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Wie sollen wir unseren Gottesdienst beginnen?

In der SERK Heidelberg folgen die Gottesdienste am Sonntagmorgen einer feststehenden Liturgie.

Die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde hört zunächst (d.h. nach den Ankündigungen und einer kurzen Zeit der Stille und Vorbereitung), noch sitzend (!), auf das Votum (auch »Adjutorium« genannt, von lat. für »Hilfe«), den Hilfeschrei von Gemeinde zu Gott:

Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. (Ps 124,8)

Dieser Hilfeschrei macht uns – und Gott! – deutlich, dass wir auf seine Hilfe angewiesen sind, um überhaupt mit der richtigen Haltung und den richtigen Worten und Taten den Gottesdienst beginnen zu können. Alternativ gebrauchen wir hier auch die trinitarische Eröffnungsformel:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Der eigentliche Gottesdienst beginnt dann sogleich mit dem Ruf Gottes an sein Bundesvolk, den Ruf zur Anbetung des Herrn, wozu sich die Gemeinde »wie ein Mann« (Rich 20,8) erhebt aus Ehrfurcht vor der Stimme des Herrn (vgl. 5Mos 5,25).

Abraham Kuyper (1837-1920), Politiker und Theologe, hat in seinem Buch Onze Eeredienst (Unser Gottesdienst) eine kleine Diskussion des Votums, die ich hier als Übersetzung anbieten möchte:

Welches Votum?

Die Frage, die uns nun beschäftigt, ist: welches Votum sollen wir wählen? Unsere Väter gebrauchten, und unsere Synoden schrieben gar vor, die Worte aus Psalm 124,8: »Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.« Darüber hinaus war es ganz gewöhnlich für lange Zeit zu sagen, »Unser Anfang steht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«, während wieder andere aufwendigere Formen gebrauchten, wie etwa die Worte aus Offenbarung 1,4ff.

Wir wollen festhalten, dass Einmütigkeit in dieser Angelegenheit sicherlich zu wünschen sei. Die Gemeinde sollte nicht erst überlegen müssen, was hier gerade gesagt wird oder gar nachdem der Satz schon vorbei ist. Es sollte ein kurzer Satz sein, der den Leuten schnell ins Gedächtnis geht, so dass sie ihn leicht für sich selbst leise mitsprechen können. Der Leiter des Gottesdienstes spricht ihn für alle und an Stelle von allen. Die Dordrechter Synode von 1574 hat mit gutem Recht darum die Worte aus Psalm 124,8 als Votum vorgeschrieben.

Dass die Beschlüsse dieser Synode nicht überall befolgt wurden, geht nicht zurück auf die holländischen Umstände, sondern auf die englischen. Eine Aktion führt immer zur Reaktion. In der Englischen 1 Staatskirche führte Cranmer 2, gegen den ausdrücklichen Rat a Lascos 3 eine ausufernde und fragwürdige Liturgie ein, die in der Gefahr stand, in der Kirche wiederum allerlei römische Rituale einzuführen (gegen die a Lasco ausdrücklich gewarnt hatte) und wie es sich dann leider auch in der Tat erweisen sollte. So war es nur verständlich, dass die englischen Presbyterianer zum anderen Extrem schwangen und sich heftig gegen jede Art von Formularen 4 und vorformulierten Gebeten auflehnten. A Lasco selber tat dies nicht. Seine Liturgie, die es immernoch gibt, ist auch recht ausführlich und er hatte sie für viele Jahre in Flüchtlingsgemeinden aus unserem Heimatland 5, die in London und anderswo unter Eduard dem VI. enstanden waren, in Gebrauch.

Am Ende war jedoch der Einfluss der englischen Presbyterianer dort stärker als die Autorität des Reformators unserer Flüchtlingsgemeinden in London. Die Schriften dieser englischen Presbyterianer führten in unseren Kirchen zu einer einseitigen spiritualistischen 6 Aversion gegen jede Art der Formalität im Gottesdienst. Es soll jedoch niemand behaupten, dass eine Festschreibung solch eines feststehenden Votums den Prinzipien der Reformation entgegenläuft. Wer dies behauptet, müsste schon alle unsere Kirchen, die sich in Dordrecht versammelten, sowie a Lasco, den Helden unserer Flüchtlingsgemeinden, als unreformiert bezeichnen.

Fußnoten:

  1. d.h. Anglikanischen
  2. Thomas Cranmer (1489-1556) war Erzbischof von Canterbury und Reformator.
  3. Johannes a Lasco (1499-1560) war ein polnischer Reformator, der einem Ruf von Cranmer folgte und in London die reformierte Flüchtlingsgemeinde leitete.
  4. Formulare sind ausformulierte Elemente der gottesdienstlichen Liturgie.
  5. d.h. den Niederlanden.
  6. In der Theologie bezeichnen wir mit Spiritualismus eine Haltung, die in Glaubensangelegenheiten alles Äußerliche zumindest für unwesentlich hält, oder sogar ganz ablehnt. Sie geht im Wesentlichen zurück auf Zwingli, sodann aber auch die Täufer.
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