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Zeichen + Realität = Sakrament (Johannes Calvin)

»Zusammenfassend sei gesagt: unsere Seelen werden mit dem Fleisch und Blut Christi nicht anders genährt, als wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten und fördern. Denn das Entsprechungsverhältnis, das bei dem Zeichen (in seiner Beziehung zur Sache) besteht, würde nicht passen, wenn die Seelen nicht ihre Speise in Christus fänden. Und das kann nicht geschehen, wenn Christus nicht in Wahrheit mit uns in eins zusammenwächst und uns durch das Essen seines Fleisches und das Trinken seines Blutes erquickt.

Es mag allerdings wohl unglaublich erscheinen, daß Christi Fleisch bei so großer räumlicher Entfernung zu uns dringen kann, um uns zur Speise zu werden; aber wir wollen bedenken, wie weit die verborgene Kraft des Heiligen Geistes über alle unsere Sinne hinausragt, und wie töricht es wäre, ihre Unermeßlichkeit nach unserem Maß messen zu wollen. Was also unser Verstand nicht begreift, das soll der Glaube erfassen: was räumlich getrennt ist, das wird vom Heiligen Geist in Wahrheit geeint.
Jenes heilige Teilhaben an seinem Fleisch und Blut nun, in dem Christus sein Leben auf uns überströmen läßt, wie wenn es uns in Mark und Bein dränge, – das bezeugt und versiegelt er auch im Abendmahl, und zwar nicht durch vorhalten eines eitlen und leeren Zeichens, sondern indem er die Wirkkraft seines Geistes dabei ans Licht bringt, um mit ihr das, was er verheißt, in Erfüllung gehen zu lassen. Und es ist zweifellos so, daß er die Sache, die darin als in einem Zeichen veranschaulicht wird, allen darbietet und vor Augen stellt, die sich zu jenem geistlichen Mahl niederlassen, obgleich sie allein von den Gläubigen mit Frucht empfangen wird, die solche große Freundlichkeit in wahrem Glauben und mit herzlicher Dankbarkeit annehmen.
In diesem Sinne hat der Apostel gesagt, „das Brot, das wir brechen“, sei „die Gemeinschaft des Leibes Christi“, und „der Kelch, welchen wir“ mit Wort und Gebet dazu „segnen“, sei „die Gemeinschaft des Blutes Christi“ (1. Kor. 10,16). Es besteht auch kein Anlaß dazu, daß irgendwer den Einwand macht, das sei hier eine bildliche Redeweise, in welcher der Name der im Zeichen veranschaulichten Sache auf das Zeichen selbst übertragen würde. Ich gebe allerdings zu, daß das Brechen des Brotes ein Merkzeichen ist und nicht die Sache selbst. Aber wenn wir das feststellen, so können wir doch daraus, daß uns das Zeichen dargegeben wird, mit Recht den Schluß ziehen, daß uns auch die Sache gewährt wird. Denn wenn einer Gott nicht lügenhaft nennen will, so wird er sich nie und nimmer erdreisten, die Behauptung aufzustellen, es würde uns von ihm ein eitles Merkzeichen vorgehalten. Wenn also der Herr durch das Brechen des Brotes in Wahrheit das Teilhaben an seinem Leibe veranschaulicht, so darf es durchaus nicht in Zweifel gezogen werden, daß er uns dies auch in Wahrheit gewährt und dargibt. Und es müssen überhaupt alle Gläubigen die Regel festhalten, daß sie allemal, wenn sie die Merkzeichen sehen, die der Herr eingesetzt hat, auch gewißlich dafürhalten und überzeugt sein sollen, daß darin auch die Wahrheit der im Zeichen dargestellten Sache gegenwärtig sei. Weshalb gibt dir denn der Herr anders das Merkzeichen seines Leibes in die Hand, als um dich des wahren Teilhabens an ihm zu vergewissern? Wenn es nun wahr ist, daß uns das sichtbare Zeichen dargeboten wird, um die Schenkung der unsichtbaren Sache zu versiegeln, so sollen wir, wenn wir das Merkzeichen des Leibes Christi empfangen haben, die feste Zuversicht in uns tragen, daß uns nicht weniger auch der Leib selbst gegeben wird.

Ich behaupte also – und so hat man es in der Kirche allezeit angenommen, ebenso lehren es auch heute alle, die der rechten Meinung sind –, daß das heilige Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls aus zwei Dingen besteht: aus leiblichen Zeichen, die uns vor Augen gestellt werden und uns unsichtbare Dinge nach dem Auffassungsvermögen unserer Schwachheit veranschaulichen, und der geistlichen Wahrheit, die durch die Merkzeichen selbst zugleich abgebildet und dargeboten wird.«

[Johannes Calvin, Institutio, Buch IV,17,10-11]

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