten.

So drückt es auch unser Abendmahlsformular aus:

„Jeden, der durch die Gnade des Heiligen Geistes seine Sünden bereut, der den wahren Glauben bekennt und nach allen Geboten Gottes zu leben trachtet, will Gott gewiss in Gnaden annehmen und am Tisch seines Sohnes Jesus Christus empfangen. Er darf gewiss sein, dass keine Sünde oder Schwachheit, die noch gegen seinen Willen in ihm bleibt, für Gott ein Hindernis ist, ihn anzunehmen.“

„Aber jedem, der seine Ungerechtigkeit nicht bereut und sich von seinen Sünden nicht abkehren will, verkündigen wir, dass er keinen Anteil am Reich Christi hat. Wir ermahnen ihn, sich vom Heiligen Abendmahl zu enthalten, denn sonst wird sein Urteil umso schwerer.“

Es geht also um eine Haltung der Bußfertigkeit: Erkenntnis der Sünde, Erkenntnis der Vergebung der Sünde im Evangelium und Bereitschaft zu einem neuen, geheiligten Leben.

 

Wir kommen zu drei konkreten und praktischen Anforderungen für die Teilnahme am Herrnmahl, die die Heilige Schrift nennt.

Anforderung 1: Selbstprüfung

Ob wir diese oben genannte Haltung (nicht „unbußfertig und heuchlerisch“) mit uns bringen, finden wir heraus, indem wir uns selbst prüfen. Das ist der erste klare biblische Befehl, wenn es um das Herrnmahl geht. Wie wir gehört haben von Paulus: es geht darum, dass wir „uns selbst richten“, damit wir nicht gerichtet werden. „Wer also unwürdig dieses Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, der ist schuldig am Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst“ (11,28)

Ich erlebe immer wieder, dass viel Verwirrung herrscht, wenn es um diese biblische Selbstprüfung geht. Wie funktioniert sie? Was ist der Maßstab, an dem wir uns messen sollen? Manche sagen: „Wann essen wir würdig? Sind wir jemals wirklich würdig?“ Und so verzweifeln sie und essen nie (oder fast nie) von dem Brot. Aber wir haben bereits gesehen, um Sündlosigkeit geht es gar nicht. Alles fängt an mit dem Eingeständnis unserer Sündhaftigkeit. Mit der Buße. Es geht nicht um ein Wühlen und Forschen, ob da irgendwo noch eine Sünde ist. Es geht auch nicht um die richtige emotionale Verfassung: ob wir uns „würdig“ fühlen; ob wir denken, meinen, spüren, heute seien wir würdig!

Die biblische Selbstprüfung besteht aus drei Dingen: den drei Dingen, die wir schon gehört haben:

  1. der Prüfung, ob wir unsere Sünde erkannt und (konkret) bekannt haben
  2. der Prüfung, ob wir Gottes Verheißungen kennen und glauben
  3. der Prüfung, ob wir wenigsten angefangen haben, ein Leben der Heiligung nach allen Geboten Gottes zu leben, aus Dankbarkeit.

Wenn wir das tun, dazu bereit sind, sind wir nicht „unbußfertig und nicht heuchlerisch“, sondern „würdig“, weil der Herr Jesus Christus uns würdig gemacht hat durch seine Einladung und durch seine Gerechtigkeit, die er uns im Glauben schenkt. So müssen wir das „würdig“ verstehen und nicht anders.

Anforderung 2: Erinnerung & Verkündigung

Aber sich selbst zu prüfen ist nicht die einzige biblische Anforderung, die wir finden im Zusammenhang mit den Einsetzung und Durchführung des Herrnmahls. Paulus nennt noch mindestens zwei weitere. Wir lesen in den Einsetzungsworten bei Paulus:

„Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe, nämlich dass der Herr Jesus in der Nacht, als er verraten wurde, Brot nahm, und dankte, es brach und sprach: Nehmt, esst! Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; dies tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch, nach dem Mahl, indem er sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; dies tut, so oft ihr ihn trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn so oft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1Kor 11,23-26)

