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»Wie lange, o Herr…?« – Die Verzögerung des göttlichen Trostes

Es ist keine neue Erkenntnis, dass zeitgenössische christliche Musik, so genannte »Praise & Worship«-Musik, sich im Großen und Ganzen nicht durch eine ganzheitlich biblische Theologie auszeichnet. Sie ist vielmehr meist psychologisch sehr einseitig. Fröhlich, siegreich, voll Lob und Dank, und … oberflächlich. Die Perspektive ist, dass das christliche Leben seine beste Zeit hier auf Erden zu haben scheint!

Wenn man dagegen Klassiker der christlichen Liederdichtung liest oder singt, ist es, als trete man in eine andere Welt ein; anders als das genannte Genre – allerdings nicht so anders als die Welt der Bibel.

In der Bibel, und analog dazu auch im älteren Liedgut (ich verallgemeinere!), ist die Perspektive eine andere. Es ist die Perspektive des christlichen Lebens als Pilgerschaft durch eine Welt, in der wir keine Heimatstätte finden (Hebr 13,14; Offb 21,2), hin zu der himmlischen Heimat. In der Welt und in unserem Leben auf Erden werden wir angefeindet und angefochten, erleben wir Leid und Rückschläge. Sieghaft ist unser Leben als Christen nur in eschatologischer Perspektive, d.h. in der Perspektive des im Himmel vollendeten und für uns dort aufbewahrten Heils.

So gesehen erfüllt die zeitgenössische christliche Popmusik, wie sie vor allem in charismatischen Gemeinden (mittlerweile aber auch in den meisten »traditionellen« Freikirchen) gesungen wird, eine Eschatologie, in der wir im Grunde alles schon jetzt sofort haben und kaum noch etwas im Glauben mit Seufzen herbeisehnen.

Das ist im älteren Liedgut anders. Mir fällt zum Beispiel auf, wie in Paul Gerhardts »Befiehl du deine Wege«, in Strophe 9 Dinge gesagt werden, ja eine Sicht von Gottes Führung im Leben des Christen deutlich wird, die dem peppigen und populären Liedgut von heute verdächtig fehlt. Dort heißt es:

Er [Gott] wird zwar eine Weile
Mit seinem Trost verziehn
Und tun an seinem Teile,
Als hätt‹ in seinem Sinn
Er deiner sich begeben,
Und sollt’st du für und für
In Angst und Nöten schweben,
Frag‹ er doch nichts nach dir.

Das erinnert stark an Psalmen wie Psalm 13:

Dem Vorsänger. Ein Psalm Davids. Wie lange, o Herr, willst du mich ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir? Wie lange soll ich Sorgen hegen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen tragen Tag für Tag? Wie lange soll mein Feind sich über mich erheben? Schau her und erhöre mich, o Herr, mein Gott! Erleuchte meine Augen, daß ich nicht in den Todesschlaf versinke, daß mein Feind nicht sagen kann: »Ich habe ihn überwältigt«, und meine Widersacher nicht frohlocken, weil ich wanke! Ich aber vertraue auf deine Gnade; mein Herz soll frohlocken in deinem Heil. Ich will dem Herrn singen, weil er mir wohlgetan hat!

Oder auch wie Psalm 6, 1-5:

Dem Vorsänger. Mit Saitenspiel; auf der Scheminith. Ein Psalm Davids.Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, züchtige mich nicht in deinem Grimm! Sei mir gnädig, o Herr, denn ich verschmachte! Heile mich, o Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken, und meine Seele ist sehr erschrocken; und du, Herr, wie lange —? Kehre doch wieder zurück, Herr, rette meine Seele! Hilf mir um deiner Gnade willen!

Oder schließlich erinnert mich das an die »Last«, die der Prophet Habakkuk zu tragen hatte:

Die Last, den der Prophet Habakuk geschaut hat: Wie lange, o Herr, rufe ich schon, ohne daß du hörst! Ich schreie zu dir wegen des Unrechts, und du hilfst nicht. Warum läßt du mich Bosheit sehen und schaust dem Unheil zu? Bedrückung und Gewalttat werden vor meinen Augen begangen; es entsteht Streit, und Zank erhebt sich. (Habakkuk 1,1–3)

Hier hält der Gläubige die Spannung des christlichen Lebens aus – eines Lebens zwischen der Erlösung, die wir schon jetzt und doch noch nicht bzw. nur auf Hoffnung hin haben.

Wie sagt es der Apostel Paulus im Römerbrief?

Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Wehen liegt bis jetzt; und nicht nur sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir erwarten seufzend die Sohnesstellung, die Erlösung unseres Leibes. Denn auf Hoffnung hin sind wir errettet worden. Eine Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung; denn warum hofft auch jemand auf das, was er sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so erwarten wir es mit standhaftem Ausharren. (Röm 8,22–25)

Ist Paul Gerhardt, sind die älteren Liederdichter Pessimisten? Haben sie vielleicht eine zu niedrige Sicht vom Sieg Christi am Kreuz? Keineswegs. Gerhardts Lied mündet ein in die Hoffnung und Zuversicht. Schon in der nächsten Strophe, Strophe 10, klingt dies an:

Wird’s aber sich befinden,
Daß du ihm treu verbleibst,
So wird er dich entbinden,
Da du’s am mind’sten gläubst;
Er wird dein Herze lösen
Von der so schweren Last,
Die du zu keinem Bösen
Bisher getragen hast.

Und noch mehr im letzten Vers:

Mach End‹, o Herr, mach Ende
An aller unsrer Not,
Stärk unsre Füß‹ und Hände
Und laß bis in den Tod
Uns allzeit deiner Pflege
Und Treu‹ empfohlen sein,
So gehen unsre Wege
Gewiß zum Himmel ein.

Der Unterschied zweischen den beiden Genre von christlichen Liedern ist nicht in der Hoffnung! Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass nach der Bibel, und nach Paul Gerhardt, die christliche Hoffnung, von der wir auch singen, nicht vor Augen liegt, sondern sich nur den Augen des Glaubens erschließt, während viele »Praise&Worship« Lieder dieses Leben als »Himmel auf Erden« verstehen, als wären wir schon vom Glauben zum Schauen durchgedrungen.

Deshalb – lasst uns alte, im Leben bewährte und vor allem biblische Lieder singen!

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