Da sehen wir zweimal den Gedanken der Erinnerung („zu meinem Gedächtnis“) und dann den Gedanken der Verkündigung. Teilnahme am Tisch des Herrn ist also Erinnerung und Verkündigung. Wir haben bei der Beschäftigung mit dem Inhalt und der Bedeutung des Herrnmahls festgestellt, dass alles anfängt mit der Erinnerung daran, was Jesus Christus getan hat zum Heil der Menschheit. Und so sind wir aufgefordert, uns zu erinnern. Wie gesagt gibt es noch andere Aspekte beim Herrnmahl als nur das Erinnern. Das Herrnmahl ist mehr als ein Erinnerungsmahl. Aber nicht weniger!

Erinnern aber können wir uns nur an etwas, das wir auch gehört haben, verstanden haben, begriffen haben. Die Erinnerung, das „Gedächtnis“ setzt ein Verständnis der Lehre vom Abendmahl in ihren wesentlichen Grundzügen voraus, setzt voraus, dass wir ein Mindestmaß an Lehre gelehrt bekommen und angenommen haben. Man kann nicht würdig am Herrnmahl teilnehmen, wenn man sich nicht „erinnern“ kann, wenn man z.B. nur aus emotionalen Motiven am Herrnmahl teilnehmen will oder wenn man nur teilnehmen will, weil man denkt, das gehöre irgendwie dazu. Wenn wir einen Beleg dafür wollen, dass Lehre, dass ein Verständnis von biblischer Lehre nötig ist für das Herrnmahl – hier ist er! Wir müssen uns erinnern beim Herrnmahl! Und warum? Paulus sagt, weil das Herrnmahl eine „Verkündigung des Todes Christi“ ist: „so oft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“

Anforderung drei: Den Leib unterscheiden

Und noch eine weitere Anforderung will ich hier nennen, die Paulus nennt, nämlich „den Leib des Herrn zu unterscheiden“. 1Kor 11,29: „Wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst ein Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.“

Was bedeutet das? Auch hier gibt es viel Verwirrung, viel unklare Lehre. Mit „unterscheiden“ ist gemeint: verstehen wer, was oder wo der Leib Christi ist; unterscheiden können von dem, wo oder was der Leib Christi nicht ist!

Diese Anforderung ist zunächst doppeldeutig.

„Den Leib des Herrn unterscheiden“ könnte ersten bedeuten, den menschlichen, tatsächlichen, wahren Leib Christi zu begreifen, zu verstehen:

  • seine Gottheit, die Fleisch an sich genommen hat in der Fleischwerdung;
  • zu verstehen, was mit diesem Leib passiert ist in seinem Leiden und Sterben: Was hat all das bewirkt?
  • dann die Auferstehung des Leibes Christi zu begreifen: Was ist da passiert?
  • und seine Himmelfahrt: Was bedeutet es, dass Jesus Christus leibhaftig in den Himmel aufgefahren ist und so auf eine wichtige Art und Weise nicht mehr unter uns ist mit seinem Leib? Wie kann dann das Herrnmahl eine Gemeinschaft mit dem Leib Christi sein, wenn er doch gar nicht hier ist?

Das ist das erste, was es ohne Zweifel bedeutet, den „Leib des Herrn zu unterscheiden“. „Den Leib des Herrn unterscheiden“ kann aber auch bedeuten, dass wir begreifen müssen, inwiefern die Gemeinde als „Leib Christi“ zu verstehen ist.

Das ist sie ja! Das sagt Jesus eindeutig, gerade auch in der Einsetzung des Herrnmahls. Wir müssen begreifen, inwiefern Jesus Christus der Auferstandene und Aufgefahrene als Haupt gegenwärtig ist mitten in der Gemeinde, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt (Eph 1,22-23). So müssen wir die Worte Paulus aus 1Kor 10 verstehen, die ja auch im Herrnmahl immer anklingen:

„Ich rede ja mit Verständigen; beurteilt ihr, was ich sage!“ sagt er da. Mit anderen Worten: „Unterscheidet!“ Und weiter:

„Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht [die] Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht [die] Gemeinschaft des Leibes des Christus? Denn es ist ein Brot, so sind wir, die vielen, ein Leib; denn wir alle haben Teil an dem einen Brot. (1Kor 10,15-17)

Inwiefern ist der Andere, der Bruder, die Schwester „Leib Christ“, hat Anteil an dem wahren Leib Christi mit mir zusammen? Wie soll ich deshalb mit ihnen umgehen, aufgrund dieser Wahrheit? Das war ja das Problem, dass die Korinther das eben nicht getan haben. Jeder hat nur egoistisch auf sich selbst geschaut, nicht auf die Gemeinde, die doch der „Leib Christi“ ist.

Auch das kann hier gemeint sein – und ist hier ohne Zweifel gemeint. Manche Christen, selbst manche Theologen denken, man müsse hier wählen: den „Leib Christi zu unterscheiden“ bedeutet demnach entweder den wahren Leib Christi zu erkennen oder den Leib Christi in der Gemeinde. Aber das ist ein unbiblisches Dilemma! Gerade beim Abendmahl kommen diese beiden Aspekte untrennbar zusammen, wird deutlich, dass es um den wahren Leib Jesu Christi geht, an dem die versammelte Gemeinde am Tisch Anteil hat.

Wer all diese Dinge nicht wirklich begreift, wer nicht versteht, was die Elemente, die Symbolik des Herrnmahls mit Christus zu tun haben und mit der Gemeinde; wo der Leib Christi zu finden ist: nämlich im Himmel aber auch auf Erden in der versammelten Gemeinde; wer die Himmelfahrt nicht ernst nimmt und gleichzeitig die Gemeinde als Leib Christi nicht ernst nimmt, der hat am Tisch des Herrn nichts verloren.

 

Frage 82 – Anforderungen an die Amtsträger

Bisher haben wir nur gesprochen von den Anforderungen an den Einzelnen, als Individuum. Aber all das Gesagte, die „Selbstprüfung“, steht nicht im geringsten Widerspruch zu einer anderen biblischen Prüfung – der Prüfung durch die Hirten der Gemeinde. Davon spricht Frage 82, und dann auch die Fragen 83-85, wo es um das „Amt der Schlüssel“ geht, mit dem die Amtsträger das Himmelreich auf- und zuschließen, d.h. Leute in die Gemeinde aufnehmen oder ausschließen („exkommunizieren“). Das ist ganz wichtig: die Selbstprüfung des Einzelnen und die Prüfung und Zulassung durch die Stellvertreter der Gemeinde stehen biblisch völlig im Einklang miteinander.

In 1Kor 5 spricht Paulus von einem Mahl, dem Liebesmahl der Gemeinde, das entweder selbst das Herrnmahl ist oder das zumindest der Kontext war, indem das Herrnmahl stattgefunden hat, und er kritisiert die Hirten der Gemeinde dort, dass sie einen Unzüchtigen nicht ausgeschlossen haben von ihrem Mahl, wie sie es sollten. Er sagt: „Habt ihr nicht die zu richten, welche drinnen sind? Die aber außerhalb sind, richtet Gott. So tut den Bösen aus eurer Mitte hinweg!“ (5,12-13) Schließt ihn aus der Gemeinschaft am Tisch, der „Kommunion“ aus.

Deshalb spricht die Frage 82 auch explizit von der Zulassung zum Herrnmahl durch die „christliche Gemeinde“ und meint damit die Amtsträger: „Dürfen aber zum heiligen Abendmahl auch solche zugelassen werden, die sich in ihrem Bekenntnis und Leben als Ungläubige und Gottlose erweisen?“

Die Frage ist: Auf welcher Grundlage sollen die Hirten, soll der Kirchenrat einer Gemeinde prüfen und zulassen, wie es in der Frage heißt? Zwei Dinge werden in dieser Frage 82 genannt: Bekenntnis und Leben.

„Dürfen aber zum heiligen Abendmahl auch solche zugelassen werden, die sich in ihrem Bekenntnis und Leben als Ungläubige und Gottlose erweisen?“ Wer nicht den wahren Glauben bekennt ist „ungläubig“; wer nicht entsprechend dieses Bekenntnisses lebt, ist „gottlos“.

Dies bedeutet zumindest, dass die Hirten sich nach bestem Wissen und Gewissen versichern müssen, dass die, die sie zum Tisch des Herrn zulassen, beides tun – den wahren Glauben bekennen und dementsprechend leben. Sie sollen dafür sorgen, wie es schon in Frage 81 anklang, dass nur diejenigen kommen, „die auch begehren, ihren Glauben immer mehr zu stärken und ihr Leben zu bessern.“

Es ist interessant, dass der Heidelberger Katechismus hier etwas tut, was uns heute nicht mehr so vertraut ist: er wirft Lehre und Leben zusammen. Die meisten Christen sind einverstanden, dass Menschen vom Herrnmahl ferngehalten werden müssen, die sich moralisch, also „im Leben“, verfehlt haben, die schlimme Sünden begangen haben, die offenbar geworden sind. Dass das Leben der Herrnmahlteilnehmer überwacht werden muss, leuchtet vielen ein. Es scheint mir aber, dass die meisten nicht so einverstanden, dass auch Menschen vom Herrnmahl ferngehalten, d.h. nicht zugelassen werden dürfen, die sich „in der Lehre“ verfehlt haben.

Damit sind nicht die gemeint, die irrtümlich etwas falsches sagen und glauben, die sich aber eines Besseren belehren lassen, sobald sie korrigiert werden. Auch hier gilt: wer bußfertig ist und seine falschen Lehrmeinungen korrigiert, sollte nicht gehindert werden, zum Tisch der Herrn zu gehen, genauso wenig wie es ein Hindernis ist, wenn sich jemand im Leben verfehlt, dies aber zugibt, Buße tut und aufhört damit.

Die Hirten der Gemeinde müssen also prüfen, wer zum Tisch kommen will. Sie müssen jeden prüfen! Sie müssen „nach der Ordnung Christi und seiner Apostel“ die, die nicht den wahren Glauben bekennen und nicht dementsprechend leben „durch das Amt der Schlüssel ausschließen, bis sie ihr Leben bessern.“ Das ist ihre Hirtenberufung! Tun sie das nicht „wird der Bund Gottes geschmäht und sein Zorn über die ganze Gemeinde erregt.“ Wir sehen das immer wieder mal in der Bibel, wie die Sünde einzelner ein Gericht über die ganze Gemeinde bringt, wenn diese Sünde nicht eingedämmt wird. Und so ist es auch beim Herrnmahl.

Bei Mitgliedern der Gemeinde bedeutet das, dass sie erst aufgenommen und zum Tisch zugelassen werden, nachdem sie geprüft worden sind darin, darin, was sie glauben und wie sie leben – so gut wie eben möglich! Es bedeutet, dass sie ein öffentliches Bekenntnis ihres Glaubens ablegen müssen und dass vor ihrer Aufnahme die ganze Gemeinde das Vetorecht hat, falls sie etwas in ihrem Leben entdecken, was nicht zu ihrem Bekenntnis passt.

Bei Gästen, die uns besuchen und zum Herrnmahl kommen möchten gilt, natürlich derselbe Standard. Auch hier ist es der unerlässliche Auftrag der Gemeindeleitung, sich zu vergewissern bezüglich des Glaubensbekenntnisses und des Lebens derer, die kommen wollen. Dies ist bei Gästen natürlich oft schwierig und manchmal unmöglich. Deshalb akzeptiert man ein Zeugnis über ihre Mitgliedschaft in der Kirche wo sie bereits ihren Glauben bekannt haben und unter Aufsicht durch Älteste sind. Wenn so ein glaubwürdiges Zeugnis über Bekenntnis und Leben nicht herbeigebracht werden kann, dürfen sie auch nicht zugelassen werden, denn sonst „wird der Bund Gottes geschmäht und sein Zorn über die ganze Gemeinde erregt.“

Was all dies für die Kinder der Gemeinde bedeutet, werden wir uns nächste Woche d.v. gemeinsam anschauen.

Dies sind die Anforderungen für die Menschen, die zum Tisch des Herrn kommen sollen. So, und nur so, wird das Herrnmahl zum Segen für die ganze Gemeinde.

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